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Die Welt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Article
Der Zionismus in Wien
Date
1900-01-26
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 XHe 2$ Welt« Nr. 4 nissen zu widmen, unter denen der Zionismus in Wien erstanden und sich entwickelte. Es soll darauf heute des Näheren nicht eingegangen werden. Nur eine kurze Betrachtung möge gestattet sein. Thatsache i.-t, dass allein unter den 70.000 Juden derWienerLeopoldstadtderweitausgrössteTheil ebenso zionistisch gesinnt ist. wie jene Juden, die einem der 20 zionistischen Bezirksvereine oder nationalen Studenten verbind untren angehören. Es dürfte daher angemessen erscheinen, die Frage zu erörtern, wie aus diesen „Zionisten des Herzens" -Zionisten der That* zu machen! Wer ein wenig die jüdischen Blätter jener Länder und Städte liest, wo ähnliche Verhältnisse wie in der Leopoldstadt herrschen, nämlich dort, wo ein grosses jüdisches Proletariat eng beisammenwohnt, also in Russland, Rumänien, Galizion, im Londoner Eastend und in den grossen amerikanischen Städten New-York, Chicago und Philadelphia — wer die Verhältnisse hier und dort vergleicht, dem muss es aufallen, dass die Agitation für den Zionismus dort in den Synagogen und Lehrsälen, den Bathe-midraschorh unterhalten wird, während wir sie in Wien entweder in den wenigen Vereinszusammenkünften oder in den noch wenigeren grösseren Agitationsversammlungen in Gasthäusprn cultivieren. Wo die grössere Wirkung erzielt werden kann, wo der geeignetere Ort dafür ist —? Diese Frage beantwortet sich von selbst, und wir glauben, dass es eine der ersten Arbeiten des soeben gewählten „Districtsvorstandes für Niederösterreich" sein sollte, die Mittel und Wege zu erörtern, wie in der angegebenen Richtung hin auf die Massen einzuwirken wäre. Dass in Wien für die Propagierung der zioni-tischen Idee gearbeitet wird, kann und wird niemand bestreiten. Aber es genügt nicht, nur jene zu gewinnen, welche der Intelligenz angehören, es müssen auch die Tausende, welche die Liebe zu Zion quasi mit der Muttermilch eingesogen haben, und gerade diese zuerst, für den politischen Zionismus gewonnen werden, sei es — wie wir oben angedeutet haben — indem man zu ihnen in den Bethäusern spricht, oder indem man unter diesen „Zionisten des Herzens" populäre, im Jargon oder in hebräischer Sprache geschriebene Broschüren in der Art des „Schiwas-Zion* etc. vertheilt. Im übrigen dürften die vom Einzelverein „Wien" des Verbandes „Zion" inaugurierten rFamilien-Abende* als eine glückliche Idee bezeichnet werden. Wie jedes „gute Ding", wind es auch hier einer gewissen Zeit bedürfen, bis die Idee popularisiert ist. Das sollte aber den Verein nicht abhalten, die betreten« Bahn zu verfolgen, und selbst die im Anfange unvermeidlichen Misserfolge — von denen ja heute noch keine Rede sein kann — selbst wenn diese eintreten sollten, müsste alles geschehen, um die weitesten Kreise dafür zu interessieren und zur Theilnahme anzuspornen. Im Folgenden berichten wir über die verschiedenen in der letzten Woche abgehaltenen Agitationsverammlungen in gedrängter Form, soweit der zur Verfügung stehende Raum es zugibt. Der Einzelvere in „W i e n" des „Zion" hielt am Dienstag voriger Woche eine gut besuchte A gi t a t i o n s- Versammlung in Guths Restaurant, IL, Stefaniestrasse, ab. Es referierte Schriftsteller Dr. D. Salo über „Die Gegner des Zionismus" und erntete mit seinen Ausführungen ungeteilten Betfall. — Am letzten Samstag hielt der Verein seinen ersten F a m i l i e n - A h e n d in Rosners Restaurant, Praterstrasse, ab. Was mit diesen „Abenden" beabsichtigt werden soll, hat der Verein in dem in der vorigen Nummer der „Welt" abgedruckten Circulare ausgesprochen. Beim ersten Abende waren es vor allem Herr Dr. D. Salo, der aus seinem feuilletonistischen Vorrathe einiges zum Besten gab. Ferner erfreute Herr Lehrer Ascher die Gesellschaft durch zwei prächtig vorgetragene Gesänge (Arie des Simon aus den „Jahreszeiten" und „Horch, horch!-' von Schubert), wobei seine liebenswürdige Gemahlin den Ciavierpart übernommen hatte. Endlich gab auch der allezeit bereite Tausendkünstler Mr. G r am mophone eine Anzahl seiner besten Repertoirenummem zum Besten. Sträusschen und Juxpost, von zarter Damenhand in liebenswürdigster Weise dargeboten, und last not least ein Tänzchen vervollständigten das Amüsement des ersten gelungenen Festes. Die Vereinsversammlung der Einzelvereine _W i ed en- Margarethen" des „Zion" vom 17. Jänner nahm einen sehr interessanten Verlauf. Nach der Begrüssung durch den Präses Herrn Liebling und nachdem durch die Wahl der Herren Oscar Löwy zum zweiten Vicepräses, Alfred P' sk und Julius Ries zum ersten, beziehungsweise zweiten Schriftführer der Ausschuss wieder complettiert worden, erstattete der erste Vicepräses Herr Dr. Gustav A b e 1 e s das Referat. Sein Thema lautet*1: ..Warum sind wir Zionisten?•• In anziehender und sachlicher Weise gab der Redner einen Rückblick auf das abgelaufene Jahrhundert und fand in dem Erwachen der zionistischen Bewegung eines der Hauptmomente, soweit das Judenthum in Betracht kommt. An der Hand eines Ausspruches Virchows erörterte der Redner die Frage, ob die Juden ein Volk seien oder nicht, und nachdem er ersteres bejaht, kam er auf die zwei grossen Gruppen^ die hauptsächlich in Betracht kommen, zu sprechen, jene Osteuropas und Westeuropas. Bei der ersteren ist es die materielle, bei der letzteren die ethische Nothlage an der Jahrhundertwende. Daraus, wie aus der ganzen Geschichte der Juden, müssen wir die Lehre ziehen, dass selbst, wenn der Antisemitismus wirklich aufhören sollte, dieses doch nur eine scheinbare Besserung wäre. Namentlich aber dürfe das Aufhören der judenfreundlichen Strömungen nicht auf Kosten des Juden t h u m s vor sich gehen, und hier sei es eben der Zionismus, der alle religiösen Ansichten in seiner Mitte vereinigen wolle. An den beifällig aufgenommenen Vortrag schloss sich eine lebhafte Debatte, in welcher die Herren Löwy, Epstein, Z e r k o w i t z und andere eingriffen. Der Einzelverein Aisergrund des „Zion" hielt am 18. d. M. eine gut besuchte öffentliche Versammlung im Restaurant „Zur schönen Schäferin" ab. Der Präses Herr Deiches richtete in seiner, von fortwährendem Beifalle unterbrochenen Begrüssungsrede einen warmen Appell an die Versammelten, die zionistische Bewegung zu unterstützen, denn die augenblickliche Lage verlange energische Selbsthilfe. Herzlichst begrüsst, nahm sodann der Referent des Abends Herr Dr. Leopold Kahn das Wort, um in theils humoristisch-satirischen, theils flammenden, ernsten Worten die „Judenfrage" zu beleuchten, und die Mittel und Wege zu erörtern, um sie aus der Welt zu schaffen. Die Existenz einer Judenfrage, die zu einer Weltfrage herangewachsen, die alle civilisierten Länder gleichermassen interessiert, werden von niemandem bestritten, nur sei man sich auf keiner Seite darüber einig, wie man sich ihrer — der Juden wie der Judenfrage — am besten entledigen könne. Man könne es eben nicht verschmerzen, dass bei den Juden die „Helle in den Köpfen" und die „Wärmein den Herzen" etwas intensiver sei, wie bei anderen Rassen. In Oesterreich ist die Judenfrage sowohl religiöser wie nationaler Natur, dafür sorgen die religiösen wie die nationalen Apostaten,die,namentlich in Ungarn, an der eigenen Unzulänglichkeit des Bewusstseins leiden, zu deren Besserung selbst die jüdisch-nationale Idee nichts helfe. Alles dieses dränge aber auf die einzige Lösung hin. die der Zionismus propagiert, nämlich die Schaffung eines selbständigen jüdischen Staatsgebietes, wie andere Nationen, mit vielleicht weniger Recht, es für sich beansprucht und durchgeführt haben. — An die mit reichem Beifalle aufgenommene Inständige -Rede schloss sich eine Discussion, in deren Verlauf Herr Paul Löbel eine kurze, heifällige aufgenommene Schilderung der palästinensichen Colonien gab. H. B—r. Zeitschriftenrundschau. ,.L*Echo Sioniste" bringt in einer seiner jüngsten Nummer eine Aeusserung Emil Zolas über den Zionismus und die palästinensische Colonisation. Der berühmte Romancier sagte einem Pariser Gesinnungsgenossen Herrn Slouschz. der ihn um seine Ansichten befragte, dass er über den Zionismus nichts Specielies wisse. Gleichzeitig aber bemerkte er, dass durch Colonisation die Juden wohl dazu gelangen könnten, ein nationales Centrum zu schaffen, das mit der Zeit eine grosse Bedeutung erlangen könne. Zola ist. der Ansicht, dass die Colonisation Palästinas durch die Juden ernste sociale Consequenzen zeugen werde. Dabei wies er darauf hin, dass er vor einigen Jahren die Absicht hatte, gemeinschaftlich mit dem Maler Tissot eine Reise nach Palästina zu unternehmen, um Material zu sammeln für eine neue Erzählung, die den Titel: „Die geistlichen Sitten und Gebräuche im Heiligen Lande" hätte führen sollen. Zwischen dem „Echo Sioniste" und Rabbiner Lattes, Redacteur des „Corriere Israelitico" ist eine Polemik im Gange über „Die Mission der Völker". Lattes erkennt dem jüdischen Volke lediglich eine „geistige Mission" zu. „Echo Sioniste" wird in einem späteren Artikel darauf ausführlich entgegnen. In beissenden Worten geissei t „Jewish World" die Absicht, auf der Pariser Ausstellung ein „Ghetto" als „Attraction" zu construieren. Dieser Plan der Directoren sei absolut unverständlich. „Man war der Ansicht, dass die Fortschritte der Civilisation in Paris zur Ausstellung gelangen sollen,

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