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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
[Ohne Titel] / Me.
Date
1900-02-02
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 „Die 2> Welt- Seite 7 „Doctor.Kohn" als Wohlthätisskeits-Vorstellung zugunsten des vom hiesigen Vereine „Zion" gegründeten jüdischen Ferienheims angesetzt. Bei dieser Gelegenheit schlug ich Herrn Schlesinger vor, mit seinem Ensemble, das über mehrere vorzügliche Kräfte verfügt, eine Tournee durch Rumänien, Galizien und die Bukowina zu machen und hierbei nur die Stücke rDas n e u e G h e 11 o" und „D o c t o r Kohn" aufzuführen. Herr Schlesinger, der die Bedeutung der zionistischen Bewegung aus eigener Wahrnehmung kennt, gieng sofort auf den Gedanken ein und hat seine Mitglieder zu diesem Zwecke für die Monate Mai und Juni verpflichtet. Da in diesen Gastspielen ein ausgezeichnetes Agitationsmittel gelegen ist, mache ich die gesinnungsgenössischen Vereine in den genannten Ländern schon heute auf die Tournee aufmerksam und erwarte, dass unsere rührigen Agitatoren das Ihrige zum Gelingen beitragen werden. — Die Proben zu beiden Stücken sind im vollen Gange. Dr. Me. Weltchronik. Eine jüdische Baumwollspinnerei in Lodz. Dem „Odessky Listok" wurde vor kurzer Zeit aus Warschau berichtet, dass die dortigen Zionisten bei der Regierung die Gründung einer Actiengesellschaft für die Einrichtung einer Baumwollspinnerei in Lodz befürworten, in der ausschliesslich jüdische Arbeiter aufgenommen werden. Die Arbeiter werden an den Sonntagen und fast allen christlichen Feiertagen arbeiten müssen und anstatt derselben die Samstage und alle israelitischen Feiertage frei haben. Es wäre sehr wünschenswert, dass dieses Ansuchen berücksichtigt werde, weil gegenwärtig der israelitische Fabriksarbeiter keine Ruhe im wahren Sinne dieses Wortes kennt, denn wenn er auch an den christlichen Feiertagen ausruhen kann, so ist das für ihn nur eine körperliche Erholung, während seine geistigen Bedürfnisse doch unbefriedigt "bleiben. Ausserdem werden die jüdischen Fabriksarbeiter zur Arbeit an den jüdischen Feiertagen bei den jetzigen Einrichtungen gezwungen. Umsomehr ist das Zustandekommen dieser Actiengesellschaft zu wünschen, die in ihren Unternehmungen nur wohlthätige und keine Handelszwecke verfolgen wird. Die jüdischen Soldaten des in Mitau stationierten 114. Nowotorshok'schen Infanterie - Regiments begiengen am 7. Jänner eine seltene Feier, indem sie am Abend des genannten Tages eine „Regiments-Thorarolle" im Werte von 200 Rubel aus eigenen Mitteln schreiben zu lassen begannen. Der Regimentschef, Oberst Prilukow, hatte sämmtliv-he jüdische Soldaten des Regimentes mittelst besonderen Befehls für den ganzen Tag beurlaubt Bei der abends in der Synagoge veranstalteten Einweihungsfeier, zu welcher die ganze jüdische Gemeinde geladen war, trug ein aus der Mitte der Soldaten gebildeter Chor die Nationalhymne in russischer Sprache vor. Oer antisemitische Druckschriftenhändler N e u m a n n stand wieder einmal wegen Verübung groben Unfugs vor der achten Strafkammer am Berliner Landgerichte I. Er pries eines Tages an der Ecke der Jäger- und Friedrichstrasse seine Druckschriften in lauter Weise and unter Anwendung von Kraftausdrücken, wie „Judenpack" u. dgl. an. Zwei Juden nahmen daran Aergernis und veranlassten die Strafanzeige. Das Schöffengericht erkannte seinerzeit auf Freisprechung, der Staatsanwalt legte jedoch Berufung ein. Die Verhandlung vor der Berufungskammer endete mit der Verurtheilung des Angeklagten zu einer Woche Haft. Der Staatsanwalt hatte vier Wochen Haft beantragt. Marokkanische Juden. Dem Reisebriefe eines Correspondenten des »Berliner Tageblatt" aus Marokko entnehmen wir folgende interessante Details über die vielverfolgten Juden von Marakkesch: »Die Zahl der Juden mag etwa 10.000 betragen. Es ist dies ein in vielfacher Beziehung äusserst interessantes Völkchen, das -zweifellos den brauchbarsten, tüchtigsten und fleissigsten Theil der Bevölkerung Marokkos darstellt. So sehr auch der fanatische Maure den Juden hasst und verachtet, entbehren kann er ihn doch nicht, denn ohne die Juden gäbe es überhaupt weder Handel, noch leistungsfähige Gewerbe in Marokko. Es ist gewiss nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass die maurischen Juden die althebräischen Traditionen am strengsten erhalten haben. Besonders ernst wird die Sabbathfeier genommen, die von Freitag Abend bis Samstag Abend dauert. Alle Geschäfte sind dann geschlossen, und jede Erwerbsthätigkeit ruht vollständig. Gegessen wird ausschliesslich die Dasina, eine schon am Freitag gebackene und schwer verdauliche Pastete, deren Bestandtheile Weizengries, Eier, Fleisch, Bohnen, Oel und Piment bilden. So lange man nicht religiösen Gebeten und Gesängen obliegt, sitzt man den ganzen Tag über in dem mit zahlreichen Stühlen ausgestatteten Putzzimmer und erwartet hier die Besuche seiner Freunde und Bekannten oder stattet selbst solche ab. Die Frauen tragen dabei in grellbunten Seidengewändem, überreichen Stickereien und kostbarem Schmuck ein Vermögen zur Schau. Die guten Eigenschaften des jüdischen Volkes sind in Marokko besonders ausgeprägt, namentlich Familiensinn und Zusammengehörigkeitsgefühl. Mit den Fehlern verhält es sich freilich ebenso." Von besonderem Interesse ist die Mittheilung, die derselbe Correspondent über die Thätigkeit der englischen Mission in Marakkesch macht: „Ein angesehener deutscher Kaufmann aus Mogador (Jude) erkrankte hierselbst schwer an Dysenterie und wurde zunächst von zwei Landsleuten sorgsam gepflegt. Als letztere aber ihre Abreise nicht länger mehr hinausschieben konnten, liessen sie den Kranken in die englische Mission schaffen. Hier aber hi«>lt man demselben zunächst eine Bibel vor mit dem Bemerken, dass seine Aufnahme nur dann stattfinden könne, wenn er sich zum Christenthum bekehre. Der Bedauernswerte liess sich daraufhin ins Mellah zurücktragen und genas hier unter der sorgsamen Pflege maurischer Juden. Aehnliche Beispiele könnte ich noch mehrfach anführen. Aus dem obigen aber wird jedermann selbst zur Genüge beurtheilen können, wie es mit der christlichen Nächstenliebe der englischen Missionäre in Marokko beschaffen ist." Ein „Achtundvierziger". Kürzlich starb in Budapest im Alter von 94 Jahren Samuel Schlesinger, eine interessante Persönlichkeit des alten Ungarn. Im Jahre 1848 spielte er eine nicht unwichtige Rolle auf Seiten der Freiheitskämpfer und wurde von dem damaligen Kriegsminister der ungarischen Regierung zum Commandanten des einzigen Kriegsschiffes ernannt, aus dem die ungarische Marine bestand. Nach dem Friedensschlüsse zwischen Kaiser und Volk in Ungarn erhielt Schlesinger den Posten des Schiffahrtsinspectors für den Bezirk der Donau und ihre Nebenflüsse, welchen der Verstorbene während vieler Jahre zur Zufriedenheit der Regierung bekleidete. Eine gemüthliche Fahrt. Der Geschäftsreisende RudolfS. aus Magdeburg fuhr vor einiger Zeit in einem Wagenabtheil mit dem Kaufmann W. von Kothen nach Magdeburg. Er begann mit diesem, dem er ansah, dass er Jude war. ein Gespräch über Antisemitismus. W. entgegnete, er stehe auf dem Standpunkte des Abgeordneten Eugen Richter, worauf S. zu schimpfen begann, den W, thätlich angriff, ihn an den Schultern fasste, so dass W. mehrfach den Platz wechselte. S. spie auf die Bänke, so dass W. sich nicht mehr setzen konnte und ans Fenster trat. Hier drückte S. den W. gegen den Fensterrahmen und stiess ihm seinen Hut vom Kopfe. W. sah sich schliesslich genöthigt, dieNothleine zu ziehen, den Zug zum Stehen zu bringen und sich ein anderes Abtheil anweisen zu lassen. W. liess in Magdeburg die Persönlichkeit des S. polizeilich feststellen, der jetzt wegen wörtlicher und thätlicher Beleidigung zu 100 M. Geldstrafe event. 20 Tagen Gefängnis verurtheilt wurde.

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