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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
Holleschauer Excesse [Nachricht]
Date
1900-01-19
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 ,Die s£ Welt" Nr. 3 zeugung nicht und sprach den Angeklagten frei, weil nicht erwiesen sei. ob er es war, der den Schuss abfeuerte. Alte jadische Handschriften in der Frankfurter Stadtbibliothek. Die Frankfurter Stadtbibliothek hat vor kurzem eine höchst wertvolle Bereicherung ihrer hebräischen Abtheilung erfahren. Es ist derselben von einigen Gönnern der jüdischen Wissenschaft eine ganz beträchtliche Zahl von Handschrift-Fragmenten zugewandt worden, die aus der bekannten Genisah in Kairo stammen. Gleiche Fragmente besitzt bisher nur die Universitätsbibliothek zu Cambridge und das britische Museum in London. Die mit Datum versehenen Schriftstücke, welche theils Ehe-, theils Kaufverträge sind, rühren aus dem 10., 11. und l± Jahrhundert her. Der grösste Theil der Handschriften bildet eine wichtige Quelle für die Culturgeschichte der Juden in Aegypten. Auch Briefe in arabischer und hebräischer Sprache sind in der Sammlung vorhanden. Am wertvollsten jedoch ist die Fülle von bisher unbekannten Liedern und Gebeten, die eine Ergänzung der vielen liturgischen Druckwerke bilden, welche die Stadtbibliothek durch den Besitz der Berlinersehen Bibliothek hat. „Die Waffen nieder!" Das herrliche Buch der Baronin Bertha v. S u 11 n e r, das diesen Titel trägt und für die Propagierung der Friedensidee so unendlich viel geleistet hat, wird demnächst in einer hebräischen Uebersetzung von H. Rumeier erscheinen. Das hebräische Lesepublicum wird die Nachricht, dass dieses fast in alle Cultursprachen übersetzte Werk nunmehr auch ihm zugänglich gemacht wird, gewiss mit besonderer Freude aufnehmen. Das Blutmärchen in Ungarn. In einer kleinen Ortschaft des Biliarer Comitates war die durch die Agitationen gewisser Blätter verhetzte Bevölkerung, wie „Pesti Hirlap" zu melden weiss, in nicht geringe Aufregung versetzt, als sich kürzlich das Gerücht verbreitete, die Magd eines in der Nähe befindlichen Gutes sei seit drei Tagen spurlos verschwunden und die Leute vom Gute seien trotz eifrigen Suchens nicht imstande gewesen, sie ausfindig zu machen. Erregte Gruppen in den Gassen des Ortes discutierten das Ereignis, und es wurde allgemein der Vermuthung Ausdruck gegeben, dass es sich hier offenbar um nichts anderes, als um einen Ritualmord handeln könne. Und als erst ein umherziehender Schleifer erzählte, gerade vor drei Tagen habe er dem jüdischen Cantor das grosse Schächtmesser geschliffen, da wurde diese Vermuthung bei der Menge zur Gewissheit. Sie nahm infolge dessen den im Orte wohnenden Juden gegenüber eine drohende Haltung ein, denen es gewiss übel ergangen wäre, hätte es sich nicht herausgestellt, dass es sich erstens nicht um ein junges Mädchen handle, sondern um eine bejahrte Frau, und dass zweitens diese ältere Frau vor ein paar Stunden wohlbehalten auts Gut zurückgekehrt sei. Die besagte alte Frau hatte nämlich in einem Dorfe der Umgebung eine verheiratete Tochter, bei der sie sich hie und da einige- Tage aufzuhalten pflegte. Auch diesmal that sie so, vergass aber, als sie sich zu ihrer Tochter begab, den Leuten am Gute wie gewöhnlich hiervon Mittheilung zu machen. So entstand das Gerücht von dem spurlosen Verschwinden eines Christenmädchens, das für die Juden gewiss von üblen Folgen gewesen wäre, wenn sich eben die Wahrheit nicht rechtzeitig herausgestellt hätte. Erblich belastet. Man schreibt uns aus Lemberg: Ein jüdischer Religionslehrer an einer hiesigen Bürgerschule hat in den jüngsten Tagen zu öffentlichem Aergernis Anlass gegeben. Er hat nämlich ein von einem anderen hiesigen Religionslehrer vertasstes Religionsbuch in einem Wiener Blatte kritisiert. Diese unpatriotische That versetzte die hiesige, sonst sehr ruhige Religionslehrerschaft in grenzenlose Empörung. In seiner Kritik hat jener Religionslehrer auch über die unerquicklichen galizischen Zustände in puncto Religionsunterricht geschrieben, wobei ejf; gegen die religionsleeren Elemente unter den1 Religionslehrern losgezogen ist. Alle diese Vorwürfe hat aber die hiesige Religionslehrerschaft ruhig eingesteckt. Ihre Empörung beruht einzig und allein auf rein „nationalen" Motiven. Ihr polnischpatriotisches Gefühl bäumte sich bloss gegen die That des Kritikers, keinesfalls jedoch gegen den Inhalt seiner Kritik auf. Die jüdischen Religionslehrer fühlten sich in ihrer patriotischen Ehre gekränkt, dass einer aus ihrer Mitte „interne galizische Angelegenheiten" in einem Wiener Blatte kritisierte. Denn Wien ist hier seit dem Rücktritte B a d e n i s das Symbol des Antipolenthums, und jedes unverfälschte Polengefühl wird verletzt, wenn es eine Kritik einheimischer Verhältnisse in Wiener Blättern liest. Die hiesige Religionslehrerschaft nahm sich daher zusammen und veröffentlichte in einem in Neu-Sandec erseheinenden antisemitelnden pädagogischen Fachblättchen einen geharnischten, allerdings anonymen Protest gegen die unpatriotische That jenes Religionslehrers. Der Protest klingt in einen Appell an den Landesschulrath aus, er möge dem kritisierenden Religionslehrer das Handwerk legen. Die Herren Protestler meinen auch, jener Religioslehrer sei seines Amtes schon deshalb ganz und gar unwürdig, weil er mit UnPatriotismus erblich belastet ist. Sein Vater war nämlich Schankwirt, und die polnische Aufschrift seines Wirtshauses hatte, wie ältere Leute sich noch zu erinnern wissen, zwei orthographische Fehler!. .. Antisemitismus in Australien. Dem Mainzer „Israelit" berichtet man aus Sidney interessante Daten über das Anwachsen der antisemitischen Strömung in Australien, insbesondere in der Colonie Neu-Süd-Wales. Die dortigen Kaufleute und Gewerbetreibenden müssen sich infolge des jüdischen Wettbewerbes ordentlich anstrengen, um im Duseinskampfe zu bestehen, und das verursacht ihnen, die bisher an gemächliches Wohlleben und müheloses Anhäufen von Reichthümern gewohnt waren, viel Aerger und Verdruss. Die grösseren christlichen Bazargeschäfte in S i d n e y, die sich durch die Concurrenz der jüdischen Kleinhändler in ihren Interessen beeinträchtigt sehen, verbreiten seit kurzem antisemitische Hetzblätter und Schmähschriften unter ihren Kunden, um diese gegen die Juden aufzureizen. Die reichen Juden in Sidney verhalten sich demgegenüber ebenso läppisch, wie ihre Assimilationsgenossen in Europa. Sie drängen sich in christliche Clubs und Gesellschaften ein und verleugnen in der verächtlichsten Weise ihr Judenthum. Selbstverständlich leisten sie durch diese erbärmliche, feige Haltung den Judenfeinden Vorschub und tragen zur Ausbreitung der antijüdischen Bewegung in beträchtlichem Masse bei. Judendebatten in der österreichischen Delegation. Dass Judendebatten in den öffentlichen Vertretungskörpern Oesterreichs nicht zu den Seltenheiten gehören, ist männiglich bekannt. Im Reichsrathe nicht minder, wie im niederösterreichischen Landtage und im Wiener Gemeinderathe gab es in der letzten Zeit fast in jeder Sitzung sogenannte Judendebatten, so dass man gar nicht mehr überrascht war, in den Berichten über die Tagungen dieser Vertretungskörper von rüden Schimpfreden auf die Juden zu lesen. Nur in einem Vertretungskörper Oesterreichs herrschte bisher ein besserer Ton, in der Delegati on nämlich. Im neuen Jahrhundert jedoch ist auch hierin ein bemerkenswerter Umschwung eingetreten. Diesem Vertretungskörper wurde nämlich seit heuer die Ehre zutheil, Herrn Schneider, den bekannten Fachmann in Ritualmord-Angelegenheiten, zu seinen Mitgliedern zählen zu dürfen. Und dieser Herr Schneider wieder nahm in der Sitzung vom 9. d. M., auf deren Tagesordnung die Berathung über das Heeresbudget stand, die Gelegenheit wahr, eine Rede im Wiener Gemeinderathsgenre vom Stapel zu lassen und der

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