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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1900-01-19
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die s£ Welt** Nr. 3 Reichsrath. wird sie feiner und chevaleresker, bis sie sich schliesslich in den Delegationen zu fast höflicher Ehrenbeleidigung abtönt. Diese fortschreitende Veredlung der Judenhetze fällt umso mehr in die Augen, als ja in all den genannten Vertretungen immer dieselben Deputierten den Juden an den Leib rücken. Derselbe Herr, der in der Delegation die Juden angerempelt hat, obliegt dem gleichen Geschäfte auch im Gemeinderathe, Landtage und Reiehsrathe. Im Wiener Gemeinderathe rennt er in Hemdärmeln gegen die Hebräer Sturm, die Augen sind blutunterlaufen, Geifer träufelt reichlich von seinen Lippen. Im niederösterreichischen Landtage ist er schon mit einem bequemen Hausrocke bekleidet, nur die Aermel sind noch emporgeschürzt, auch rieselt der Geifer ein bisschen spärlicher herab. Im Reichsrathsgebäude sind die Aermel schon nicht mehr aufgestülpt, und in den Delegationen trägt der geschätzte Herr Politiker wohl gar einen eleganten schwarzen Frack, der freilich oben an dem Brusttheile mit nassen Spuren darauf hinweist, dass die Judendebatte auch in den Delegationen nicht ohne einen massvollen Aufwand von Geifer erledigt werden kann. * * * Aus einer Gerichtsverhandlung, die dieser Tage in Wien stattfand, erfuhren wir, dass vor einiger Zeit ein Jude auf offener Strasse von zwei Rosselenkern jämmerlich blutig geschlagen worden. Die Gerichtsverhandlung hat auch einige, in anthropologischer Hinsicht interessante Streiflichter auf die semitische Schädelbildung geworfen. Der semitische Schädelknochen ist so massiv und solid, dass man an ihm sogar einen Peitschenstiel in wenigen Secunden zerbrechen kann. Der Jude war an der Misshandlung, die ihm zutheil wurde, natürlich selbst schuld, da er die beiden Kutscher dadurch, dass er von ihnen „S-jud!" geschimpft wurde, stark provocierte. * * * Misslitz in Mähren. — Wer hat noch nicht von Misslitz in Mähren gehört? Sollte dennoch irgendwo jenseits des Oceans irgendein unwissender Mensch leben, der nichts von Misslitz in Mähren weiss, so möge er sich's gesagt sein lassen, dass besagtes Misslitz ein Ort ist, der keinen sehnlicheren Wunsch kennt, als seine Feuerwehr von Juden zu säubern. Eine Correspondenz aus Misslitz, die in einem Wiener Antisemitenblatte publiciert wird, klingt in folgenden Wehlaut aus: „Die hiesige Sparcasse ist vollständig in Judenhänden, und auch die Feuerwehr muss von den Juden gesäubert werden." — Armes Misslitz! Nicht nur seine Sparcasse, sondern auch seine Feuerwehr ist verjudet, vollständig trerjudet. Und Misslitz will die beiden Institutionen enrjuden. Nun, es lässt sich zwar noch verstehen, dass jemand sein Geld nicht in einer Casse deponieren will, zu der ein Jude den Schlüssel hat; aber dass jemand einen Brand nicht von einem Juden löschen lassen will, das ist eine ungemein bemerkenswerte Erscheinung. Eine solche Gefühlsrichtung kann zu sonderbaren Situationen führen. Es wirft zum Beispiel ein gesinnungstüchtiger Judenfeind eine Petroleumlampe um, und seine Hosen fangen Feuer. Infolge der erhöhten Temperatur, die in der Gegend der Kniee herrscht, erhebt der Betreffende ein kräftiges Geschrei: „Feuer! Feuer! Hilfe!" Aus der Nachbarwohnung stürzt ein Mann mit einem Kübel Wasser herbei und will dem Schreienden die Beine benetzen. Der aber streckt abwehrend die Hände aus: .Mein Herr, sind Sie ein Jude?" Der Mann mit dem Kübel muss traurig nickend bejahen und wird hierauf sammt seinem Kübel von dem Brennenden wieder aus dem Zimmer gejagt * * Als Prolog zu einem Processe, der dieser Tage in Paris stattfinden soll, wird in französischen Blättern ein hübsches Geschichtchen erzählt, ein lehrreicher Beitrag zum Capitel „Judengeld". — Zur Zeit des zweiten Kaiserreiches lebte in Paris ein jüdisches Mägdelein, genannt „die schöne Myriam". Sie war eine Freundin der Geselligkeit und dadurch wurde sie sehr reich. Aber nach einiger Zeit wollte sie nicht bloss reich, sondern auch katholisch sein, und so Hess sie sich denn taufen. Infolge dessen gelangte sie in. den Besitz eines Beichtvaters, der dem Orden der Assumptionisten angehörte. Pater Picard — dies der Name des Guten — nahm von nun an das Vermögen der schönen Myriam unter seinen Schutz, wodurch letzteres langsam, aber sicher in die Geldschränke der Assumptionisten hinüberfioss. Hier blieb es keineswegs müssig liegen, sondern wurde wohlthätigen Zwecken dienstbar gemacht. Das Geld, das Myriam sozusagen im Schweisse ihres Gesichtes erworben hatte, entfaltete im Dienste des Antisemitismus eine reiche Thätigkeit. Antisemitische Blätter wurden damit gegründet, antidreyfusistische Organisationen wurden unterstützt,kurz, das Judengeld übte auch hier auf die Geruchswerkzeuge der Antisemiten jene Wirkung aus, welche die Antisemiten gewöhnlich zu dem jovialen Ausrufe „Non olet" zu begeistern pflegt. Mlle. Myriam musste also eine ähnliche Rolle spielen, wie die bekannte Madame Porges; die Küsse, mit denen Myriam für ihr antisemitisches Wirken belohnt wurde, rührten freilich nicht gerade von der Herzogin von Orleans her. Und so wird es uns denn nachträglich immer mehr und mehr zur Gewissheit: Die Juden haben thatsächlich, so sehr sie es auch leugnen mögen, zur Zeit der Dreyfus-Campagne ungeheuer viel Geld hergegeben. Allerdings nicht für dreyfusistische. sondern für gut antisemitische Zwecke. Erwin Rosenberger. Dr. A. Marmorek im Elsass. Ein auf dem letzten Baseler Congresse gegebenes Versprechen einlösend, unternahm Herr Dr. A. Marmorek aus Paris letzte Woche eine Propagandareise im Elsass. Er sprach am 7. Jänner in Strassburg, am S. Jänner in Mülhausen. Die Strassburger Versammlung war durch den dortigen jüdischen Literaturverein „Sephath Emeth" einberufen und fand im Cafe Spiegel statt. Etwa 400 bis 500 Personen, darunter eine grössere Anzahl Christen, hatten sich eingefunden, und alle folgten mit gespannter Aufmerksamkeit den lichtvollen und interessanten Ausführungen des Zionsredners. Herr Dr. Marmorek gab einen Ueberblick über die Geschichte des Zionismus. Er wies nach, dass das jüdische Volk unter den jetzigen Verhältnissen geistig und leiblich zugrunde gehe, und dass das einzige Mittel, das es retten könne, der Zionismus wäre. Dies hätten das Volk und seine Führer erkannt. Beweis seien die grosse Anzahl Schekelzahler und die Baseler Congresse. Der Zionismus sei ausführbar; die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen, seien alle überwindbar. Er sei kt-ine Gefahr für das Judenthum. Das Judenthum habe früher immer als nationale Einheit gegolten; und diese Idee des nationalen Judenthums sei erst in der Neuzeit, in der Zeit der Emancipation, theilweise verblasst. Der Zionismus trage auch keine Schuld am türkischen Einwanderungsverbot. Bis jetzt habe der Zionismus grosse Erfolge zu verzeichnen. Männer, die alle Bande mit dem Judenthum zerrissen, fühlen sich wieder als Juden. Der Respect vor dem Judenthum sei gestiegen. Das finanzielle Instrument, das der, Zionismus sich geschaffen, sei die Jüdische Colonialbank. Ueber 100.000 Personen, meist Wenigbemittelte, haben Actien gezeichnet, dies sei der beste Beweis für die Popularität des Unternehmens. Der Redner

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