Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- Ausgeraubte Synagogen [Nachricht]
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 JMe s£ Welt" Nr. 2 Ausgeraubte Synagogen. Aus Csaba (Ungarn> wird gemeldet: Hier wurden beide Synagogen ausgeraubt. Der Thäter. der aller Wahrscheinlichkeit nach auch die jüngsten Synagogendiebstähle in Oroshäza und in anderen Städten des Alf'öld verübt hat. erbrach die Spendenbüchsen mit fiuer Hacke, die er im orthodoxen Tempel zurückliess. Die Untersuchung wurde eingeleitet, blieb aber bisher erfolglos. Die Gesellschaft zur Erhaltung von Kunstdenkmälern des hidenthums in Wien veranstaltete am d. M einen Vortragsabend, an dem der Universitätsdocent Dr. Josef G r ü n t'el d über „Die Geschichte des jüdischen Spitals in Wien und dessen Wandlungen seit dem Mittelalter' sprach. Die Gesellschaft hält am -2<>. d. M. eine Sulzer-Gedenkfeier ab. Der Antisemitismus und der Vatican. Im Vatican erzählt man, Monsignore Merry del Val habe vom englischen Cardinal Vaughan einen Brief nach Koni erhalten mit der Bitte, den Papst auf die gehässigen Ausfälle der vaticanischen Blätter. insbesondere des ..Osservatore "Romano", gegen die Juden aufmerksam zu machen. In letzter Zeit habe sich der ..Osservatore" zum Werkzeuge der dunkelsten antisemitischen Hetzer hergegeben und die •luden unverblümt als ..Kitualmörder" bezeichnet. Ein Blatt, das sich an der Qelle der Wahrheit befinde und mit der Curie in engster Fühlung stehe, lade mit dieser schamlosen Anklage, für die jede Spur, jeder Schatten eines Anhaltspunktes fehle, eine doppelte Schuld auf sich : es versündige sich an dem Geist des Christen!hums uad schade der Kirche. Ein Machtwort des Papstes möge diesem Unfuge für immer ein Finde setzen. Der Schritt des englischen Cardinais soll auf die Curie einen tiefen Eindruck gemacht haben. Die jüdischen Handwerker in Russland. Den jüdischen Handwerkern im Czarenreiche hat die Petersburger Regierung ein Weihnachtsgeschenk gemacht, das sie sich bis jetzt vergebens gewünscht hatten. Aus Kiew wurden unlängst Frauen jüdischer Handwerker ausgewiesen, weil sie einen Milchhandel betrieben. Für die jüdischen Handwerker von Kiew war diese Massregel ein harter Schlag, weii die ausgewiesenen Frauen nur deshalb zum Milchhandel gegriffen hatten, weil sie die Existenzmittel vermehren mussten, die ihre Männer nicht genügend aufbringen konnten. Die Ausweisungen wurden damit begründet, dass jüdische Handwerker einem Handel, der nicht im Zusammenhange mit ihrem Handwerke steht, nicht nachgehen dürfen. Gestützt wurde diese Begründung auf eine alte Senatsentscheidung, die jedoch dem Wortlaute des Gesetzes nicht entspricht. In der neuesten Entscheidung des Senates in der Affaire des aus Woronesch ausgewiesenen jüdischen Handwerkers F e d e r m a n n stiess der Senat alle diese Begründungen völlig um. Der Senat erklärte nämlich, dass sich in der russischen Gesetzgebung kein wie immer gearteter Hinweis darauf befindet, dass jüdische Handwerker, welche;hr Handwerk ausüben, sich nicht mit Arbeiten oder Geschäften befassen dürfen, die nicht zu ihrem Handwerk gehören. somit alle bereits durchgeführten und noch vorzunehmenden Ausweisungen von jüdischen Handwerkern und deren Familienmitgliedern ungesetzlich sind _ und annulliert werden müssen. Die Petersburger Regierung als Executivorgan der Entscheidungen des Senates hat sich bereits beeilt, diese Entscheidung den Polizeiorganen mitzutheik-j). Von Interesse isi es. zu constatieren. dass die russischen Blätter die Ausweisungen der jüdischen Handwerkerl'raiien aus Kiew seinerzeit einer schonungslosen Kritik unterzogen und sie als ungesetzliche Brutalität bezeichnet haben. Dur „Kiewljaniii" und das „Kiewkoje Slowo". streng national-russische Blätter, verlangten schon damals die Zurückziehung der Ausweisungsordre. welche einem modernen Staate nur Schande mache. Die nun erfolgte -^tmidlicruiig der Ausweisungen jüdjs.dicr Handwerker und deren Familienmitglieder wird denn auch von den russischen Blättern freudig begrüsst. Der Petersburger ..Herold" sagt : ..Durch die neueste Entscheidung des Senates ist von den jüdischen Handwerkern ein schwerer Druck genommen worden, unter welchem sie grosse Kümmernisse litten, zumal da es ihnen nicht selten an Arbeit mangelte und sie in ihrem speciellen Handwerke nicht soviel verdienen konnten, um ihren Lebensunterhalt, zu decken. Eine Beschränkung des Rechtes der jüdischen Handwerker auf ehrlichen Erwerb hätte deshalb gar nicht stattfinden sollen. Nun ist den jüdischen Handwerkern die Wahl der Beschäftigung freigegeben worden. Tausende von ehrlichen Russen werden sich darüber aufrichtig freuen." Die jüdische Schul Statistik Russlands. Einem der jüdischen Culturgesellschaft in Odessa erstatteten Referate ist zu entnehmen, dass die staatlichen Elementarschulen Russlands bloss von Percent jüdischer Kindelbesucht werden. Eigene Volksschulen besitzen die .luden Russlands, deren Zahl mehr als I.OW.OUO beträgt, bloss 510, und diese werden insgesainmt von circa -KUXK) jüdischen Kindern besucht. Hieraus geht hervor, dass der überwiegende Theil der jüdischen Kinder Russlands öffentliche Schulen n ich) besucht. Weitaus am schlechtesten ist es mit den jüdischen Schulverhältnissen in Russisch-Polen bestellt. Unter den circa Ton Städtchen und Flecken Polens besitzen nur die allerwenigsten öffentliche Volksschulen, so dass man hier die Zahl derjenigen jüdischen Kinder, die ohne regelrechten Volksschuluuterricht aufwachsen, mit PJU.O-Xi nicht überschätzt. Allerdings muss in Betracht gezogen werden, dass diese Kinder keinesfalls als Analphabeten aufwachsen, denn die meisten von ihnen besuchen die Chedarini, wo seit; kurzem auch in russischer Sprache Unterricht ertheilt wird. Aus Carpentras. dem derzeitigen Aufenthaltorte Alfred Dreyfus". wird Pariser Blättern über einen jüdischen Gottesdienst berichte», der kürzlich im Hause Dreyfus stattfand. Aus Anlass des Todestages der Mutter Alfred Dreyfus* lud nämlich seine F"aiuilio Juden zu einem .Minjan"- ein. Dreyfus sprach das Kadisehgebet mit grosser lnnigkeitln Palästina weilt gegenwärtig, wie von dort berichtet wird, der bekannte hebräische Schriftsteller A eh a d-H a a m iL'. Ginzherg). Herr G i n zb e rg wurde vom Odessaer Colonisationscomite behufs lnspicierung der jüdischen Colonien nach Palästina entsendet. Eine jüdische statistische Gesellschaft mit dem Sitze in Paris soll auf Anregung Bernard Lazares demnächst gegründet werden. Die Aufgabe dieser Gesellschaft wird es sein, verlässliche statistische Daten über die ökonomische und eulturelle Lage der Juden in den Ländern der neuen und der alten Welt einzusammeln. Zu diesem Behufe wird die Gesellschaft in allen von einer grösseren Anzahl von Juden bewohnten Städten eigene Correspondenten anstellen. Gegen das Schwitzsystem. Mehrere Staaten Amerikas erliessen in der letzten Zeit strenge Verordnungen gegen das sogenannte ..Sweating-System". Diese findige Ausbeutungsinethode wird von den amerikanischen Fabrikanten hauptsächlich den aus Russland und Rumänien eingewanderten unerfahrenen jüdischen Arbeitern gegenüber in Anwendung gebracht. Deshalb wtirde von jenen Fabriksinspectoren, die Fabriken mit jüdischen Arbeitern zu inspicieren haben, die Verfügung getroffen, dass der Wortlaut der betreffenden Verordnungen in den Arbeitsräumen dieser Fabriken in einer dargonübersetzung affichiert werde. Der Ausschuss des Odessaer jüdischen Waisenhauses, dem auch die jüdisch«- Lehrfarm bei Odessa untersteht, hat den Agronomen dieser Farm. Herrn A. Sussmann ins Ausland entsendet, damit er sich mit einigen westlichen Bebauungsmethoden vertraut mache, welche in der russischen Ktirni mit Wirtheil angewendet werden küunte.n.