Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Article
- Antizionistische Strömungen im Ghetto
- Date
- 1900-01-26
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 ,;Die 2$ Welt4 Seite 3 zu zeihen; als die Hugenotten nach Aufhebung des Nantes sehen Edictes ihrem schönen Frankreich den Rücken kehrten und nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuten, selbst nach Südafrika giengen, wo ihre Nachkommen jetzt für die Unabhängigkeit Transvaals kämpfen, da fiel es niemandem ein. sie schlechte Franzosen zu schelten. Und wenn russische Juden seit zwanzig Jahren zu Lausenden jährlich auswandern, kommt es niemandem in <len Sinn, ihnen Mangel an Patriotismus vorzuwerfen: im Gegentheile, die russische Regierung hat das Emigrations-Comite des Baron Hirsch officiell bestätigt, lange bevor vom politischen Zionismus die Rede war. Auch hat man uns ja gar zu deutlich den Grund angegeben, w a r u m man uns nicht emaneipiert. Allerdings wirkt das Heimatsgefühl auf den Menschen mächtig ein, nicht nur auf Menschen, sondern auch auf niedrigere Geschöpfe. Die Schwalbe kehrt mit dem Herannahen des Frühlings in ihr altes Nest zurück, das sie im Spätherbst verlassen; das Pferd sucht stets die Krippe auf, aus der es frisst, der Hund den Lieblingsvvinkel im Hause, w*o er auszuruhen ptlegt. Diese Liebe zur Heimat ist eine physiologische Nothwendigkeit, eine zur zweiten Natur gewordene Gewohnheit, die man niemandem, weder Franzosen, noch Russen, noch Deutschen als besonderes Verdienst anzurechnen hat. Ein Vaterland aber besteht nicht bloss aus Feld und Thal, aus Fluss und Berg und Wald, aus Haus und Strasse, sondern auch aus lebendigen Menschen, mit denen man tagtäglich in tausendfache Beziehungen tritt. Wenn nun diese Beziehungen einem unerträglich gemacht werden durch Erniedrigung, Geringschätzung jeder Art, durch Verachtung und Verfolgung, so werden Heimatsgefühl und Vaterlandsliebe durch einen mächtigeren Trieb, den Selbsterhaltungstrieb, verdrängt, und hier tritt das alte „Ubi bene. ibi patria" in seine Rechte. Der Vorwurf also eines Mangels an Patriotismus könnte nicht die Ghettojuden, sondern diejenigen Vaterlandsretter treffen, welche durch ihr Gebaren aus dem Herzen der Juden ein jedes patriotische Gefühl ausmerzen und viele tausende ruhiger, fleissiger Bürger zwingen. Heim und Herd zu verlassen. Sollte daher wirklich massgebenderseits dieser Vorwurf gegen die Juden erhoben werden, so wäre er eine der vielen anderen faulen Ausreden, die benützt werden, um dem Verhalten uns gegenüber den Schein der Berechtigung zu geben, Ausreden von demselben Werte, wie etwa die, dass alle Juden Ausbeuter, Schmarotzer seien oder dass sie Christenblut zum Passahfeste gebrauchen ... (Schtuss folgU <S£ P. K. Rosegger über den Zionismus. Interview von Emil Kronberger. Als ich am 10. October v. J. bei dem berühmten Dichter zu Besuch weilte, dachte ich mir, dieser Mann, der mit solcher Liebe an den Eigenheiten seiner Heimat hängt, dass sie ihn fort und fort zu erneutem poetischen Schaffen begeistert, müsste unserer Bewegung ein volles Verständnis entgegenbi ingen. Ich täuschte mich nicht. Unser Gespräch hatte die politischen Tagesereignisse gestreift, und von hier die Unterhaltung dem Zionismus zuzuwenden, schien mir nicht schwer. Willig gieng der Dichter darauf ein und gab offen seiner Freude Ausdruck, auch unter dem Volke nationale Regungen zu spüren, das am meisten unter allen Culturvölkern dein kosmopolitischen Principe sich ergeben habe. Ich habe selten jemanden von der ethischen Bedeutung des Zionismus so begeistert sprechen hören, wie diesen mit seinem Vaterboden so eng verwachsenen Dichter. „Fast möchte man zur Fahrt nach Palästina sich versucht fühlen, um sich selbst davon zu überzeugen, ob der alte Boden noch alle Bedingungen besitze, diese Nation zum vollen Volkswerte gelangen zu lassen." Dreiviertel Stunden dauerte unser Gespräch, und Rosegger selbst zeigte sich mitunter so eingeweiht, dass ich staunte. Oft auch sprach er seine starken Zweifel aus und meinte einmal, jener englischen Dame gleich, er hätte die Befürchtung, dass alle die rechtschaffenen, ihm sympathischen Juden Europa verlassen und die Auswüchse der Börse und Presse nur hier bleiben würden. Auch erwähnte er die Heine-Denkmalfrage, und es ergab sich deutlich aus seinem Gespräche, dass er kein Antisemit, dass man ihm damals vielmehr Unrecht gethan. Des Näheren bin ich auf dieses Gespräch in einem Aufsatze zurückgekommen, der in dem demnächst erscheinenden Buche „Zionisten und Christen" enthalten ist. Wenige Tage waren seit meinem Besuche — ich hatte ihn unter anderem auch um einen Beitrag für mein oben erwähntes Sammelwerk gebeten — vergangen, als mir die Post eine Karte des Dichters brachte mit folgendem Sinnspruche: Den Zionisten. Wer sich einen Deutschen nennt Und die Heimatssehnsucht kennt. Und der Völker Freiheit preist, Ja, der muss doch fördern, segnen Euren Zionistengeist. Was unsere kritiksüchtigen Gegner immer so erregt hat, war stets das offene Vorgehen, das kein Hehl und keine Clique kennt. Gerade das hat uns die herzlichen Sympathien dieses Mannes und vieler anderer Christen erworben. Wir aber mögen darauf stolz sein und sie zu erhalten trachten. m, Die jüdische Colonialbank. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Subscribenten der Jüdischen Colonialbank hat bei Einsendung von Beträgen für die Bank theils die Namen der Absender überhaupt nicht genannt, theils die Adresse ungenau angegeben, demzufolge können auch dieselben nicht in den Besitz der Allotement-Briefe gelangen. Wir fordern daher alle die Subscribenten, welche ihre Allotement-Briefe nicht erhalten haben, auf, dem Bureau des Zionisten-Congresses, Wien, IX.. Türkenstrasse 9, folgende Daten anzugeben: Vor- und Zunamen, genaue Adresse, die Höhe des eingezahlten Betrages, die Zeit, wann eingezahlt wurde, die Zahlstelle, an welche, respective durch welche eingezahlt wurde, die Zahl der subscribierten Actien. Das Congressbureau wird dann die Ausfertigung der Allotement-Briefe und deren Zustellung veranlassen. Der A u f 3 i c h t s r a t h. Zwischenhandel. Von Dr. Adolf Friedemann. Als vor hundert Jahren durch die Erfindung des Dampfes die Verkehrsverhältnisse sich in ungeahntem Masse entwickelten, die menschlichen Bedürfnisse und Ansprüche an die Lebenshaltung fast plötzlich gewaltig anwuchsen und niemand imstande war, wie bisher den häuslichen Bedarf selbst zu verfertigen, wurde die Vermittlung der Werte