Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315854--17269-3365794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 „Die & Welt" Seite 13 beziffern sich diese im vorigen Jahre für nichtjüdisohe Zwecke verwendeten jüdischen Gelder auf 300.000 Rubel. * Bei einer verheerenden Feuersbrunst, die unlängst im New-Yorker Ghetto wüthete, gelang es einem Passanten, eine jüdische Familie vom sicheren Tode zu retten. Der Lebensretter, ein Verwandter einer im oberen Stockwerke wohnenden Familie, erklomm das flache Dach des Nebenhauses und liess sich zuerst die Kinder reichen, die er in Sicherheit brachte, sodann half er der Mutter bei dem gefährlichen Abstiege. * Die jüdischen Soldaten in Amerika, welche den Krieg in Cuba mitgemacht haben, gründeten vor kurzem einen eigenen Veteranen verein, dem sofort über 100 Kameraden beitraten. Die Zahl der jüdischen Soldaten im eubanischen Feldzuge betrug ungefähr -r>000. d. i. ein Fünftel der gesammten Feldarmee. * Der in den Vereinigten Staaten bestehende jüdische Orden .„Abrahamsbund" hat beschlossen, allwöchentlich öffentliche Vorträge über verschiedene Themata aus der jüdischen Geschichte und Literatur zu veranstalten. Die Mitglieder des Ordens sind grösstentheils eingewanderte russische und galizische Juden. Der bekannte Antisemit Graf Püekler wurde dieser Tage von der Anklage einer Beleidigung des jüdischen Glaubensbekenntnisses durch das Berliner Landgericht I freigesprochen. Graf P ü c k 1 e r hatte nämlich die „zornige Thatkraft der Germanen gegen das niederträchtige Judenpack" angerufen. Auch hatte er der Ansicht Ausdruck gegeben, man müsse den Juden mächtig auf das Angesicht schlagen. In der Urtheilsbegründung wird hervorgehoben, dass ein Mann von der gesellschaftlichen Stellung des Grafen P ü c k 1 e r die beanständeten Ausdrücke bloss „bildlich" gemeint haben könne. Schon des öfteren wurde auf die Erfolge hingewiesen, die die verschiedenen Industriezweige in Deutschland jüdischer Thatkraft und jüdischem Untemehmungsgeiste zu verdanken haben. Ein neuer Beweis ist die Ehrung, welche in jüngster Zeit zwei jüdischen Industriellen Ostpreusens zutheil geworden ist, nämlich dem Kaufmanne und Industriellen Michael Levy in Tnowrazlaw und dem Fabriksbesitzer Aron Kurzig in Bromberg. Letzterer feierte dieser Tage sein 50jähriges Geschäftsjubiläuni. Er war der erste, der im Regierungsbezirke Bromberg eine Dampfmaschine in Betrieb setzte und den Grundstein legte zu der sich immer mehr entwickelnden Industrie in der Provinz Posen. höchsten Würdenträger des britischen Reiches, des Grosshofmeisters von England (High Steward of England), Lord Gwydyr, über den Zionismus. Nach der Meldung des Blattes habe sich der Lord-Grosshofmeister folgendermassen über unsere Bewegung ausgesprochen: Ich habe die Ueberzeugung, dass die Zionsbewegung ihres endlichen Erfolges sicher sein darf. Der Plan des edlen Baron Hirsch, in Argentinien eine grosse jüdische Ansiedlung zu begründen, musste fehlschlagen, weil ausschliesslich der Boden Palästinas für diese wunderbare Rasse bestimmt ist. Ich glaube, dass England seine Weltmachtstellung zu einem grossen Theile der Behandlung zu verdanken hat, die es jederzeit den Juden zutheil werden liess, dem wahrhaft christlichen Wohlwollen, das es dem Volke der Propheten gegenüber an den Tag legt." Bücherwelt* Bernhard Münz: Moriz Lazarus. Zur Feier seines öOjährigen DoctoivJubiläums. Berlin 1000. Ferd. Dümmlcrs Verlagsbuchhandlung. — Gelegenheitsschriften lassen selten ihre Entstehungsweise verkennen. Man sieht es ihnen in den meisten Fällen an, dass sie einem Augenblicke ihre Existenz zn verdanken haben. Es ist schwer festzustellen, wem die Vaterschaft zuzusprechen sei, der Gelegenheit oder dem Verfasser. In diesem Falle jedoch benützt der Verfasserdie Gelegenheit, einem grösseren Leserkreise die Persönlichkeit Moriz Lazarus" vorzuführen. Mit grossem Fleisse und Sachkenntnis sucht er uns eine Charakteristik Lazarus* als Denker und Mensch zu geben. Den Standpunkt Lazarus' in der Völkerpsychologie, den er und S t e i n th a 1 begründeten, vertheidigt der Verfasser gegen alte und neue Einwüife mit Geschick. Gleichwohl findet er kräftige Worte, wo er mit Lazarus nicht gehen kann. Der Stellung Lazarus' in der Septennatsfrage tritt der Verfasser energisch entgegen. Wenn wir hierin dem Verfasser zustimmen, können wir seine Begründung nur zum Theile aeeeptieren. Eine ausführliche Besprechung ei-fährt das letzte, für uns Juden besonders wichtige Lazarus'sche Werk „Die Ethik des Judenthums". Besonders ist hier hervorzuheben die Polemik gegen Hermann Cohens Kritik der Lazarus'schen Ethik in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenth." Auch scharfe Kritiken, die nicht nothwendig waren. L. W. Jüdische Gedanken. Johannes von Müller nennt die Juden das Wunder der Weltgeschichte. Sollen da die Juden nicht an — sich selbst glauben? Man hat zu allen Zeiten den Juden lieber Freiheiten als die Freiheit, lieber Rechte als das RechtT lieber Ehren als die Ehre gegeben. Weniger wäre nämlich da immer mehr gewesen. Wenn man einem Juden schon verzeiht, dass er ein Jude ist, so vergisst man es doch nicht. Zeitschriftenrundschau. Die amerikanisch-jüdische Zeitschrift „Emanu-El" bringt in ihrer jüngsten Nummer einen vortrefflichen Aufsatz aus der Feder des Prof. Richard G o 11 h e i 1 über die Lage der Juden in Oesterreich. In der letzten Nummer des in L e e d s erscheinenden „Jewish Express" finden wir einen glänzenden Artikel von E. Leiserowitsch unter dem Titel „Die Juden als Soldaten". Leiserowitsch regt die Bildung jüdischer Freiwilligenscharen für Südafrika au, damit die Juden in die Lage kommen, ihre Dankesschuld gegenüber England abzutragen. Die seit einer Reihe von Jahren in St. Petersburg in russischer Sprache erscheinende jüdische Wochenschrift „Woschod" kündigt an, dass sie in Hinkunft zwei m a 1 wöchentlich erscheinen wird. „Woschod" bezeichnet es in. einem Programmartikel als seine Hauptamgabe, das Nationalgefühl der Juden Russlands zu erwecken und rege zu *»rhalten. « * Die „East Anglian Daily Times" veröffentlichen in einer ihrer jüngsten Nummern die Aeusseruagen eines der Das Unrecht, welches ein Jude begeht, wird ganz anders beurtheilt, als das eines Nichtjuden. Die Juden müssten daher auch die Forderung erheben: Gleiches Unrecht für alle! Wenn das Wort: „Viel Feind", viel Ehr*" wahr ist, dann kann man wohl behaupten, dass das jüdische Volk oft Gefahr lief, von Ehren —r erdrückt zu werden. * Die Solidarität der Juden ist kein leeres Gerede. Es ist nicht zu sagen, was schon arme jüdische Hausierer für jüdische Millionäre gelitten haben. * Einzelne Juden sind rascli vorwärts gekommen, die verfolgende Meute war ja immer hinter ihneu. *