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Die Welt · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Article
Von den Juden in Deutschland
Date
1900-01-19
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,DI« & Welt" Nr. 3 Wirtschaft eingeladen wird, so betrifft diese Einladung nur ihn und nicht mehr seine Familie. In den grossen Städten können gebildete jüdische Kaufleute öfters mit christlichen verkehren, zumal diese oft mit jüdischen associiert oder in jüdischen Warenhäusern als Einkäufer und Rayon-Chefs angestellt sind. Aber alle bevorrechtigten, beamteten Stände, die akademischen, der Officiersstand oder die Industriellen, die grösseren Kaufleute und die Rittergutsbesitzer stehen den Juden in Deutschland mit tödtlicher Kälte gegenüber und wehren jede gesellschaftliche Annäherung ab. Der jüdische Knabe, der von seinen Eltern nach gesetzlichem Besuche der Volksschule mit 14 Jahren als Lehrling in ein Geschäft gesteckt wird, verspürt kaum etwas von antisemitischen Vorurtheilen; dem jüdischen Gymnasiasten verbittern sie auf tragische Weise die ganze schönste Jugendzeit. Daher stammt denn auch der Umstand, dass die deutschen Juden — eben trotz der soweit vorgeschrittenen Assimilation — in politischer Beziehung fast ausschliesslich den mehr oder minder radiealen Parteien angehören. Denn der Jude in der Diaspora mag dem Euphorion im zweiten Theile des „Faust" gleichen: immer höher muss er steigen. Er fühlt einen geradezu leidenschaftlichen Hass gegen die Parteien, hinter denen sich die bevorrechtigten Classen verschanzt haben, und von denen er ausgeschlossen bleibt, gegen die conservative oder (in Süd- und West-Deutschland) die nationalliberale Partei; so entladet sich sein Hass in solch frechen und taktlosen Gedichten, wie eins die Verurtheilung des „Ulk"-Redacteurs herbeigeführt hat; so sind sie, wie sehr sie auch bereits in allen concreten, gleichsam irdischen Beziehungen eng assimiliert sind, in abstracten Lüften gleichsam noch immer in der ganzen verwirrenden, friedlosen Kampfstellung, die von dem Schicksale Ahasvers bedingt ist Die deutschen Juden werden nun niemals, etwa mit Aufreizung der untersten Volksclassen, gegen die Reihen der bevorrechtigten obersten Schichten erfolgreich anrennen können. Denn diese stärken sich naturgemäss immer wieder, indem sie sich modernisieren und, wenn es eben nicht Juden sind, gar nicht mehr die Geburt und Abstammung, sondern nur die sociale Stellung der Neueintretenden ansehen. Aber die Juden in Deutschland können sich ein geruhiges, angenehmes Bewusstsein verschaffen, indem sie sich offen zum Zionismus bekennen. Sie dürfen sich nicht einbilden, dass, wenn s i e ihre Stammesherkunft vergessen, es auch die christlichen Deutschen thun. Im Beginne des vorigen Jahres schrieb die „Conservative Correspondenz", die vielleicht die berechtigteste Vertreterin der neudeutschen Aristokratie ist, dass niemand die Juden für unpatriotisch erachten würde, wenn sie anfiengen, sich ihrer Stammesherkunft zu erinnern. Ja, sogar jetzt mag das Bekenntnis zum Zionismus auch geeignet sein, die Juden in dem privaten Leben des Alltags auch den Conservativen, Vornehmen unter den Deutschen auf eine anständige Weise näher zu bringen. In dem Masse, als die Deutschen ihre Zukunft auf dem Wasser sehen, müssen sie ja auch den zionistischen Colonisations- Bestrebungen Verständnis und herzlichsten Antheii entgegenbringen. Und die Juden, die mit ganzem Herzen an den colonisatorischen Aufgaben ihres Volkes hängen, werden gewiss für das grosse deutsche Werk der Flottenvermehrung aus ernster Gesinnung ein volles und unter Umständen auch thätiges Interesse hegen, anstatt an der Borniertheit der proletarischen und kleinbürgerlichen Opposition ihren Antheii zu nehmen. So könnte der Zionismus die Juden auch mit den ihnen so verschlossenen, social höherstehenden Reihen der Deutschen, sie mit den schönsten Ranken umschlingend, enger verbinden, als es politische oder assimilatorische Erfolge je vermocht hätten. <8£ Napoleonische Tendenzen; Von Emil Leimdörfer. Es gibt vielleicht selten etwas Interessanteres, als in die Schächte des französischen Wesens hineinzuleuchten. Da findet man die widersprechendsten Dinge: neben dem lebhaftesten Verstände, dem nüchternsten Urtheile, dem witzigsten Geiste, die grösste Unklarheit über die nichtfranzösische Welt, den Rausch der eigenen Grösse, die nnmässigste Eitelkeit. Die durch- und nebeneinander gelagerten Contraste erzeugen an der Oberfläche jenes fascinierende Spiel und Gegenspiel, welches den Culturmenschen so sehr zur Betrachtung reizt, den sprunghaften Wechsel, die grossen Widersprüche, welche die staunende Mitwelt an Frankreich wahrnimmt. Hierzu gesellt sich eine angeborene Gabe, mit schönen Worten zu prunken und die oft unbewusst ausgesprochenen Gegensätze hinter dem schillernden Schleier glänzender Phrasen zu verstecken. Nur zu oft lassen die Unkritischen und jene Leidenden und Armen, welchen die erhabenen Worte ein angenehmer Ohrenkitzel und eine Beruhigung für ihre aufgeregte Seele sind, sich täuschen. Die Pflicht des kritischen Beobachters und des wahren Freundes der Bedrängten ist gegeben: die historische Sonde in den scheinbaren Tiefsinn der Gedanken einzuführen, bis zu ihrem Kerne vorzudringen, die Contraste klar auszubreiten, die Wahrheit darzulegen und schliesslich zur Vorsicht in der Zukunft zu mahnen. Für den Zionisten, der den Vorgängen des Tages folgt, wird der Ernst der Pflicht verzehnfacht. Denn unsere Bedrängten tragen zehnfaches Leid, erdulden ausser dem allgemeinen Elend noch ein besonderes, das nicht weniger gross ist. Die Thatsachen, durch welche obige Betrachtungen sich uns aufdrängten, sind kurz erzählt. Das Pariser Blatt „Petit Caporal" ist, wie schon der Name andeutet, ein Organ der Bonapartisten. Die politische Direction führt der Deputierte Graf C u n e o d'O r n a n o, und unter den Mitarbeitern befand sich bis in die jüngste Zeit der nationalistische und antisemitische Deputierte Lasies. Graf d?0 r n a n o erfreut sich bei allen Parteien der Kammer persönlichen Ansehens, Lasies hat seine Eignung zum Volksvertreter durch Anregung einiger artiger Judendebatten bewiesen. Lasies richtete nun vor wenigen Tagen an die Redaction des „Petit Caporal" ein Schreiben, in welchem er erklärte, dass ihm seine Principientreue verbiete, bei diesem Blatte zu bleiben. Der Brief wurde veröffentlicht und vom Grafen d'Ornano mit einem Commentar begleitet. In diesem wird ausgeführt, das Blatt könne nicht dulden, dass in seinen Spalten Artikel mit dem Kehrreim: „Hinaus mit den Juden!•' erscheinen. Dies widerspreche den Tendenzen des ersten Napoleon, nach welchen die Katholiken als die an Zahl hervorragendsten den gebürenden Einfluss erhalten und die Minoritäten, insbesondere die Juden, von der Herrschaft über Frankreich ferngehalten werden müssten. Doch wolle man die Juden weder verfolgen noch ächten „ä la mode revolutionäre". Eine Partei, welche die Regierung anstrebe, dürfe die Bürger nicht gegeneinander hetzen, ihr einziger Wunsch müsse die nationale Versöhnung sein. Aus den Worten, mit welchen Graf d'O r n a n o die Tendenzen Napoleons — er nennt sie militärisch: „directions napoleoniennes" — erklärt, ergibt'sich die Anerkennung eines Staatskirchenthums und die blosse Tolerierung der Juden . Dem revolutionären Ursprünge der Bonapartes wäre freilich angemessen, dass die nichtkatholischen Minoritäten der

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