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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
Dr. A. Marmorek im Elsass
Date
1900-01-19
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 „Die 2$ Welt" Seite 7 schloss mit einem wannen Appell an die Anwesenden, die jüdische Volkssache zu unterstützen. Stürmischer Beifall lohnte den Vortragenden. Nach dem Vortrage fand eine Discussion statt. Mehrere Personen meldeten sich zum Worte. Die Ausführungen der meisten waren ziemlich belanglos: vom Interesse sind nur die Bemerkungen des Arztes Dr. Z ol ki und des Privatbeamten Dr. Dreyfus. Dr. Z o 1 k i warf dem Zionismus vor, er hätte bis jetzt nichts geleistet und sei eine Utopio: die Strassburger würden dem Judenthum dadurch am meisten nützen, dass sie einen grossen Colonisationsverein gründeten. Dr. Zolki, der ruhig und sachlich sprach, schien einen ziemlichen Eindruck auf das Publicum zu machen. Nach der Replik des Herrn Dr Marmorek. der einer Colonisation ohne rechtliche Garantien das Wort nicht reden konnte, sprach Herr Privatdocent Dr. Dreyfus. Er stellte die Behauptung auf, deren Beweis er natürlich schuldig blieb, es sei die Schuld der Juden selbst, wenn ihre gesellschaftliche Stellung schlecht sei, sie sollten sich vor allem selbst bessern, dann würde es ihnen auch besser gehen. Zwei Redacteure clericaler Blätter, die anwesend waren, konnten ihre Freude über eine solche Sprache nicht verbergen. Wohl noch nie hat ein Jude eine schwerere Anklage gegen sein Volk, gegen sein eigenes Blut erhoben. Der jüdische antisemitische Privatdocent erhielt die ihm gebürende Antwort, oolche Persönlichkeiten wie er seien der beste Beweis, wie nothwendig der Zionismus sei, um die Juden wieder Selbstachtung zu lehren. Schuld am Antisemitismus seien nicht die Charaktereigenthümlichkeiten der Juden, sondern der Umstand, dass die Juden als Minderheiten unter den arischen Völkern leben. Die Versammlung endete gegen 11 Uhr. Herr Dr. Marm orek hatte vor einem Publicum gesprochen, das trotz der Nachbarschaft Basels, trotz der Congresse den Zionismus kaum dem Namen nach kannte. Er verliess mit seinen Freunden den Saal in dem Bewusstsein, eine Saat ausgestreut zu haben, die zur Frucht reifen werde. Die Mülhauser Versammlung war vom Vereine „Zion" einberufen; sie fand im Börsensaale statt. Der Redner wurde von einer zahlreichen Versammlung enthusiastisch begrüsst. Der Empfang und der ganze Verlauf des Abends war ein derartiger, dass Herr Dr. Marmorek nachträglich sagen konnte, er habe den Eindruck gehabt, in Mülhausen in Freundesland, in Strassburg in Feindesland gesprochen zu haben. Die Rede hatte ungefähr denselben Inhalt wie die Strassburger. In der Discussion wurde zuerst die Stellung Jerusalems im künftigen Staatswesen besprochen. Hierauf nahm ein Mülhauser Protestant, Herr Maschinen-Ingenieur Favre, das Wort und führte ungefähr Folgendes aus: Er sei als Mitglied dem Mülhauser Zions-Vereine beigetreten, weil er als Protestant und als Mensch mit dem Zionismus sympathisiere. Die Heilige Schrift sehe die Rückkehr der Juden nach Palästina voraus. Der Zionismus müsse aus religiösen und aus humanitären Rücksichten unterstützt werden. Es sei tief bedauerlich, dass die jüdische Plutokratie sich fern halte: es wäre die heilige Pflicht aller reichen Juden, mit allen ihren Mitteln dem Zionismus zum Siege zu verhelfen. Hiermit war die Discussion beendigt, und der Vorsitzende schloss die Versammlung, indem er der Ueberzeugung Ausdruck gab, dass durch den Vortrag des Herrn Dr. Marmorek der Zionismus in Mülhausen um einen tüchtigen Schritt vorwärts gekommen sei, und Herrn Dr. Marmorek den Dank der Mülhauser Zionisten aussprach. Tribüne. (Für das in dieser Rubrik Publicierte ist die Redaction nicht verantwortlich.) Wien, 12. Jänner 1900. Werte Gesinnungsgenossen! Wir beehren uns, Ihnen Folgendes mitzutheilen: Schon seit längerer Zeit streben wir darnach, den Mitgliedern unseres Vereines, sowie den übrigen Schekelzahlern im II. Bezirke etwas zu bieten, was ausserhalb des Rahmens der zionistischen Agitation liegt. Wir wollten damit in der Hauptsache bezwecken, die jüdischen Familien einander nalvr zu bringen und dieselben in wenigen Stunden gemüthlichen Beisammenseins die Sorgen des täglichen Lebens vergessen zu lassen. Zu diesem Zwecke haben wir die Veranstaltung von Gesellschaftsabenden beschlossen, deren erster am 20. d. M. in Rosners Restaurant, II., Praierstrasse, stattfinden wird, und die sich alle 14 Tage wiederholen sollen. Wir werden für ein abwechslungsreiches Progamm Sorge tragen, und haben wir nur zu wünschen, dass unsere werten Gesinnungsgenossen in ihren Kreisen für unsere Idee Propaganda machen. Der Erfolg wird sich dann umso grösser und erfreulicher gestalten. Um eine allseitige Theilnahme zu ermöglichen, haben wir das Entre> auf 60 Heller per Person, 2 Kronen per Familienkarte für 4 Personen festgesetzt. Der glänzende Verlauf der jüngsten Makkabäerfeier hat den Beweis geliefert, dass speeifisch jüdische Veranstaltungen eine Existenzberechtigung haben, und dass es nicht nothwendig erscheint, in Kreisen Anschluss oder Aufnahme zu suchen, in denen man uns nicht gerne sieht, am liebsten aber überhaupt nicht antreffen will. Gleichzeitig machen wir die Mittheilung, dass jeden Dienstag Abend in unserem Vereinslocc le, IL, Gredlerstrasse 9, parterre, Zusammenkünfte stattfinden. Indem wir schliesslich noch bemerken, dass die Ankündigung der Vortrags- und Vergnügungsabende durch „Die Welt" geschehen wird, zeichnen wir Mit Zionsgruss! Der Ausschuss des Einzelvereins„ Wien" des „Zion"; J. L. Deiner. H. B e r 1 i n e r, Präses. I. Schriftführer. Der humanitäre Geselligkeitsverein „Fides" (zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder) veranstaltet am 30. Jänner a. c. im grossen Saale des Hotel Continental (II. Taborstrasse) eine Akademie mit Tanzkränzchen. In Anbetracht des eminent wohlthät'gen Zweckes wäre zahlreicher Besuch sehr erwünscht. Unseren Gesinnungsgenossen zur Nachricht! Unser Verein plant die Veranstaltung einer Serie von Vorträgen aus dem Gebiete der „Geschichte der Juden in Polen". Der erste Vortrag findet Samstag den 20. d. M. in unserem Vereinsiocale, IL, Malzgasse 16, statt. Das Präsidium der „B a r K o c h b a", Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien. Weltchronik. Die Holleschauer Excesse. Vor dem Erkenntnissenate in Ungar.-Hradisch hatte sich am 12. Jänner der Polizeicommissär Bernhard Ehrlich der Judengemeinde in Holleschau wegen des Verbrechens der schweren körperlichen Beschädigung zu verantworten. Die Anklage führt aus, dass die 16jährige Julie H r a d i l am 22. October gegen 6 Uhr abends sich von einem Besuche nach Hause begab. Als sie gegen das Haus des Beschuldigten kam, blitzte ein Schuss auf, und sofort fühlte sie. dass sie am Fusse verletzt sei. Die Sachverständigen constatierten am Riste und Knöchel ihres linken Fusses Verletzungen, die höchstwahrscheinlich von einem Schrotschusse herrühren, und qualifizierten dieselben als eine schwere körperliche Beschädigung. Die Anklage nimmt es trotz des Leugnens des Beschuldigten als erwiesen an, dass es der Angeklagte war, der den Schuss abfeuerte. Der Gerichtshof hatte diese Ueber-

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