Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- Prossnitz
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 2 Prossnitz. Die Erregung der czechischen Bevölkerung ■wegen des Polnaer Processes zittert in unserer Stadt noch immer nach. Es gibt hier wohl kein einziges jüdisches Haus, an dem nicht mit grossen Kreidezügen „Hülsner" mit einigen drohenden Rufzeichen dahinter hingeschrieben wäre. Charakteristisch für die herrschende Stimmung ist folgender Fall: Der hiesige Tischlermeister K o s t a f i k hatte mit einem Juden für dessen Sohn einen zweijährigen Lehrvertrag abgeschlossen. Als sich der Judenknabe durch ,,Hülsner"-Rufe und Schächtgesten von seinen christlichen Arbeitsgenossen nicht provocieren Hess, drohten diese dem Principal corporativ mit dem Austritte. Da Kostafik überzeugt war. dass er von neu aufgenommenen Arbeitern das Gleiche zu gewärtigen habe, entliess er den jüdischen Lehrling schon nach vier Monaten mit einem guten Zeugnisse und einer Entschädigung von 40 fl. . . Eg. Zw—g. Saybusch-Zablocie. Saybusch-Zablocie, eine der merkwürdigsten Städte des westlichen Galizien, ausgezeichnet durch seine intelligente Judenschaft, welche getrennt von ihren christlichen Mitbürgern in Zablocie, dem Ghettoc. wohnt, hat nun auch seinen zionistischen Verein. Die Bemühungen der jüdisch-akademischen Ferial Verbindung „Emunah" in Bielitz, dem zionistischen Gedanken auch in Saybusch eine Pflegestätte zu erwerben, blieben nicht ohne Erfolg. Am 31. December v. J. veranstaltete die „Emunah" iu Saybusch ihren zweiten Vortragsabend, und es gelang ihr, in die Kette zionistischer Organisationen ein neues Glied einzufügen. Hervorgehoben muss werden, dass der Präses der israelitischen Cultuscremeinde als erster dem Vereine beitrat, welchem Beispiele etwa 25 Herren folgten. Ein vorbereitendes Comite, bestehend aus den Herren Dr. Junger, Vicepräses der Cultusgemeinde. Schuhlirector Schütz, Pilzer, Schwarz und U n g e r, wurde gewählt, um die ersten Schritte einzuleiten. Um den Erfolg haben sich besonders verdient gemacht der Präses der „Emunah", cand. ing. H. Nach mann: der Redner des Abends, cand. jur. Leo Blum, der in einstündiger glänzender Rede die Nothwendigkeit des Zionismns und die Organisation aller Zionisten darlegte: ferner Herr P. B r a f t und Herr Director Schütz. England. London, 7. Jänner. Die heutige Sitzung der „Anglo -Tewish Association" brachte wieder eine sensationelle Ueberraschung. Der Präsident Mr. Claude G.Montefiore machte den Versammelten die Mittheilung, dass die rJewishColonisation.Association" die von Baron Edmund v. Rothschild begründeten Colonien in Palästina in eigene Regie übernommen habe. Die englischen Mitglieder der Ica hatten ihr Möglichstes gethan, diesen Beschluss zu hintertreiben, und führten unter anderen Gründen, die gegen das Project sprächen, auch den an, es gehöre nicht zu den Aufgaben der Ica, als Vorkämpferin und Pacemacherin des Zionismus zu wirken. Die Leitung der Ica liess sich jedoch durch diese Einwände ihrer englischen Mitglieder nicht irre machen. — In der Sitzung der „Anglo Jewish Association" resümierte nun Mr. Claude G. Montefiore sämmtliche für und gegen die bereits erfolgte Uebernahme der Colonien vorgebrachten Argumente und verlangte, die Ansicht des Councils (Vorstandes) der „Anglo Jewish Associationc zu hören. Die Ansichten der Mitglieder des Councils sind getheilt. Auf die ausgesprochenen Antizionisten übt die blosse Erwähnung der palästinensischen Colonien die gleiche Wirkung aus, wie der Anblick eines rothen Tuches auf einen spanischen Stier. Andere Mitglieder zeigen sich ungehalten, weil man sie vor ein fait accompli gestellt und nicht vorher zurathe gezogen hat. Hingegen ist die Mehrheit des Vorstandes von der Uebernahme der Colonien befriedigt. Dementsprechend wurde eine Resolution des Chiefrabbi Dr. Adler, des Inhaltes, die „Anglo Jewish Association" sei von der Prosperität und der grossen Zukunft der palästinensischen Colonien überzeugt und begrüsse daher deren Uebernahme durch die Ica, mit zwölfgegen acht Stimmen angenommen. J. de H. Allerlei Nachrichten. In Chicago weigern sich einige jüdische Metzger und Lebensmittelhändler erfolgreich, ihre Geschäfte Sonntags geschlossen zu halten, mit der Begründung, dass sie Samstags nichts verkaufen, und an zwei Tagen das Geschäft nicht ruhen könne. Sie haben eine Genossenschaft gegründet, die ihrerseits eine Vigilierungs-Commission ernannt hat, welche ein achtsames Auge darauf halten soll, dass diejenigen jüdischen Geschäfte, welche Samstags verkaufen, am Sonntag gemäss den gesetzlichen Bestimmungen schliessen. * Die Baron Hirsch-Colonien in Argentinien erhoffen in diesem Jahre eine gute Ernte, indem die Heuschrecken keinen besonderen Schaden angerichtet haben. Das pneumatische Cabinet des jüdischen Krankenhauses in Berlin, die einzige Anstalt dieser Art in der deutschen Reichshauptstadt, feierte am l. Jänner seinen 25jährigen Bestand. Dasselbe wurde auf Anregung des berühmten Klinikers und damaligen Arztes des Krankenhauses, des Prof. L. Traube, erbaut. Gegenwärtig steht das pneumatische Cabinet unter der Leitung des dirigierenden Arztes Sanitätsrath Dr.J.Lazarus. In diesem Institute werden Lungen- und Brustkranke behandelt. Unbemittelte mit ganzem oder theihveisem Erlass der Curkosten. Die „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" constatieren in einer der letzten Nummern, dass der bekannte Antrag der Antisemiten wegen Uebersetzung des Talmud und des Schulchan Aruch in dem Zeiträume vom 2. März 1S!>2 bis zum 11. März 1S98 nicht weniger als 11 mal gestellt, und darüber regelmässig zur Tagesordnung geschritten wurde. In der vorige Woche zu Berlin abgehaltenen Sitzung des Centraiausschusses der deutschen Rabbinervereinigung wurde der merkwürdige Beschluss gefasst, von der Absendung einer Petition an das Unterrichtsministerium behufs Einführung des obligatorischen Religionsunterrichtes für die jüdischen Volksschüler „vorläufig noch abzusehen". Auch protestiert wurde in der Versammlung — gegen die Blutbeschuldigung von Polna. Der Protest soll zu geeigneter Zeit veröffentlicht werden. Dem Repräsentanten-Collegium der Berliner jüdischen Gemeinde liegt der Antrag vor, in jeder Gemeinde-Synagoge 200 und in jedem Betiocale 100 Freiplätze zu schaffen. Ein anderer Antrag zielt auf die Schaffung grosser Betiocale für die hohen Herbstfeiertage, in denen sich lediglich Freiplätze befinden sollen. In Memphis (Ohio) wurde ein Jude, Israel Paras. zum Präsidenten des städtischen Erziehungsrathes gewählt. Der Process in J a s s y wegen derj jüngsten antisemitischen Unruhen wird am 19. d. M. seinen Anfang nehmen. Die Zahl der Angeklagten beträgt 65. Bekanntlich sollen in Russland die Gelder der„Koscherfleisch-Taxe" und ähnlicher Abgaben nur zu jüdischen Zwecken Verwendung finden. Ebenso bekannt ist es, dass dies nicht geschieht. Nach einer Mittheilung des „Woschod"