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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Die Lösung
Date
1900-01-12
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2 „Die 2& Welt" Seite 5 behrlicher Toilettestücke einen Brandartikel schreibt, die Judenfrage lösen. Zum mindesten die locale, die Wiener Judenfrage. Wie gesagt, im ersten Momente mag solch ein Beginnen etwas abenteuerlich erscheinen. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass darin Methode ist, die fast an Logik grenzt. Was versteht unser Mann unter Lösung der Judenfrage? Wenn die christlich-social-antisemitischeGemeinderathsmajorität aus dem Wiener Rathhause „weggefegtist, dann, so calculiert unser wackerer Freund, dann ist die Judenfrage gelöst. Durchdrungen von der ehernen Richtigkeit dieses grundlegenden Axioms speculiert nun unser Freund folgendermassen weiter: Wenn ich den Wienern .die Augen öffne", d. h. wenn ich ihnen in augenfälliger Weise zeige, dass die antisemitische Gemeinderathsmajorität die Strassen nicht gründlich säubern lässt, dann wird der Wiener sich's wohlweislich überlegen, die Antisemiten wieder in die Stadtvertretung zu wählen, und die Judenfrage ist gelöst Wir haben also hier wieder eine neue Methode der Lösung der Judenfrage. Man könnte sie die .bespritzte Hosen-Methode * nennen. In der That spielen ja, wie wir gesehen, die Kleidungsstücke vom Gürtel abwärts hierbei eine unschätzbare Rolle. Die Juden des Mittel alters haben für ihr Judenthum die Scheiterhaufen bestiegen, die Juden der Neuzeit besteigen zu demselben Zwecke die allerdings weitaus kühleren Schneehaufen der Wiener Strassen. Jupiter Pluvius bekommt auf einmal einen philosemitischen Beigeschmack. ,Hurrah, es regnet wieder, man versinkt bis an die Waden in der Erdrinde — die Judenfrage geht ihrer Lösung mit Riesenschritten entgegen." Die Lösung des Schnees is die Lösung der Judenfrage. Der Regenschirm ist da? Panier, das man zu Israels Heil hochhält. — To 5oo»o Zvjz-.vj. Da der Julistaub noch einige Monate auf sich warten lassen wird, so haben wir die erbauliche Aussicht, dass in den Wiener nichtantisemitischen Blättern noch mancher Schneehaufen gegen den Antisemitismus ins Feld geführt werden wird. Im Grunde meint er es ja gut, der Mann mit den bekleisterten Beinkleidern, er ist persönlich ein guter Kerl und hat auch ein Herz für sein Judenthum. Aber ein Regenschirm ist eben kein rettendes Panier. Und wesentliche Katastrophen richtet er auch nicht mit seinen unschädlichen Artikeln an. Die Wiener antisemitische Bevölkerung wird, auch wenn sie vom Regen bis auf die Haut durchnässt ist und sich die Hosen in den Pfützen beträchtlich ruiniert hat, durch solche Schicksalsschläge noch immer nicht dazu verleitet werden, alle jüdischen Passanten in den Strassen gerührt und reumüthig zu umarmen. Es ist schwer, mit Strassenwasser den Judenhass zu löschen. Möglich ist es, dass sich die Wiener antisemitischen Stadtväter „giften-, wenn sie die Artikel lesen, in welchen mit scharfer Geissei auf den Wiener Strassenschmutz losgeschlagen wird. Nim, das wäre doch Avenigstens ein Erfolg. Es ist immerhin eine tröstliche Vorstellung: Gemeinderath X., Bürgermeister Y. „giftet1sich. Wenn man den Gemeinde-Unrath, der auf den Strassen herumliegt, irgendeinem Gemeinde-Rathe als Spiegel vorhält, und der Gemeinderath-darob in Grimm geräth, so ist das ein ganz erquicklicher Anblick., aber — Der Strassenschmutz verdient eigentlich ein besseres Schicksal, als an einen x- oder y-beliebigen Kopf geschmissen zu werden. Erwin Rosenberger. Berliner Brief. Am 1. Jänner K*00 ist das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich in Kraft getreten und die Einzelrechte der verschiedenen Reichstheile verschwanden. Ein Theil der deutschen Juden wird von der Verändex-ung besonders berührt: denn in Württemberg und der preussischen Provinz Hannover galt bisher noch jüdisches Ehescheidungsrecht, das nun der Reichseinheit weichen muss. Bei dem grossen Richterschub, der gelegentlich des Gesetzeswechsels erfolgte, sind auch nach längerer Zeit wieder ein paar Juden zu Richtern befördert worden. In Bayern hat sich sogar — man staune — ein jüdischer Staatsanwalt ereignet! Die Freude darüber ist gross. Leider vergisst man. dass Ausnahmen die Regel bestätigen, und dass Gleichhrechtigung nicht erungen ist. wenn einige ganz besonders befähigte Männer ein Amt erhalten, das jedem anderen Staatsbürger von massiger Durchschnittsbefähigung ohne weiteres zugänglich ist. Gleichberechtigt wären wir, wenn bei uns die Mittelmüssigkeit gleich der ai-ischen avancieren könnte. Und bis dahin hat es gute Wege. Schon im Herbste 18!>8 wurde in der „Welt" der Uebelstand erwähnt, dass in Berlin die Gotteshäuser an den Festtagen nur gegen Lösung von recht theuren Platzkarten zugänglich sind. Es wurde damals auf den agitatorischen Wert hingewiesen, den die Einrichtung eines zionistischen Festgottesdienstes haben würde. Einen praktischen Erfolg hatte damals die Anregung nicht, weil die finanziellen Mittel zur Ausführung nicht beschafft werden konnten. Jetzt wurde im Repräsentantcn- Collegium der Gemeinde ein Antrag des Professors L e v i n verhandelt, der ebenfalls auf die Ungerechtigkeit hinwies, den Minderbegüterten die Möglichkeit des Synagogenbesuches zu schmälern. Leider scheint die grosse Berliner Gemeinde nicht mehr Geld für derartige Zwecke zu haben, als die kloine Berliner zionistische Organisation, denn der Antrag wurde abgelehnt. Für Prachtbauten hat man Geld in Fülle, man verlangt auch von allen (lemeindemitgliedern, dass sie Steuern zahlen und der Religion der Väter treu bleiben: aber der Forderung, für den jüdischen Kinderunterricht und für die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses ausreichend zu sorgen, steht man ganz verständnislos gegenüber. Der Vorsitzende der Vorstandes, Herr Justizrath M e y e r, hat sich, wie die Blätter melden, dabei die Aeusserung erlaubt: „Man dürfe nicht L20o anständigeLeute expropriieren, um dafür Schnorrer in die Synagoge zu bekommen." Es scheint demnach die Meinung vorzuherrschen, dass die Gebete begüterter Leute besonders wohlgefällig seien! Man hat sich allmählich hierselbst an mancherlei gewöhnt, aber der Cynismus dieser Aeusserung übersteigt denn doch alle Grenzten. Vielleicht wird der Besuch des Gottesdienstes von nun an nur gegen Vorzeigung der Bilanz und nur Personen mit einem Mindesteinkommen von 20.000 Mark gestattet! Von den Anwesenden aber fand niemand den Muth, der Entrüstung Worte zu verleihen. Und das nennt sich eine „liberale'- Gemeindeverwaltung. Dagegen hat m an endlich zwei Männer erwählt, welche für die zum Synagogenbesuch Zugelassenen predigen sollen. Einer der beiden Herren soll sehr fromm, der andere sehr liberal sein. Der eine nämlich wird nur in Synagogen mit Orgel, der andere nur in solchen predigen, in denen es kein derartiges Instrument gibt, Darüber ist man genau informiert. Wie sich beide Herren zum Zionismus stellen, zu der gewaltigen Erschütterung, die gegenwärtig durch unseren Volkskörper geht und ihn bis in die Tiefen aufwühlt — davon verlautet kein Wort. Wozu auch V! Die Stellungnahme ist ja von vornhe'rein sicher. Zu welchem Ende es hier die Gesinnungslosigkeit treibt, das lehrt das nachstehende Geschichtchen: Am zweiten Weihnachtsfeiertage traf Dr. W., der früher jüdisch war, einen Juristen im Cafe und gab seine jetzige evangelische Gemüthsverlässung dadurch kund, dass er eine antisemitische Aeusserung that. Der Jurist erwiderte, indem er W. an seine Abstammung erinnerte. Er erhielt für diesen Fingerzeig eine Ohrfoige, und die Folge war ein Duell, in dem es zugieng. wie sichs bei einem ordentlichen Duell gehört. Der im Rechte befindliche Jurist bekam eine Kugel ins Bein. Eine sehr rege Thätigkeit entwickelt im Rheinland der Vorstand der Kölner zionistischen Ortsgruppe, was umsomehr anzuerkennen ist, als der Vorstand im wesentlichen aus denselben Herren besteht, welche die in Kol n domicilierende Centrale der Zionistischen Vereinigung für Deutschland leiten. Insbesondere erfreuen sich, regen Besuches deren Discussionsabende, die lebhaft dazu beitragen, die Anhänger zu eigener geistiger Arbeit heranzuziehen und Vorurtheile

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