Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- Jankel Klesmer
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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,» ,Die j$ Welt" s»*hi' I.". zu «sson, von ihren Weinen i\i fnnk<'n. Einstund schweigsam sassen sie da, doch unter ihren Händen saug die Geige, stöhnte der Rass, in ihrem Munde frohlockt.- die ''larinetie. aber vor allen .jubelt«-' and weinte die < ymbel des alten Jankel. Wie sie sich du im Kreise drehten, die holden, hen - liehen Frauen, die stolzen Herren, und wenn sie acht Immo Winternächte jubeln und sieh freuen wolllen.die vier Musikanten hielten wacker stand, l'nd sie hielten auch st.and in jener Winternacht des Jahre« isr>3. als die stolzen, frohen Edelleute über die Grenze naeh Russland ziehen sollten, utu sieh mit ihren kämpfenden Brüdern zu vereinigen. Xoeh einmal sollte der alte Edelhof. '1er sie einst froh und heiter gesehen, ilie Freunde alle versammelt erblicken. Noch i-inmal flutete heller Kerzenglauz durch die hohen Gemächer, n<»eh einmal ertönte die Musik der vier Klesmer durch die prächtigen, glänzenden Säle. Aber ernst waren die -frohen Tänzer, und jeder suchte noch einniaJ in ein geliebtes, strahlendes Auge zu blicken: die schönen Augen jedoch waren traurig, die Lider thränenschwer. auf den hohen, glatten Stirnen thronte der Ernst des Abschiedes: kein duftiges Ballkleid uimvob die schlanken Glieder, schwarze, weissgerände.rte Gewänder umhüllte die edlen Ciestalten. Das war der letzte Ball, den die polnischen Frauen ihren wegziehenden hatten. Geliebten und Söhnen gaben, l'nd jetzt spielten die Klesmer kein kecker, überrnüthiger Krakowiak, kein stolzer Mazur war zu hören, sie spielten bloss jene erhabenen Weisen, jene Volkshymnen, wio sie kein zweites Volk so schön und traurig besitzt: dann vernahm man die Klänge jener Polonaise, welche der fürstliche Tonkünstler sterbend der verlorenen Geliebten gewidmet hatte. -Jetzt timarmte man einander zum letztenmal, und die vier Kafranjuden. die mitjhnen nie gelacht, sich nie mit ihnen gefreut halten, sie Wessen die runzeligen Hände sinken und weinten bitterlich. Vielleicht waren sie ilie einzigen, welche in diesem Momente ahnten, dass Alles vergeblich sei. dass so viel junge Menschenleben umsonst geopfert würden. Bis zur Grenze gaben die vier Getreuen den Scheidenden das tieleite, l'nd dort, in Nacht und Nebel, im überwältigenden Schmerze der Abschiedsstunde, der letzten vielleicht auf heimischem Boden, sank mancher Junker an ilie Brust des armen Juden und drückte die Hand, die er in besseren Stunden wohl nie berührt hätte. Aber der polnische Jude wird nicht stolz : küsse ihn. nenne ihn Deinen Bruder, er weiss, dass dies bloss in Not und Elend geschieht, im Glücke ist er mir der arme Klesmer. Auch der alte, finstere Jankel hatte damals geweint : ich weiss nicht, ob sein Schmerz lange gewährt, ob er lange um die Wegziehenden getrauert hat. Denn das kleine, dürre Männchen hatte nur eine Gefährtin und Geliebte gehabt, »las war die Cymhel, nur eine 'Leidenschaft, das war die Musik, nur einen grossen, bitteren Schmerz, aber dieser Schmerz hatte sein Leben vergällt und zerstört. Dieses einzige, tiefe Weh seines Lebens kam von seiner Gefährtin, der Cymhel, von seiner Liebe, der Musik. Der alte Jankel kannte keine Noten. Es existieren nämlich keine für die Cymbel. dieses Instrument der Juden und Zigeuner. Was Du an Melodie diesem Kasten entlocken willst, das musst Du mit feinem Gehöre Deinem Nachbar, dem Geiger, ablauschen, was Du an Gefühl, an Kmpfindung in diese Weisen hineinlegen möchtest, das musst Du aus Deinem tiefslen Innern heraufbeschwören,denn kein Notenheft kommt Deinem Verständnisse helfend entgegen. Und dies war der einzige, nie verwundene Schmerz des alten Jankel. Er. der auf seiner Cymbel die wundervollsten Weisen hervorzaubern konnte, unter dessen Händen sie tausend Märchen erzählte, tausend Lieder sang, er, der in seinem Quartette der Bedeutendste, Genialste war, er fühlte sich gedemüthigt durch den Anblick der Notenhefte, aus denen seine Gefährten spielten, er empfand einen wahnsinnigen Neid darüber, dass »ie das spielen durften, was gedruckt war. Denn .in diesem düsteren le-idpiischalthchon 'V-hiütIv. ni diesem scheinbar ruhigen Geschöpfe lebte .-ine abgöttische Verehrung Knalles Geschriebene und Gedruckte. Vielleicht war es ein dunkles Sehnen nach Meinendem Buhme. vielleicht ein hall" unbewusstesjdumpfes Gefühl, dass mit ihm einst sein Name und Andenken begraben werden würde, l'nd eines Tages geschah das l'nerhörte. Jankel Klesmer verliess sein Quartett, seine Gefährten, zu denen er dreissig Jahre lang in Glück und Elend treu gehalten hatte. Aber es geschah noch mehr. Er legte seine <'ymbel beiseite, seine Geliebte und Freundin, die er seit fünfuuddreissig Janreu nicht einen Tag missen konnte. Eiverhängte die Verwaiste mit. einem Tuche, um nicht. an seine Treulosigkeit gemahnt zu werden : er verbarg die Schlägel, die er als fünfzehnjähriger Knabe zuerst ergriffen hatte und die er jetzt weglegte, ein alter, verbitterter Mann. End nun begann er 211 lernen. Der alte Jankel begann das Notenlesen zu lernen. Mit ängstlicher Hnst suchten die düsteren Augen die geheimnisvollen Zeichen zu enträthseln, in diesen Blättern hoffte er Befriedigung für sein gequältes, ehrgeiziges Her/, zu finden, l ud nachdem ihm diese unbekannte Web erschlossen war. wollte er sein Wissen verwerten, er lernte die Glarinette blasen. < >b der alte, traurige Mann nicht schmerzerfüllt an die verlassene Cymbel. die Gefährtin seiner ersten Jugend und seiner Mannesjahre dachte, als er sich mit den Anfangsgründen eines ihm fremden, unsympathischen Instrumentes abplagen niusste? Wer kann dies wissen'.' Geklagt hat der stille, alte Jankel nie. Aber ein guter Clarinettist ist er nie geworden. Aus dem genialen, bezaubernden Cymheisehläger wurde ein sehr mittelmässiger Clarinettespieler. der mit peinlicher Aengstlichkeit in seine Noten blickte und siel; in dem ewigen Kampfe zwischen seinem Wollen und Können langsam aufrieb. Der berühmte, bewunderte Jankel Klesmer, die Zierde seines Quartetts, der Liebling des Ariels, musste von Stadt zu Stadt, von Schenke zu Schenke ziehen, um in Gesellschaft herabgekommener Musikanten sein Brot zu verdienen. - Nach zehn .fahren kehrte der gebrochene Greisin seine Vaterstadt zurück, ein Schatten dessen, der er gewesen, den Rücken noch mehr gekrümmt, obgleich die Cymbel nicht mehr darauf ruhte. Aber auch die Clarinette war nicht mehr «In. Der glühende, ehrgeizige Geist hatte den Kampf aufgegeben, dem er nicht mehr gewachsen gewesen. End Jankel Klesmer konnte seit der Zeit nicht spielen hören und spielte auch nicht mehr. Wohl erzählte man, dass manchmal in stiller Nacht, im engen Stübehen des alten Musikanten die Cymbel weine und juble, aber dies hatte wohl niemand gehört. Es wird dies bloss eine Mythe sein, wie überhaupt das Cymhelspiel hier zur Mythe geworden ist. denn einen Cymbelschläger gab es in Tarnow seit Jankel Klesmer nicht mehr. Briefkasten. Kriegscorrespondent. ihre Idee ist zwar über alle Massen genial, aber es könnte Ihnen dort etwas zustossen. Wir wollen die Verantwortung nicht übernehmen. Bedenken Shdas Klima, die Seekrankheit, die Neger etc. Sparen Sie sich für höhere Zwecke auf. M. W.. Prag. Besteht seit September v. .1. nicht mehr. S-. Koropiec. Adresse: Machnajim. P. Saffed. Palästina. A. Ph.. Lemberg. Der Bet reitende ist uns gänzlich . unbekannt. J. St. Prag. Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Leider unverwendbar. Bernh. Grünh. Jawohl: — mit gewissen F/msehräukungen. Vom Neujahr 1900 an haben wir dem Verlage ..Tuschijah" in Warschau unsere Vertretung für Russland übergeben. Die demnächst 2ur Ausgabe gelangende Agitations- Nummer (deutsch) wird nur gegen Voreinsendung des Betrages abgegeben