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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Jüdische Gedanken
Date
1900-01-12
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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•^eiLu I i „Die & Welt" Xr. -X Wie sollten die Fehler der Juden tiit-lii mit unerbittlicher Hart«* getadelt werden, nachdem man ihnen auch Massigkeit. Erwerbssinn und Liehe zur Bildung nicht - verzeihen konnte? Das ..Blutritualeisl kein Märchen. Das Blut zahlloser Juden ist ja dafür vergossen worden. Wer begreift nicht die Leiden Christi r Ist doch auch er aus dem jüdischen Volke hervorgegangen. E i n 11 ä t h s e I: Dem Bekenner des Neuen Testamentes muss auch das Alte Testament heilig sein. Ist. es da erklärlich, dass trotzdem so viele von ihnen doch wünschen, das jüdische Volk möge sein — Testament machen? Aus den Steinen, die man den Juden nachwarf, luit man früher die (".'hottomauern errichtet. Man nennt, das (Ihrisfenthum die Tochterreligion des Judenthnms. Mitunter kommt man jedoch auf die Vermuthung. sie sei nur eine - Schwiegertochter. VVc-r eine krumme Nase hat, muss darauf gefasst sein, dass man ihm, um die Harmonie herzustellen, auch sein Hecht krümmen wird. Das JudenÜmm hatte nicht nur im Mittelalter, als man die Scheiterhaufen für seine Bekenner errichtete, seine brennenden Fragen, aber mit dem Taufwasser sind sie nicht zu loschen. Seifsam, gerade die unverbesserlichsten Subjecte sind es. von denen die Juden zum Objecte ihrer Verhessernngswuth erwählt werden. Die Vergangenheil und vielleicht auch die Zukunft gönnt so mancher dem jüdischen Volke, der ihm nur eines versagen mochte: die Oegenwarl. Ein Spottworl kann auch zu einem Ruhmestitel werden. So sprechen die Judenfeinde immer vom ewigen Juden. Die Principien der Sittlichkeit, des Hechtes und der Humanität dankt die Welt dem Judentlmm. Wem fällt da nicht das alte Wort ein : Nichts verzeihen die Menschen so schwer als empfangene Wohlthaten. Wenn man die Anklagen der Judenfeinde hört, so muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass die Juden die widerspruehvolisten Geschöpfe Gottes sind. Sie buhlen alle um die Gunst der Begierenden und machen die Revolutionen. Oder sollten vielleicht doch nicht die Juden die widerspruchsvollsten Menschen sein? In Frankreich heisst es: -Aus einem Journalisten kann alles werden, nur muss er aufhören, es zu sein." Von den Juden sagt man Aehnliches in der ganzen Welt. Dem Juden nimmt man nicht allein die Nase und die Beine krumm, sondern alles was er thut. Macht man Unterschiede zwischen Menschen, so erdstehen fUnterschiede zwischen ihnen. Der liebe« Gott ist in gewissem Sinne auch ein constitutioneller Herrscher. Man darf ihn nicht für alles verantwortlich machen, was in seinem Namen geschieht. Ach, wie viele hätten es längst vergessen, dass sie Juden sind, wenn ihre - Feinde sie nicht daran erinnert, hätten. Max Rotter. iankel Klesmer. K i ii e g a 1 i z i s e he Gesch i <• Ii t e. Von Antonie Salomen. Noch sein; ich sie deutlich vor mir. die abenteuerliche Gestalt, die ejnst in meinen Kindesaugen von einem unbeschreiblich romantischen Nimbus umgehen war. Ich sehe sie noch au unserer Thüre vorüberhuschen, denn ruhig gehen hat wohl den alten -iankel selten einer gesehen: es war. als schämte er sich der Last, unter welcher sein Rücken sich krümmte: das kleine, magere Männchen, in der Alltagsfracht des polnischen .luden, die Seitenlöckehen beinahe ganz ergraut, an den mageren Wangen niederhängend, das dürre Antlitz verschwindend in dem langen, ergrauenden Barte, und aus diesem Antlitze zwei schwärmerische, glühende Augen düster hinausbliekend in die Welt. Auf dem gebeugten Rücken ruhte seine stete Begleiterin, die alte Gym hei. in seinen Händen zitterten d.ie zwei Schlägel, die er so meisterhaft zu handhaben vermochte. Sehnsüchtig blickte das Kind dem kleinen Männchen nach, denn dies war ja .fankel Klesmer, der Zauberer, der mit seinen dürren Fingern dem Tasteninstrumente die süssesten Weisen zu entlocken wusste, das war ja unser Rattentanger, der alle grossen und kleinen Kinder mit seinen Tönen zu bestricken verstand. Wer. der jemals eine kurze Carnevalszeit in einem galizischen Städtchen verlebt bar. kennt nicht die Macht, iter jüdischen Musikanten V I.ass alle Musikkapellen ihr Restes tbtin. im Tanzsaale vermögen sie an Energie. Begeisterung und Ausdauer ihnen nicht gleichzukommen, diesen stillen Kaftanjuden, die in ihrem Berufe, sowie in jedem, den sie einmal erwählt halten, aufzugehen scheinen. Lass alle Fanfaren ertönen, es weint und jubelt doch nur die Cyinbel des armen, vertrockneten Jankel. Ach. sie weint und jubelt längst nicht mehr, diese Cymbol; ich hin auch das Kind nicht mehr, welches mit schaurigem Entzücken das Instrument betrachtete, in dessen geheimnisvollen Tiefen Ich tausend verzauberte (Jeister verbannt wähnte: der alte Jankel ist sehr all geworden, und wer weiss, ob er noch seiner Cymbel gedenkt. Aber die tragisch einfache Geschichte des armen < 'ymbelsehlägers will ich hier erzählen, vielleicht weint jemand eine Thräne dem verlorenen, verfehlten Dasein des sonderbaren alten Mannes nach. Eine jede gahzische Stadt besitzt ihre jüdische Mosikhande. auch Tarnow besass stets neben vielen untergeordneten eine bedeutende, sozusagen dominierende. Jetzt könnte man sie schon mit dem stolzen Namen einer Musikkapelle beehren, damals, vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein Kind war. da waren es bloss „Klesmer", vier ernste, bedächtige Männer, ein jeder eins mit seinem Instrumente, und alle vier gleichsam eins in ihrem Denken und Trachten. Und wo fandest Du sie nicht, die vier ernsten, stillen Gesellen, die man wohl selten reden hörte, die aber durch ihre Geigen, ihre (Jlarinetten und Cymbeln sprachen. Gab es ein Fest bei dem stolzen Edelherrn, wo nicht die vier erscheinen mussten? Da sassen sie auf ihrer Estrade, umschmeichelt und gehätschelt von schönen Frauenhänden, die einzigen ihres" Stammes, die nicht gehöhnt, und verspottet wurden, die kein Fusstritt vor die Thüre jagte. Aber sie kamen nicht, um sich mit den Frohen zu freuen, um von ihren Speisen

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