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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Tolstoi und Déroulède
Date
1900-01-12
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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2fr. 2 ,Die ^5 Welt" Seite 11 Tolstoi und Deroulede. Jetzt, wo den so lange berserkernden „Patrioten" und Antisemiten Deroulede die •Justiz endlich niattgesetzt hat. ist es angebracht, ad seinen missglückt»*n Besuch bei Tolstoi zu erinnern. Er erschien, wie man aus Petersburg berichtet, in Jasntija- Poljana im Sommer ls«.to, gerade recht zur Heuernte, aber er war nicht darnach ungezogen. Als Tolstoi zum Frühstück von der Wiese heimkam, fand er den geschniegelten Franzosen vor. und dieser ficng sogleich an. von weinen Kriegsthaten, seiner Gefangenschaft, seinem Streiten nach Revanche und vor allem von der Notwendigkeit zu reden, dass Kussland und Frankreich sich verbünden müssten. um den deutschen Feind zu erniedrigen und zur Herausgabe von Elsass und Lothringen zu zwingen. Abel selten hatte der begeisterte Phantast einen so kühlen Zuhörer. Tolstoi setzte ihm ruhig sein eigenes Evangelium «ntgegen. das alte christliche, wonach der Krieg Menschenntortl bedeutet, und wir alle Menschen, ohne Unterschied der Abstammung. als Brüder zu betrachten und ihnen darum Gutes zu erweisen haben. „Ua dabei keine Musik, kein Champagner, nichts, was uns bethöri.e. vorhandeji war." so erzählte Tolsloi selber später, ..so zuckte Deroulede nur die Achseln, und mit der den Franzosen eigenen Liebenswürdigkeit sagte er, er sei sehr dankbar für den freundlichen Empfang, den er in unserem Hause gefunden, aber er bedauere sehr, dass derselbe nicht, auch seinen Gedanken zutheil werde.'- Dann giengen sie beide ins Heu. denn den Franzosen gelüstete es. dem ..Volke" seine Botschaft zu verkünden. Tolstois Arbeitsgenosse l'rokofy. ein alter, halbinvalider Hauei-. wurde als Repräsentant das Volkes begrüsst. und Tolstoi musste ihm als Dolmetsch die -rosse Idee erläutern, wie Bussen und Franzosen den Deutschen in ihrer Mitte erdrücken sollten. Da stand der elegante, wohlgenährte Franzose im Cylinder und langen Paletot und fasste mit seinen feinen, weissen Händen die sehweissigen Hemdärmel des von der Arbeit abgemagerten, von der Sonne verbrannten Bauern, hui ihm ganz klar zu machen, wie der Deutsche zu erdrücken sei. ..Dites-lui «me nous aimoiis les Busses." bat Deroulede. aber der Bauer waudr.e sich unwillig ab und schrie die Frauen an : .Nun. Ihr Krähen, seid Ihr eingeschlafen V Sputet Euch, es ist noch Zeit, den Deutschen zu enlücken. Noch ist die Heuernte nicht herein, und am Mittwoch sollen wir beim Korn anfangen." Dann wandte er sich gutmüthig zu dem fremden Herrn: ..Komm lieber zu uns arbeiten und bringe auch den Deutschen mit :'wenn wir mit der Arbeit fertig sind, gehen wir schwärinen, und den Deutschen nehmen wir auch mit, das sind auch Menschen." - „Oh. le brave honune'.- rief lachend der höfliche Franzose, während l'rokofy mit seiner riesigen Heugabel zu den Weibern gieng. „Damit hatte damals seine diplomatische Mission beim russischen Volke ein Ende." schreibt Tolstoi. Nichtjüdisches Äussere. Die ..Voss. Ztg.- brachte kürzlich folgendes Inserat: ..Hiesiger israelitischer Kaufmann. Ende --50. mit bedeutendem Einkommen, in jeder Hinsicht eimvandsfreie Persönlichkeit, möchte zwecks Heirat Dame von nicht über -l'v kennen lernen. Vermögen von ca. loo Mille erwünscht. l'nerlässliche Bedingungen sind jedoch : hervorragende Herzens- und Geistesbildung. liebenswürdiger heiterer Charakter, n i c h t j ü d i s c h e s A e u s s e r e. tadellose Familie." Oer Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom 'M. IVeember bis zum »"». -länner P.mm» weist HO Geburten. I -1 Tiauungen und r>5 Todesfälle auf. Personalnachricht. Der Schriftführer des Vereines „Zioir'in Bern, Hr. M a x Ii o r o s c h o w s k i. hat sieh mit Frl. I rene K ö n i g s g :t r i e n aus Brünn \ erhd.t. Spenden für die Boryslawer Arbeiter. Durch Ein würden Habbiner Friedmann in Horuzdiowir: Hostrl itz H............. Kr. r, Steiner M.............. .. i r i n kl I................. t In Nr. 'i-T'hSWi ausgewiesen iL Ktm.iifi Total«* Kronen riOP.K»^ Bei der Trauung des Herrn Moses R o Ii a t y n mit Fräulein Victoria Korkes in Lemberg wurde folgende Sammlung für zionistische Zwecke veranstaltet: Herr Moses Rohatyn H> Kr.. Rabbiner Feiwel Rohatyn 1 Kr., Herr Ch. Liefschütz Kr. -.<J0. Herr Salomoa Rohatyn Kr. — in, Herr Seemann Kr. ■■-••K»; die Herren David Schrei b e r, Blnustei n. lsiilor -I u s l a k. D i a m a n t s t e i n, Dr. M e s c h e 1. Läufer, Doctoi- M e n k e s, K o r k e s. G o 1 d b e r g. S t o r c h. Simon B l aus t e i n, G r u d e r. K r e b s. Reis s. R i e m e r. Marcus Rohatyn, Salonion Rohatyn. Dinner und Frau Rohatyn je eine Krone; zusammen Kr. :HK>. Davon wurden Kr. 17-Ju au das Actions-Comit-- in Wien gesendet. Kr. 17-Jo dem Preisfonds der „Pr/.vszlo;«'4 gewiüoiet. Correspondenzen. Oestarreich-Ungarn. Wien. Der Wiener zionistische!■"rnuenveivin veranstaltete am i. d. M. im Saale des mederösterreiehischen Gewerbevereines einen Leseabend. Herr H. York-Steiner erschien am. Vorlesetisch. Er las mit bekannter Meisterschaft seine Novelle ,.Maskir" vor. Sein warmer, klangvoller Vortrag erhöhte den Zauber, den die Handlung dieser Novelle auf das zahlreich erschienene, den besten Ständen angehörige Frauenpublicum ausüble. In dieser Novelle schildert York- Steiner ein reiches Stück jüdischen Lebens mit psychologisch lein gezeichneten Charakteren. Reicher Beilall lohnte des Vortragenden Mühe, und er musste sich zu einer Zugabe entschliessen. Er wählte hierzu seine den Lesern der '„Weh" wohlbekannt»' Ski/z»- „Talmud Kessuboth IH'b". in welcher inii packendem Humor der Widerstand geschildert wird, den zwei Frauen ihren Männern, die zum < ongresse nach Basel fahren wollen, entgegensetzen. Auch diese Skizze fand vielen Beifall. Zum Schlüsse ergriff die Präsidentin des Vereines. Frau Dr. Ka h u. das Wort und forderte die Anw.-senden in geistvoller Weis«» zur Mitarbeit an der zionistischen Sache auf. Ihr mit viel Wärme vorgebrachter Appell machte auf die zahlreiche Zuhörerschaft sichtlich Eindruck. — Es wat ein genussreicher Abend. A. S. Wien. Der Einzelverein ..Leopohlstadt-Praterstras»»'" «les „Zion" hielt am -_>*. v. M. ein«* öffentlich«* Vereitisversammlung im reservierten Saabdes „Cafe Orient" ab. Der Verlauf der Versammlung gestaltete sich recht animiert. Das Referat über „Zionismus und Socialismus" hatte Herr Dr. Martin K n gl ä u d e r. der zur vollsten Befriedigung der Anwesenden zu sprechen verstand und in wirkungsvoller Weise die Notwendigkeit «1er Rückkehr zum nationalen Judenthum betonte. Infolge Eingreifens <b*s anwesenden Herrn Architekten Oscar Marino r «■ k. <ler in üb«>raus temperamentvoller uinl fesselnder W.dse di«> Angriffe anwesender socialistischer Studenten zurückwies, entwickelt«- sich eine Dis.-ussion. an welcher sich noch di«* Herren Michael H a u s r. Anton l.ö w. Aloi-= i s e h «• r und Egon Ledere, r betheiligten. so »iass H.-rr Dr. E n g 1 ä n d e r erst gcg.-ii 1-2 l.'hr zum Schlussworte gelangte und das zweite auf der Tag.'sordnung st«*heiule Referat «les Herrn La/.ar Brod über ...lüdis«-he Colon.ien" auf den nächst--!*. "Discussionsaheu«! dös Yer.iines. der am II. «1. M. im „Cafe Orient" slaHtind.n. v»>r].*gt w.-nbm musste. Der Verein hat in dieser Versammlung zahlreiche neue Mitglie.ler :-y wurmen

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