Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Article
- Judendebatten in der österreichischen Delegation [Nachricht]
- Date
- 1900-01-19
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Die & Welt" Seite $ Regierung die zwangsweise Verschickung sänimtlicher Juden nach Palästina zu empfehlen. Anders könnten die österreichischen W.imisse nicht behoben werden . . . Auch die Delegationssitzung vom lr». d. M., in der über den Voranschlag des Ministeriums des Aeussern berathen wurde, hatte übrigens ihre Judendebatte. Herr Schneider ergriff nämlich auch in dieser Sitzung das Wort. Die Veranlassung hierzu bot die Rede des Delegierten Prof. Hofmann in derselben Sitzung, der in seiner Rede u. a. auch auf die Schwierigkeiten zu sprechen kam, die die österreichischen Consulate Russlands jenen Oesterreichern bereiten, die nach Russland reisen wollen. Herr Schneide r ineinte hierauf. Oesterreich thäte am besten, wenn es Gleiches mit Gleichem vergelten würde und in der Weise an Russland Revanche übte, dass es die Österreich-ungarischen Consulate in Russland anwiese, denjenigen russischen Jude n, die in so beträchtlicher Anzahl nach Oesterreich reisen, die gleichen Schwierigkeiten bei der Vidierung der Pässe zu bereiten. Dies darum, weil ja die Consulate Russlands in Wahrheit nicht Oesterreifhern das Visum der Pässe verweigern, sondern bloss österreichischen Juden . . . L'nd haust Du meinen Juden, so haue ich Deinen Juden!. . . Farbige Antisemiten. In der amerikanischen Stadt N e wp ort kam es unlängst zwischen Juden und Schwarzen zu einem erbitterten Streite. Letztere hatten seit längerer Zeit die jüdischen Häuser des Nachts überfallen, ohne dass die Juden gehörigen polizeilichen Schutz fanden. Endlich wurde die Sache doch zu schlimm, und die Polizei legte sich gemeinschaftlich mit den Juden auf die Lauer. Es kam zu einem regelrechten Kampfe, wobei es auf beiden Seiten Todte und Verwundete gab. Die Rolle, welche die Polizei dabei spielte, wird als eine sehr zweifelhafte geschildert. Die Schwarzen erklären offen, sie würden nicht früher ruhen, als bis alle Juden ausgetrieben seien. Polna in Westfalen, in Vers m o 1 d, einem Städtchen im westfälischen Kreise Halle, trug sicli jüngst ein nettes Geschichtchen zu, worüber das ..Iburger Kreisblatt" wie folgt berichtet: „In den letzten Wochen hat sich aus Anlass des Neubaues der Synagoge in Versmold ein ebenso nichtswürdiges wie lügenhaftes Gerücht verbrettet. Beim Beginne des Baues lag die Genehmigung der Regierung noch nb-ht vor, trotzdem war die Bauerlaubnis seitens der Ortspolizeibehörde ertheilt worden. Infolge dessen wurde das Weiterführen des Baues, nachdem die Grundmauer bereits gestellt war. von der Regierung bis zum Eintreffen der von ihr zu ertheilenden Erlaubnis verboten. Schurkische Niedertracht hat dieses Vorkommnis dazu benützt, um im Volke den Wahn zu erregen und zu nähren, die Juden bedürften zum Weiterbauen Christenblut und könnten den Bau nicht eher fortsetzen, als bis dasselbe beschafft sei. Gegen diese niederträchtige Behauptung, die von gewissenloser Seite wider besseres Wissen verbreitet wurde, ist sofort, nachdem das Gerücht zu den Ohren der Betheiligten kam, energisch eingeschritten worden. Ausserdem ist eine Belohnung von :>(K) Mk. zur Feststellung des Urhebers des unsinnigen Gerüchtes der Behörde zur Verfügung gestellt worden. Hoffentlich gelingt es, den Urheber ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen." Die Ausbreitung des Antisemitismus unter den Czechen. Unter diesem Schlagworte bringt ein Wiener Antisemitenblatt mit sichtlicher Freude folgende Notiz: Die in Prag erscheinenden „Nov£ Listy", welche ab Neujahr von einem Redacteur des verschämt-jüdischen Hauptorganes der Jungezechen übernommen wurden, bringen an leitender Stelle unter dem Titel : „Am Anfang unserer Arbeit" folgende charakteristische Erwägungen : „Der anfänglich verhöhnte und ignorierte Antisemitismus hisst heute siegreich seine Flagge "im czechischen Gelände. Die grossen czechischen Journale haben nie den Muth gehabt, dem czechischen Volke die Wahrheit zu sagen. Ihr nationaler Kampf war nicht aufrichtig, weil sie sich nur auf das Ringen um die sprachliche Selbständigkeit verlegten und dabei gänzlich vergassen, darauf hinzuweisen, wie das Volk wirtschaftlich und moralisch zugrunde geht und dem allgemeinen wirtschaftlichen Bankerott entgegensteuert. Sie sagten nicht heraus, dass unter uns ein fremder, organisierter Volksstamm wohnt, der weit gefährlicher als unsere nationalen Gegner ist und der durch unsere Lässigkeit eine Grossmacht zu werden beginnt, gegen welche wir den Kampf aufnehmen müssen, bevor wir ganz zu ihren Sclaven herabsinken. Wir hörten nur immer von den Deutschen, aber nie etwas von den Jude n. Allein heute ist der Antisemitismus unwillkürlich in das ganze Volk eingedrungen. Es ist nicht der Antisemitismus der Roheit und des blinden Hasses, sondern ein Antisemitismus, welcher aus moralischen und wirtschaftlichen Interessen entspringt. L'nd den wollen wir pflegen." Die judenreichste Stadt der Monarchie. In dem dieser Tage erschienenen Buche Prof. A. L. H i c k m a n n s : „Die geistige und materielle Entwicklung Österreich-Ungarns im l'.t. Jahrhundert" wird Brody in Galizien als die judenreichste Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie bezeichnet. Brody besitzt Sl Percent Juden. Personalnachricht. Unser Gesinnungsgenosse Herr Osias B. Reifler in Sniatyn hat sich dieser Tage mit Fräulein Gründl ingor aus Starasola verlobt. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Sonntag, den :>1. December hielt Herr Architekt Oscar Marmorek im literarischen Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen ..Moria" einen äusserst interessanten Vortrag über „Exotische Juden". Der Vortragende behandelte, von der Besiegung der zehn Stämme durch den assyrischen König Salm a n a s s a r ausgehend, die jeweiligen Emigrationen der Juden aus ihrem Vaterlande und deren Ansiedlung auf fremdem Boden. Aber nicht sowohl die Juden des europäischen Ostens und des Westens bildeten das Thema des Vortrages, als vielmehr jene Juden, die zerstreut in Asien und Afrika wohnen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten die Mitglieder und Gäsie den Ausführungen des Redners über die Juden im Kaukasus , am Baikalsee, in Indien. China. Arabien etc. Reicher Beifall lohnte den geistvollen Vortrag. Mähr.-Ostrau. Am 1-. Jänner 1. J. referierte Herr eand. jur. Emil Krasny. Mitglied der „Ivria". im Saale „zur Linde" vor einer sehr grossen Zuhörerschaft über die Judenfrage. Er befasste sich vor allem mit den Ereignissen von Polna, den mährischen Excessen. und beleuchtete gebürend die Haltung des getauften socialdemokratischen Abgeordneten Borne r. Dadurch erregte er den Widerspruch der anwesenden socialdemokratischen jüdischen Handelsangestellten, welche sich sichtlich bemühten, durch Anbringung der üblichen jüdisch-socialdemokratischen Phrasen ihre Haltung dem Zionismus gegenüber zu rechtfertigen. Es wurde ihnen sowohl durch Herrn Krasny als auch durch unseren Gesinnungsgenossen Herrn Magister Fleischer eine gebürende Abfuhr zutheil. Der Versuch eines sich stolz „judenliberal" nennenden Herrn, die Nothwendigkeit des Zionismus zu entkräften, fand absolut keinen Anklang. Schliesslich constituierte sich ein Comite von <> Herren, welche es auf sich nahmen, in Ostrau eine Schekelorganisation zu gründen. Der Zionismus hat durch diese Versammlung bedeutend gewonnen. Russland. St. Petersburg. (Orig.-Corr.) Einer der hervorragendsten Schriftsteller Russlands, der Präsident der kaiserlich russischen Gesellschaft zur Förderung der Künste und Schöpfer der russischen Dorfgeschichte, Staatsrath D i m i t r i j W a s s i 1 j e w i t s c h Grigoro witsch, ist hier am 'S. d. M. im Alter von 77 Jahren verschieden. Der geistreiche Mann, der in seinen zahlreichen Werken die Ideen der Humanität und der Menschheit* - Verbrüderung predigte, war auch ein überzeugter Freund der Juden und des Judenthums, so dass sein Tod auch unter den Juden Russlands die schmerzlichsten Gefühle wecken dürfte. Ihr Correspondent hatte das Vergnügen, Grigoro-