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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
St. Petersburg
Date
1900-01-19
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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S«be;;10 „DteWelt" Nr. 3 witsch persönlich zu kennen und aus seinem Münde persönlich zu vernehmen, wie tief es ihn kränkte, die Juden verfolgt und drangsaliert zu sehen. Auf dem Graben in Wien war es, wo Ihr Correspondent vor Jahren mit Grigorowitsch eine Zusammenkunft hatte, wobei Gregorowitsch seinem Unmuthe über die Judenverfolgungen in Russland sowohl, als auch über das Emporwuchern des Antisemitismus in der Kaiserstadt an der Donau beredt Ausdruck gab. Grigorowitsch. der in Weidlingau eine Villa besass, pflegte allsommerlich in Wien zu weilen, wo er Gelegenheit hatte, die antisemitische Bewegung in Oesterreich zu beobachten. Mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit pflegte er auch im Kreise seiner Wiener Bekannten für die gehetzten Juden warm einzutreten. Zui Zeit der Judenverfolgungen in Russland hatte Grigorowitsch seine Stimme oftmals zugunsten der Juden erhoben. Er sagte Ihrem Correspondenten einmal wörtlich : „In meinem Verkehre mit den Juden habe ich erst gelernt, diese begabte Nation zu schätzen und zu achten. Stets nüchtern und arbeitsam, für seine Familie lebend, doch die Leiden seiner Mitmenschen stets zu lindei n bestrebt, ist der Jude ein ethisches Element vom hohem Werte." Diesen seinen Anschuungen treu, hat Grigorowitsch unter Alexander III. das herbe Los vieler jüdischer Familien gemildert, vielen jüdischen Handwerkern das Wohnrecht in Petersburg erwirkt und vi^le jüdische Existenzen vor Untergang gerettet. Die russischen Juden werden diesem wahrhaft gerechten Russen ein dankbares Andenken bewahren. N. G. Die jüdische Coloniaibank. Au» London erhalten wir die Mittheilung, dass die Directoren der Jüdischen Coloniaibank am 15. Jänner mit dem Unterschreiben der Sharcs begonnen haben. Es sind bekanntlieh einige hunderttausende Unterschriften nöthig. Allerlei Nachrichten. Chief-Rabbi Dr. Adler in London wurde zum correspondierenden Mitgliede der „Amerikanisch - Indischen Historischen Gesellschaft" gewählt. * Der berühmte englische Novellist Kid er Haggard gedenkt, nächstens Palästina zu besuchen. Er beabsichtigt, über seine Eindrücke ein Buch herauszugeben. Auf die zahlreichen Gei-iu-he von Juden um die Erlaubnis zur. Uebersiedlung nach dem Kaukasus entschied nach den rN. W." der dirigierende Senat, dass die im westlichen Sesshaftigkeitsrayon geborenen und in diesen» Rayon bei den Gemeinden angeschriebenen Juden nicht das Recht zum Aufenthalte im Kaukasus haben, wenn dieses Recht von ihnen nicht in der gesetzlich festgestellten Ordnung erworben ist. Den jüdischen Colonisten im Gouvernement Chej son wurde die Erlaubnis gewährt, ihre Grundstücke durch Kauf zu vergrössern und abzurunden. Der neuerwählte Lordmayor von Liverpool, Mr. Louis S. Cohen, hat alsbald nach seiner Wahl durch Maueranschläge kundgegeben, dass er am Samstag keine Amtsstunden zu halten gedenke. * Dem Vernehmen nach soll die deutsche Levante-Linie vorläufig einmal im Monat — auch nach Syrien expedieren, und zwar mit Anläufen in Jaffa, Haifa und Beirut. Durch Fortfallen der kostspieligen Umladungen ist der Export zahlreicher Artikel von und nach Deutschland auf diese Weise ermöglicht. In Berlin wurde ein bekannter Colporteur wegen Feilbietung antisemitischer Drucksorten und deren Anpreisung unter beleidigenden Ausdrücken, wie „Judenpack" etc., vor Gericht gestellt, aber von der auf „groben Unfug" lautenden Anklage in erster Instanz freigesprochen. Infolge der Berufung des Staatsanwaltes kam die Sache vor die ßerufungskammer, die den Angeklagten zu einer Woche Haft verurtheilte. Der Staatsanwalt hatte vier Wochen beantragt. In Rom starb dieser Tage der bekannte jüdische Gelehrte Rabbiner Dr. Moses Ehren reich. Der Verstorbene stammte aus Brody. Zu den in der jüngsten Nummer unseres Blattes veröffentlichten Zahlen über die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten tragen wir noch folgende interessante. Daten nach: Was die Beschäftigung der Einwanderer betrifft, befanden sich unter ihnen 393 Spengler und Schmiede, 1421 Tischler und Zimmerleute, 170 Schlosser, 141 Barbiere, 1111 Schuhmacher. 58 Sattler. 3664 Schneider, 12t Uhrmacher, 93 Weber, 57S Bäcker. 1367 Kaufleute, 40 Landwirte und 273 Erdarbeiter. Die in Petersburg bestehende Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland hat vor kurzem den Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1S9S publiciert, dem folgende interessante Daten zu entnehmen sind: Die Zahl der Mitglieder betrug mit Schluss des Berichtsjahres 2748 Personen. An Geldmitteln besass die Gesellschaft am 1. Jänner 1S9S 6S.308 Rubel 52 Kop.; es flössen im Laufe des Berichtsjahres ein 137.670 Rubel 50 Kop. Verausgabt wurden 118.379 Rubel 53 Kop., demnach verblieben bei der Gesellschaft am Schlüsse des Jahres 1898 S7.599 Rubel. Für die Unterstützung der unbemittelten jüdischen Besucher der höheren Lehranstalten wurden 41.848 Rubel 96 Kop. verausgabt. Der studierenden jüdischen Jugend in mittleren Lehranstalten wurde eine Subvention von 9943 Rubel 5 Kop. gewährt. Schüler der niederen Lehranstalten wurden mit 1555 Rubel unterstützt. Den jüdischen Elementarschulen in der Provinz hat die Gesellschaft eine Unterstützung von 20.S2S Rubel 66 Kop. zukommen lassen. Zum Unterhalte der Petersburger Schulen hat die Gesellschaft den Betrag von 23.727 Rubel 90 Kop. verausgabt. Da die Gesellschaft trotz ihrer erspriesslichen Thätigkeit aus Mangel an Mitteln den an sie gestellten Anforderungen nicht gerecht zu werden vermag, denn es gibt nicht weniger als 400.000 jüdische Kinder, welche noch jetzt keine Schule besuchen, so hat das Comite der Gesellschaft im vorigen Jahre alle jene Personen, die mit Hilfe der Gesellschaft ihre Ausbildung erhielten, ersucht, die von der Gesellschaft seinerzeit erhaltenen Subsidien ganz oder in Raten zurückzuzahlen. Der Schritt des Comites wurde von Erfolg gekrönt; viele sandten sogar ausser den erhaltenen Subsidien noch namhafte Spenden ein. Jetzt dürfte es der Gesellschaft möglich sein, ihr grosses Werk der Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland zu erweitern. Zeitschriftenrundschau. Noch immer beschäftigt sich die russische Presse mit dem Zionismus und dem III. Congress, auf dem sie stark vertreten war. Die vielgelesene Zeitung „Rossija" veröffent-

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