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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Die Wiener "Arbeiter-Zeitung"
Date
1900-02-02
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 »Die & Welt" Seite 5 Denn einerseits hat die ^Arbeiter-Zeitung" unter ihren Lesern und Parteiangehörigen viele Juden, und die könnten sich durch-eine auffallende Menge Antisemitismus gekränkt fühlen, dann will die „Arbeiter-Zeitung" die christlichen „Genossen", die ohnehin immer zum Antisemitismus inclinieren, nicht noch auf publicistischem Wege gegen die Juden reizen, und schliesslich sind die Juden der „Arbeiter-Zeitung" nichts weniger als Antisemiten, sie sind sogar — in tiefer liegenden Regionen ihres Gefühles — ziemlich gut jüdisch gesinnt. Widerwillig oder halb unbewusst haben sie ein Faible für das Judenthum, eine heimliche Zuneigung, die sie nicht los werden können, auch wenn sie sich confessionslos erklären oder in den Taufkessel hinabtauchen. Sehr oft. sehr o*t hört man diese Sympathie zwischen den Zeilen hervorklingen. Umso drolliger erscheinen dann die socialdemokra tischen Juden, wenn sie antisemitische Gesten machen oder christliche Mitarbeiter zu antisemitischen Artikeln animieren. Solche Antisemitica sind übrigens gewöhnlich blos mit gewissen Einschränkungen antisemitisch. Unter dem Vorwande, dass die Angriffe nur auf die reichen Juden gemünzt sind, gibt die „Arbeiter- Zeitung" Sottisen von sich, die jeder Jude ohne Unterschied des Jahreseinkommens, wenn er Lust hat, einstecken kann. Letzten Sonntag hat die „Arbeiter-Zeitung" wieder einmal Anlass genommen, aus vollem Halse zu antisemitein. Unständiger Satiriker, der, wie üblich, die Verpflichtung hat. an jedem Sonntag irgendeine faule Stelle im Gesellschaftsbaue zu entdecken und mehr oder minder zu geissein, hat diesmal die actuellen jüdischen Kohlenbarone mehr oder minder gegeisselt. Die Gelegenheit war günstig, und die „ Arbeiter-Zeitung" hat sich weidlich gemüht, den Vorwurf der Verjudung zu widerlegen. Alle Wiener antisemitischen Blätter mögen am Sonntag die „Arbeiter-Zeitung" um ihren prächtigen Artikel beneidet haben. Der mundfaule Dialect. in dem sich die Kohlenbarone unterhielten, war verblüffend naturgetreu. Man hat gemerkt: die „Arbeiter-Zeitung" drückt sich vollkommen ungezwungen und ungekünstelt aus. die- „mauschelnde" Redeweise verursacht ihr gar keine Anstrengung. Gott, und welch ein Wortreichthum! Man muss mit einem Sprachgeiste schon auf sehr verwandtschaftlichem F.usse leben, wenn man sich so natürlich und gediegen ausdrücken will, wie die „Arbeiter-Zeitung" in dem erwähnten Ghetto-Idiom. Niemand wird etwas dagegen haben, wenn die jüdischen Kohlenmillionäre einige Püffe bekommen, aber zu diesem wohlthätigen Zwecke wird es sich iuiiner empfehlen, wenn die Anzüglichkeiten weniger allgemein gehalten sind. Der Senator Mercier. Von Max Rotter. Geherai Mercier ist zum Senator gewählt worden. Ja, er ist sogar mit einer imposanten Majorität gewählt worden. Er erhielt 703 Stimmen, während auf seinen Gegeneandidaten 2S7 Stimmen entfielen. Diese Mittheilung hat der Telegraph in die Welt hinausgetragen und hei allen, die auch nur einen Funken des Verständnisses für dasjenige besitzen, was man unter gesitteten Menschen Anstandsgefühl nennt, Staunen hervorgerufen. Wie, fragte man sich, haben denn die französischen Bürger, wenn sie eine der höchsten Würden verleihen wollen, eine so geringe Auswahl von an Charakter, Ehre und Geist beachtenswerten Männern, dass sie schon bis auf einen — Mercier gekommen sind? Man weiss, wer Mercier ist, alle Welt hatte gründliche Gelegenheit, das Charakterbild dieses Mannes zu studieren, der als der glühendste, fanatischeste Ankläger des armen Capitäns Dreyfus auftrat, aber während der Campagne immer mehr als ein Schurke von ganz ungewöhnlicher Verderbtheit sich zeigte. General Mercier war derjenige gewesen, der, bevor er als Ankläger des Dreyfus sein antisemitisches Herz entdeckt hatte, in dem Blatte Drumonts stets als ein hervorragender Dummkopf bezeichnet wurde, um später in demselben Blatte als ein genialer, grosser Geist geleiert zu werden. Die freisinnige französische Presse gab allerdings gerade in diesem Zeitpunkte der Ueberzeugung Ausdruck, dass General Mercier ein niedriger, von den verbrecherischesten Instincten erfüllter Mensch sei. Unbefangene Denker, die die Wahrheit anerkennen, wann, wo und von wem immer sie ausgesprochen wird, einigten sich, als sie Mercier in der Beleuchtung sahen, die im Gerichtssaale zu Rennes auf ihn fiel, zu dem Compromisse, theils Drumont, theils den Freisinnigen Recht zu geben, sie anerkannten nämlich, dass Mercier in seltenem Masse die Eigenschaften eines Dummkopfes mit jenen eines Schurken verbinde. In der That, wenn man Mercier sah und hörte, wenn man genau beobachtete, wie dieser Mensch in einem Gewebe von schamlosester Dreistigkeit, alberner Perfidie und verblüffender Verlogenheit verstrickt war, so staunte man nur über eines, dass Mercier als Ankläger und nicht als Angeklagter dastand, dass ihn die militärischen Richter mit Achtung und Auszeichnung behandelten und keiner von ihnen ihm jene von sittlichem Eifer durchglühten Zornesworte zurief, die ihn zerschmettert hätten. Was hatte dieser Mensch alles gethan, um die Schuld eines Unschuldigen zu beweisen. Er hatte wiederholt seine Pflichten verletzt und dem ersten Kriegsgerichte, welches über Dreyfus zu urtheilen hatte, geheime Actenstücke ausgeliefert, um es gegen Dreyfus zu beeinflussen. Aber diese geheimen Actenstücke waren überdies auch Fälschungen, und zwar solch plumper Art, dass man selbst bei der bescheidensten Schätzung der geistigen Kräfte Merciers nicht anders denken konnte, als dass ihm gar wohl bekannt sei, dass es gefälschte Documente seien, die er gegen den unglücklichen Dreyfus in die Wagschale werfe. Aber damit ist das Sündenregister dieses von Gehässigkeit erfüllten satanischen Menschen noch lange nicht erschöpft. Es wurden ihm im Gerichtssaale von den Vertheidigern Dreyfus' eine Reihe der frechsten Lügen nachgewiesen, es wurde mit unzweideutiger Klarheit festgestellt, dass er sich eines Meineides schuldig gemacht, dass er Documente, die zu den ministeriellen Acten gehörten, weil sie ihm nicht in den Kram passten, zerrissen und unterschlagen habe .. . Das alles hinderte nicht, dass der ehrlose Mercier, in dem die französischen Antisemiten die Verkörperung ihres Judenhasses erblickten, in Ehren den Gerichtssaal verliess, dass er den militärischen Rock, den er mit Schmach bedeckte, weiterhin tragen durfte, dass die Ordenszeichen, die seine Brust schmückten, auch nicht um ein einziges verringert wurden. Er war ja der Mann, der alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die Schuld des Juden Dreyfus zu beweisen. Da durfte man schon ein wenig Nachsicht für die Mittel haben, die er zur Anwendung brachte. Er war ja kein so armer Teufel wie Major Esterhazy, dem man ja

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