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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Antizionistische Strömungen im Ghetto
Date
1900-02-02
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 ,4)ie j£* Welt*« Seite 3 Was nun den Einwand betrifft, dass die Juden, dank ihrem schroffen Individualismus, sich am wenigsten zur Schaffung eines autonomen Staates eignen, dass sie sich nur unter einer fremden Fuchielruthe wohl fühlen, so wäre ein Streit darüber ebenso müssig wie kindisch. Was einst, während der Römerherrschaft, sie zu Fall gebracht hat, wird wohl kaum je mehr wiederkehren, weil die Verhältnisse ganz andere geworden und eine 2000jährige Diaspora nicht ganz spurlos an ihnen vorübergezogen sind. Allerdings ist nicht abzuleugnen, dass bei einer Massen ein Wanderung in Palästina nicht alles so glatt ablaufen kann, dass es an Kämpfen jeglicher Art, selbst an religiösen Fehden, nicht fehlen werde: dasselbe aber geschieht überall. Ohne Kampf — kein Fortschritt! Andererseits aber werden die Juden aus ihren jeweiligen Vaterländern so viele Erfahrungen — theils trauiiger, theils nützlicher Art — mit in die neue Heimat tragen, zudem in ihren heiligen Büchern, an denen sie mit eiserner Zähigkeit festhalten, in der Bibel und denl Talmud, einen solch reichen Schatz ethischer (irundprincipien aufgespeichert finden, dass man sie bloss aus dem alten Schutt ritueller Versteinerungen herauszuschälen und ins praktische Leben einzuführeu haben wird, damit sich die Juden zu einem gesunden, culturell-ethischen Volke herauskrystallisieren... Mein Glaube an die ethische Bildungsfähigkeit meines Volkes, worauf es mir zu allererst ankommt, ist felsenfest . . . Viele Ghettojuden, und zwar die Satten und Uebersatten, kümmern sich um den Zionismus nicht, weil sie sich überhaupt um nichts, das nicht ihr liebes Ego betrifft, kümmern. Die Haut dieser Herren ist gegen das Massenelend ihres Volkes ebenso gefeit, wie gegen die tausende moralischer Ohrfeigen, die ihnen täglich von ihren arischen Nachbarn versetzt werden. „Leben — so lange es sich leben lässt, geniessen, Avas Dir der Augenblick gewährt: apres moi le deluge!" Allerdings wird auch von Zeit zu Zeit — aus angestammter Furcht vor Prügeln im Jenseits — den N >thleidenden mancher Brocken grossmüthig hingeworfen, ja selbst Kranken- und Bethäuser werden errichtet — damit aber hat's auch sein Bewenden. „Die Juden", heisst's, „leiden seit 2000 Jahren und leben noch; sie werden noch 2<j00 Jahre leben und — leiden: das ist der Welten Lauf; daran lässt sich nichts ändern .... Für uns dagegen ist vorläufig gesorgt" Aber auch solche Ghettojuden gibts, die sich zwar zu den Intelligenten zählen, deren Intelligenz aber sich nicht höher verstiegen hat, als bis zum jüdischen Antisemitismus. Aus irgendwelchen zufälligen Gründen haben sie das Judenthum zwar noch nicht ganz abgestreift, dafür aber schreien sie auf allen Gassen, dass die Juden ein miserables, niederträchtiges Volk seien — ihre eigene Person schliessen sie dabei selbstverständlich aus! — dass die Juden das Schicksal, welches sie trifft, vollauf verdienen . . . Aus diesen Elenden remitieren sich die meisten Mitarbeiter antisemitischer Hetzblätter ä la „Nowoje Wremja", Geistesverwandte von Arthur Meyer und Gasion Polonnais ... Es ist derselbe Menschenschlag, der einst den Griechen beigestanden, als die Makkabäer, ihre heldenmüthigen Glaubensgenossen, den verzweifelten Kampf um ihre Freiheit gefochten haben ... Von die.-em Geschmeiss ist wohl keine Sympathie für den Zionismus zu erwarten . . . Freilich gibts auch viele intelligente Ghettojuden, die sonst wohl sehr brav und gesinnungstüchtig, jedoch bis nun vom Weltbürgerthum dermassen angekränkelt sind, dass sie sich ganz und gar ins Lager der liberalen Arier begeben haben, um zugleich mit letzteren an einer socialen Evolution mitzuarbeiten. Die Judenfrage, meinen sie, sei nicht nationaler, auch nicht religiöser, sondern ausschliesslich ökonomischer Natur; sie sei ein Specialfall der „socialen Frage" und werde ihre Lösung finden, sobald die letztere gelöst sein wird. Die sogenannte „sociale Frage" bleibt mithin der einzige Sündenbock für alles jüdische Weh. Dabei gibt es unter diesen Evolutionisten sehr wenige, die sich klargelegt haben, worin denn eigentlich diese sociale Frage bestehe? Für die meisten ist sie ein Schibboleth, ein geflügeltes Wort, nichts weiter! Recht wenige erfassen es, wie compliciert diese Frage sei, dass sie nicht nur ökonomische Contraste, Classencontraste, sondern auch ethische, nationale, religiöse, ästhetische in sich schliesse — und dass es eben diese vielfachen Contraste sind, welche die Lösung der socialen Frage im Sinne der socialen Gerechtigkeit so unendlich schwierig, wenn überhaupt möglich machen. Und auf di< sen Messias, der nach Aussage selbst optimistisch gestimmter Sociologen nicht eher als nach Jahrhunderten eintreffen wird, sollten die armen Juden des Ghetto gläubig warten!! Wenn im jetzigen Europa, in Ländern, deren Insassen weder durch Rasse, noch Religion — sondern bloss durch Sprache und Nationalität voneinander geschieden sind — ein Kampf aul Leben und Tod um die Hegemonie geführt wird — beispielsweise zwischen Czechen und Deutschen — welche Zukunft erwartet nun ein Volk, das sowohl durch Race als auch durch Religion und nationale Eigenthümlichkeiten von seinen arischen Nachbarn so grell absticht und dazu noch in einer winzigen Minderheit vorhanden ist? Die Blüten dieser Zukunft sind schon in den Ghettoländern aufgeschossen: Die Czechen prügeln die Juden, weil sie Deutsche sind, die Deutschen — weil sie Czechen sind, die Polen und Rumänen — weil sie Juden sind . . . Die schönen Früchte dieser socialen Verbrüderung werden erst im XX. Jahrhundert reifen und davor schauderts mich! Nun gibts eine stattliche Zahl n a ti o nal-gesinnter Ghettojuden, echter braver Söhne ihres Volkes, die ihr ganzes Leben der Förderung jüdischer Cultur und jüdischen Geistes widmen, die mit ihren Glaubensgenossen mitleben und mitleiden, die aber dennoch keine Zionisten sind, weil sie weder an die Ausführbarkeit, noch an die Zweckmässigkeit einer Uebersiedlung gerade nach Palästina glauben, wiewohl sie nichts Sehnlicheres wünschen, als dass die Juden irgend-' wo oder irgendwann sich als Nation ausleben ... Es sind also Zionisten, bloss ohne Zton. Mit diesen will ich weiter nicht rechten, weil ich überzeugt bin, dass sie unsere treuesten Bundesgenossen werden, sobald wir die ersten praktischen Erfolge erzielt haben werden. Wohl aber muss ich einer schwarzen Bande, die im Ghetto haust, Erwähnung thun, einer Rotte K o r a h s, die a c t i v, mit allen verwerflichen Mitteln jesuitischer Schleicherei gegen uns wühlt, die eigens besoldete Agenten in Bewegung setzt, um nicht nur den Zionismus, sondern auch die Führer zu verleumden, zu verdächtigen, zu denuncieren und ihre Pläne zu durchkreuzen. Diese ehrenwerten Männer remitieren sich gerade aus frömmelnden Duckmäusern und scheinheiligen Rabbinern, welche sich als „Hüter des Gesetzes" aufspielen. Zum Glücke ist ihre Zahl nicht gross . .. Ich bin ja weit entfernt davon, diejenigen orthodoxen Juden überhaupt und Rabbiner speciell zu verdammen, welche den Zionismus vom religiösen Standpunkte aus nicht billigen, welche die Erlösung vom Golus durch ein

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