Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Juden und Schwarze
Date
1900-02-02
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315857-3366254--17575-3366413
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 ,Dle x£ Welt" Nr. 5 genossen, die vermöge ihres Wohlstandes nicht nur vor dem Gesetze, sondern auch in der Gesellschaft Gleichheit beanspruchen und die scharfe gesellschaftliche Scheidung zwischen Juden und Chrislen schmerzlich empfinden, aber für die grosse Masse ist es nach den in Europa erduldeten Verfolgungen, nach dem überstandenen mat riellen Elend der Gipfel des Glücke?, unbehelligt im Schweisse des Angesichtes Brot zu verdienen. Und dieses Glück hat, so scheint es, viel zu lange gedauert. Eine einzige schwere „Frage" hat Amerika, die Negerfrage, und schon werden die Juden an Leib und Leben bedroht. Die Abschaffung der Sclaverei in den Südstaaten von Amerika hat sich unter den obwaltenden Umständen zu einer Calamität ohnegl.-ichen für die emaneipierten Neger entwickelt, die Freiheit, für die Abraham Lincoln und die Besten ihr Leben opferten, ist den Schwarzen zum Fluche geworden. A s Sclave war der Neger, gleich den Hörigen des Mittelalter-, an die Scholle gebunden, aber diese Scholle gab ihm sein tägliches Brot; er war das Eijrenthum seines Herrn, dafür genoss er den Schutz, den jeder Mensch seinem Eigenthum gewährt Heute aber ist er darauf angewiesen, unter den ungünstigsten Verhältnissen, mitten unter erbitterten Feinden, sein Dast-in zu behaupten — welch ein Dasein! Ein räudiges Thier findet bei den Weissen Amerikas mehr Erbarmen als ein Nt ger, wenn er das Unglück hat, etwas Stolz, nein, ein ganz klein wenig Selbstachtung zu besitzen; die Gesetze sind lür ihn nicht vorhanden, die christliche Religion, zu der er sich aufrichtig bekennt, verliert ihm gegenüber ihre Milde, wie ihre Macht. So gross in den Funfzigerjahren das Mitleid war, das man für die in der Sclaverei schmachtenden Neger empfand, so gross ist der Hass, mit dem man jetzt die zu ihrem Unglücke Befreiten verfolgt. Das ist unendlich traurig — aber was hat das mit uns Juden zu thun? Wir haben seit dem ersten Tage unseres geschichtlichen Bestehens nichts mit den Schwarzen zu schaffen gehabt; wir haben sie weder in ihrer alten Heimat behelligt, noch als Sclaven nach der Neuen Welt gebracht; wir haben nie Sclaven gehalten und gequält Wohl aber haben Juden Bäche von Thränen über die Leiden der Neger vergossen, jüdische Dichter und Schriftsteller haben für ihre Befreiung gestritten, und Juden haben im amerikanischen Bürgerkriege gegen die Feinde der Emaneipation im Felde gestanden. Welche Ursache haben die Neger von Newport,. die Austreibung der Juden zu wünschen? Das ist das neueste weltgeschichtliche Bild: Cham, der an Sem die Fusstritte rächt, die er von Japhet empfängt! Das sieht neu aus, ist aber in Wahrheit die alte Erfahrung, die sich unter allen Himmelsstrichen und zu allen Zeiten in der Geschichte der Juden wiederholt Sie ist sehr schmerzlich, diese Erfahrung, die uns zum Sündenbocke macht für alles Unrecht, alles Böse, das die Menschheit begeht, aber sie richtet uns zugleich auf und gibt uns den Stolz, den das Bewusstsein ui schuldigen Leiwens mit sich bringt \V i r wissen am besten, dass man ohne Ursache verfolgt; wir haben es in Europa gewusst, und jetzt, da die Negerfrage, mit der wir doch absolut nichts zu thun haben, eine judenft-indliche Richtung nimmt, worden wir nur in unserer Ueberzeugung von neuem bestärkt Doch das ist der Standpunkt des europäischen Juden, der, fern vom Schuss, das neue Uebel in Amerika mit objectiver Ruhe betrachtet und imstande ist, ihm eine tröstliche, sozusagen weltgeschichtliche Seite abzugewinnen. Für unsere Stammesgenossen in Amerika ist der Antisemitismus der Schwarzen ein böses Symptom. Wenn sich die Neger, diese Aermsten der Armen, die allerletzten Parias der amerikanischen Bevölkerung, der Abschaum der Erde, an die Juden heranwagen, so hat das nichts Gutes zu bedeuten. Im Quartier der Neger von Newport ist weder das Bewusstsein von der Sonderstellung der Juden, noch auch der Gedanke einer Judenverfolgung entstanden. Es ist überhaupt unfassbar, wie <üe Neger dazu kamen, in den Juden die Bürger zweiter Classe zu erkennen. Nein, der Abstand zwischen Schwarz und Weiss 4st so unendlich, dass der Unterschied zwischen Semiten und Ariern dagegen als eine unendlich winzige, kaum wahrnehmbare Nüance erscheint Von selbst sind die Schwarzen weder zur Erkenntnis dieser Nüance gekommen, noch haben sie aus eigenem den Muth gefunden, ihr Elend an den Juden zu rächen. Die niedersten Thiergattungen haben für den Stimmungswechsel in den oberen Luftregionen den sichersten Instinct. Antizionistische Strömungen im Ghetto. Von Prof. M. Mandelstamm. (Schluss.) Viele Ghettojuden, die zu den Intelligenten zählen, verhalten sich absprechend dem Zionismus gegenüber, weil sie das jüdische Volk als s o 1 c h e s für verloren halten, für unfähig, sich irgendwo und irgendwann als Nation zu constifuieren, theils deshalb, weil es das Vermögen eingebüsst haben soll, physisch zu arbeiten, besonders Ackerbau zu betreiben — was als Conditio sine qua non für das gesunde Gedeihen eines Volkes gilt! — theils deshalb, weil sie so undiseipliniert so individualistisch sind, dass sie in ihrer neuen Heimat weder Gesetz, noch Zucht und Ordnung einhalten und sich gegenseitig fressen würden . .. Diese Erwägungen, die offenbar aus der Rüstkammer der Antisemiten hervorgeholt werden, schlagen der Wahrheit offenbar ins Gesicht, abgesehen davon, dass die Herren, die derma ssen raisonnieren, si< h selber ein Testimonium pauperlatis ausstellen, ein Zeugnis ihrer Kurzsichtigkeit, mit welcher sie den enormen Einfluss des Milieu auf die Entwicklung und Fortbildung der Menschen nicht einzusehen vermögen. Allbekannt sind die zahlreichen jüdischen Ackerbaucolonien im C h e r s o n'schen und Ekaterinosla w'schen, die laut competenter Aussage die Mitte zwischen den deutschen und russischen Colonien einhalten, d. h. den deutschen Bauernwirtschaften zwar nachstehen, die russischen aber übertreffen, trotz der ungünstigen Verhältnisse, unter welchen sie entstanden und sich iortentwick« lt haben. Allbekannt sind die physischen Krattleistungen der jüdischen Hafenarbeiter in Odessa, der Lastträger in Berdilschew, der Flussschiffer in Pinsk, der Chausee-Arbeiter in Liithauen; allbekannt — der Fleiss, die Arbeitsamkeit, Nüchternheit und Genügsamkeit der Fabriksarbeiter und -Arbeiterinnen in Lodz, Bialystok, Pinsk. Weniger bekannt aber dürfte es sein, dass in der türkischen Hafenstadt Salonichi, wo die Juden frei, unter keinem ökonomischen Drucke stehend, sich ausleben dürfen, ein wahres Athletengeschlecht jüdischer Arbeiter sich herangebildet hat so dass sie alle anderen in den Schatten stellen und dass am Samstag am Hafen Todenstille herrscht, weil — die Juden feiern .. . Und nun gar die jüdischen Colonisten in Palästina, die wahrlich doch schon dazu beitragen konnten, alte Vorurtheile zu zerstören. . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.