Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Article
- Napoleonische Tendenzen
- Date
- 1900-01-19
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 „Die j& Welt" Seite 5 katholischen Majorität gleichgestellt werden, mit anderen Worten, dass nicht eine Staatskirche, sondern nur eine Staatsbürgerschaft anerkannt werde. Toleranz gegen die Juden ist ein sehr dehnbarer Begriff. Wenn die Staatsgewalt die Anwesenheit der Juden als ein nothwendiges Uebel hinnimmt, gewissermassen beide Augen zudrückt, ihnen gestattet, ihrem Erwerbe nachzugehen, ihnen vielleicht die primitivsten politischen Rechte einräumt, heisst das „Toleranz-. Wenn die Staatsgewalt den -Juden nicht nur alle politischen Rechte entzieht, sondern auch feindselig in ihre persönlichen Rechte eingreift und ihnen höchstens das bisschen Luft und Sonne des düsteren Ghetto lässt, so kann man auch das noch Toleranz nennen. Und zwischen diesen Extremen Jiegt in der That die ganze Scala der Leiden, welche »vir durchgemacht haben. Die Herrscher und Völker aller Zeiten haben, je nach ihrer Eigenart, mehr oder minder virtuos uns auf dieser Stufenleiter auf- und abzuführen verstanden. Ebenso schwankend und darum ebenso gefährlich wie der Begriff „Toleranz" ist die Erklärung der ..Napoleonischen Tendenzen" durch den „Petit Caporal". „Man wird die Juden als Bürger ansehen, aber — man wird nicht zugeben, dass sie Frankreich beherrschen." Die vorsichtige Einschränkung des Vordersatzes kann bei böser Absicht zur Aufhebung des Bürgerrechtes tühren. Wie absurd es ist, daran zu denken, siebzigtausend Juden könnten ein Reich von vierzig Millionen beherrschen, ist oft genug gesagt worden. Aber abgesehen davon. Die Majorität entscheidet, ob sie von der Minorität beherrscht werde, ist also Richter und Kläger zugleich. Und damit ist jeder Willkür Thür und Thor geöffnet. Doch geben wir den Worten des Grafen d'üman o den harmlosesten Sinn, indem wir berücksichtigen, dass ja der Antisemit L a s i e s aus dem „Petit Caporal" ausgetreten ist, weil man seine judenfeindlichen Artikel nicht annahm, und dass der erste Napoleon das Synhedrion versammelt hat, so bleibt auch dann noch der Zweifel an der judenfreundlichen Gesinnung des Kaisers bestehen. Untersuchen wir selbständig die „Napoleonischen Tendenzen". Heinrich Heine sagt, dass Napoleon durch den Zusammenfluss der revolutionären und der contrerevolutionären Ansichten gehildet worden und weder ganz revolutionär noch ganz contrerevolutionär gehandelt habe. Dies Urtheil scheint ganz besonders auf das Verhalten des Kaisers den Juden gegenüber zu passen. In jugendlichem Enthusiasmus hatte Napoleon das Judenvolk bewundert. Die grossartigen Kämpfe auf dem eigenen Boden um das eigene Land hatten ihm, in dem das Feldhermgenie sich regte, Hochachtung eingeflösst. Seine Gesinnung änderte sich aber nach ' dem Feldzuge gegen Oesterreich im Jahre 1806. Hierfür werden verschiedene Gründe angegeben. Die Thatsache steht fest, dass die Freiheiten, welche die Juden in der Revolutionszeit errungen hatten, durch eine wohlorganisierte Reaction, die unter anderen von Chateaubriand geführt wurde, bedroht waren. Dieser judenfeindlichen Partei gab Napoleon Gehör. Er wollte einerseits die Errungenschaften der Revolution nicht antasten, andererseits machten sich seine „contrerevolutionären Ansichten", anders ausgedrückt, sein monarchisches Selbstherrlichkeitsgefühl, geltend. Kurz, die Judenfrage wurde zur Discussion gestellt, dem Staatsrathe vorgelegt, und Napoleon war geneigt, den clericalen Einflüssen nachzugeben. In letzter Stunde liess er sich günstiger stimmen. Es wurde eine Versammlung jüdischer Notabein und später das Synhedrion einberufen. Doch nicht um altjüdische Institutionen aufzurichten, geschah dies, sondern um den jüdischen Vertretern geradezu beschämende Fragen vorzulegen und sie nach Beantwortung derselben ohne freundliche Zusicherungen wieder zu entlassen. Durch die Kriege wurden die Juden dem Gesichtskreise Napoleons entrückt, und der Historiker erzählt, dass die. unfreundliche Gesinng des Kaisers bis zu dessen Sturze dauerte. *) Wir bemerken, dass der Kaiser den Juden durchaus nicht freundlich gesinnt war, dass er nicht seiner eigenen Ansicht folgte, sondern fremden Einflüssen nachgab, dass er zwischen Humanitätsgefühlen und lächerlichen Vorurtheilen schwankte und schliesslich auf die Stimme der Eitelkeit hörte. Wer sich also auf das Verhalten des ersten Bon aparte gegenüber den Juden berufen wollte, könnte für Grausamkeit und Milde Beweise finden. Das Wort von den „Napoleonischen Tendenzen" ist nichts als ein schönes Schlagwort, hinter welchem sich die verdächtigsten Thatsachen verbergen. Es ist ein Köder, um die Juden von den Republikanern oder den Orleans abzuziehen und für die Bonapartisten zu gewinnen, oder, was freilich schwer anzunehmen ist, es entsprang aus der Unkenntnis der Begebenheiten. Noch ein Wort in dem Commentar des Grafen d* O r n a n o fordert zu einer kurzen Betrachtung heraus. Er sagt: »Wir verfolgen keine Rasse oder Religion ä la mode revolutionäre." Die Unrichtigkeit der Behauptung, dass die Revolution Rassen oder Religionen verfolgt habe, leuchtet ein, wenn man kurz die Ursachen und den Verlauf der Revolution erwägt. Wenn die Bonapartisten einwerfen, die SchreckensheiTSchaft habe auch die Juden getroffen, so entspricht das nur der halben Wahrheit. Es gab reiche Juden in Frankreich und dem Elsass, welche den Neid der gewinnsüchtigen Terroristen erregten und geplündert, ja getödtet wurden. Doch ihre Zahl ist verschwindend klein und kommt nicht in Betracht gegen die grossen Freiheiten, die eiTungen wurden. Sie fielen eben als nothwendiger Tribut in einer Zeit der Gährung. Wir sind es nicht anders gewöhnt. Und nun die Mahnung für die Zukunft. Graf d'Ornano hat uns die Sache ziemlich leicht gemacht, indem er selbst durch seine Erklärung der „Napoleonischen Tendenzen" die Aufmerksamkeit erregte. Doch kommt einmal ein Klügerer und begnügt sich, ein ähnliches Schlagwort einfach hinzuwerfen, ohne dasselbe zu erläutern, so muss man auch dann sorgfältig prüfen, was unter dem funkelnden Worte verborgen ist. Vergessen wir auch nicht, dass an der Dreyfus- Hetze der von Napoleon geschaffene Adel, wiewohl in seinen Adern viel jüdisches Blut fliesst, den gleichen Antheil hat wie der orleanistische, und wir werden den richtigen Massstab für die Beurtheilung schöner Phrasen finden. Die Woche. Wien, 17. Jänner l'XJO. Die achte Sitzung der österreichischen Delegation war mit einer kleinen Judendebatte gewürzt. Es war natürlich vorauszusehen, dass die Delegationen nicht ohne Judenhetze vorübergehen würden, man mag sich höchstens darüber wundern, dass sich das Unvermeidliche erst in der achten Sitzung ereignet hat. Der Ton der Hetzrede war etwas vornehmer und würdiger, er unterschied sich einigermassen vortheilhaft von dem judenfeindlichen Gezeter, das aus den übrigen Vertretungskörpern herauszutönen pflegt. Die antisemitischen Delegierten haben eben ein gewisses Feingefühl. Je „höher" das Parlament, desto ritterlicher wird das Geschimpfe. Es ist eine deutliche Stufenleiter vom Wiener Gemeinderathe bis hinauf in die Delegationen zu merken. Am wüstesten und pöbelhaftesten ist die Judendebatte im Gemeinderathe, auf dem Wege durch die Landtagsstube, den *) Siehe G r a e t z, Geschichte der Juden, letzter Band, Cap. <> und Note 6.