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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Zur Lage der Juden in Galizien
Date
1900-01-12
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die & Welt«1 Nr. 2 ist die Nahrung des jüdischen Handwerkers. Im ganzen Bezirke konnte ich keinen einzigen jüdischen Handwerker finden; der am Werktage Fleisch isst; nur für Freitag-Abend und Samstag wird um 15 Kreuzer Lunge und um 5 Kreuzer Fische gekauft, was natürlich für die ganze Familie hinreichen muss. Ein Beispiel von vielen: In einem Stübchen wohnt ein Flickschneider, ein junger Mensch, ganz entkräftet und verwahrlost, mit drei kleinen Kindern, seine Frau hat ihn wegen des Elends verlassen und lebt bei ihren An vorwandten in Amerika. Der Aermste verdient in der Arbeitssaison, .das ist vor den jüdischen Feiertagen, 2 Gulden wöchentlich, sein durchschnittliches Einkommen beträgt 1 Gulden pro Woche. Ein typhuskrankes Kind liegt in Fetzen eingehüllt im Bette, in welchem noch der Vater und ein zweites Kind schlafen. — Aehnlich situiert sind in der Stadt Tarnobrzeg zehn andere Flickschneider. Die Schneider sitzen beschäftigungslos zuhause, die Nähmaschinen stehen mangels jeglicher Arbeit in der Ecke, und die grosse Concurrenz bewirkt, dass der Schneider von einem Zwirnbeinkleid 10 Kreuzer Macherlohn bekommt. Trotzdem beklagen sich die Leute nicht über den niederen Verdienst, sondern über Mangel an Arbeit. Ebenso ergeht es anderen Handwerkern. Ihre Kinder laufen barfuss und beinahe nackt in den kothigen Strassen herum und wachsen zu Taugenichtsen heran. In die Volksschule werden nur die Mädchen geschickt, die Knaben besuchen die Cheders. In der Stadt Tarnobrzeg sind S Chedarim niederer Kategorie, in denen die Kinder im hebräischen Alphabet und Beten unterwiesen werden. In einem grösseren Zimmer, das gleichzeitig Küche und Schlafzimmer des Melamed (Lehrer) ist, sitzen 20 Kinder und lernen mit kleinen Unterbrechungen von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Der Melamed, der nicht selten ausser dem Hebräischen keine einzige europäische Sprache beherrscht, verdient für den Unterricht SO— ICK) fl. jährlich, denn die Kinder zahlen 2—3 fl. halbjährlich. Beim Unterrichte der Kinder hilft dem Melamed sein Sohn, der auch die Kinder vom Elternhause in den Cheder und dann wieder nachhause führt. Diese Hilfskraft ist natürlich unbesoldet. In den Cheders höherer Kategorie lernen die Kinder Chumesch und Gemarah. Diese Melamdim werden schon besser bezahlt, sie verdienen 200—250 fl. jährlich, wobei jedoch betont werden muss, dass die Eltern der in den Cheder geschickten Kinder dem Lehrer das Lehrgeld sehr oft — schuldig bleiben. In Tarnobrzeg sind sechs solche Chederim. Ein ebenso kümmerliches Dasein wie die Handwerker fristen die Träger, die trotz ihrer physischen Kraft beschäftigungslos in der Strasse herumgehen und keine Krone täglich zu verdienen imstande sind. Das Bettelwesen ist hier sehr stark, jeden Freitag betteln gegen 80 jüdische Familien, um den Sabbath vorbereiten zu können. Organisierte Wohlthätigkeitsvereine gibt es im ganzen Bezirke nicht, und nur vor den Osterfeiertagen wird Osterbrot vertheilt. Unter solchen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, dass die Emigration der Tarnobrzeger Juden nach Amerika sehr stark ist. Jede Woche verlassen einige jüdische Familien ihren Heimatsort, sogar junge Mädchen fahren unter Jammer und Klagen ihrer Angehörigen in die weite Ferne. Beinahe jede jüdische Familie in Tarnobrzeg hat Anverwandte in Amerika, und der grösste Theil dieser Ausgewanderten unterstützt dann die zuhause zurückgebliebenen Familienmitglieder. Die zweite Stadt des Gerichtsbezirkes Tarnobrzeg ist Baranöw mit 250 jüdischen Familien. Eine furchtbare Feuersbrunst hat vor etlichen Monaten circa 150 jüdische Familien an den Bettelstab gebracht. Die ganze Stadt wurde eingeäschert, nur fünf kleine jüdische Häuser wurden vom Feuer verschont. Viele waren nicht einmal gegen Feuerschaden versichert, und auch bei den Versicherten überstieg der Schaden bedeutend die Versicherungssumme. Die früheren Hauseigenthümer wollten neue Wohnhäuser aufrichten, aber da ihnen hierzu grösstentheils die Mittel fehlten, und der hiesige Creditverein sich zu keinem Anlehen verstehen will, so haben zahlreiche obdachlose Juden die Stadt verlassen. Die Woche. Wien, 10. Jänner 11)00. Die Lösung. In den Strassen Wiens kann man jetzt wenn man ein klein wenig acht gibt, eine interessante Figur beobachten : ein Mann von nicht unintelligentem Aussehen watet mit sichtlichem Wohlbehagen durch den ausgiebigen Gassenkoth. Er hat die Hose keineswegs, wie man erwarten sollte, unten aufgekrämpelt, sondern bietet die tiefliegenden Partien des genannten Kleidungsstückes in ihrer ganzen, uneingeschränkten Ausdehnung der^ übermüthigen Laune der Gossen dar. Und wenn man das Thun und Treiben des Mannes genauer ins Auge fasst, kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, dass er den kothreichen Wegen vor den reinlicheren bei weitem den Vorzug gibt. Er tappt, wie zufällig, in unergründliche Lachen hinein, er versinkt, scheinbar absichtslos, in die ebenholzfarbensten Schneehügel und betrachtet mit heimlicher Freude die stetig wachsende Verwahrlosung seiner Beinkleider und Schuhe. An Strassenkreuzungen pflegt er Halt zu machen und auf die periodisch eintretenden Stockungen des Fuhrwerkverkehres geduldig zu warten. Wenn dann die Wagen sich stauen, Kutscher und Passanten weidlich fluchen, mengt er sich unter die aufgeregte Menge und haranguiert sie in einem eigentümlich accentuierten Wiener Dialect, indem er auf den Urquell alles Uebels, die mangelhafte Strassenreinigung, hinweist. Hiebei verfehlt er nicht, die Umstehenden auf die schreckliche Verunstaltung seiner Hosen aufmerksam zu machen, sowie etwa ein Märtyrer durch öffentliche Schaustellung seiner Wunden kochenden Aufruhr ins Volk trägt. Der Mann mit den nicht unintelligenten Gesichtszügen schlendert dann noch behaglich durch einige besonders feuchte Gassen, und nachdem die Ackerkrume auf seinen Hosen eine Dicke erreicht hat, die den fruchtbringenden Anbau der grössten Gemüsesorten bequem vertragen könnte, begibt sich der Pilger in seine Redactionsstube oder in ein Kaffeehaus und schreibt eine flammende Notiz oder einen ebensolchen Artikel über den zum Himmel schreienden Koth der Wiener Strassen. Während des Schreibens schaut er von Zeit zu Zeit auf seine schollenreiche Hose, um seine Entrüstung frisch zu nähren und in ungeschwächter Glut zu erhalten. Wir haben längst errathen, dass der Wanderer mit der Krustenhose kein Geringerer ist, als ein Reporter oder ein „Localereru irgendeines Wiener, keineswegs antisemitischen Blattes. — Warum er trotzdem eine solche Vorliebe für Tümpel hat? Warum er, ungeachtet seiner Sparsamkeit, gegen seine eigenen Hosen schier selbstmörderisch wüthet? Warum er mit seiner Feder vergnüglich in dem edlen Nass des Wiener Strassenbildes herumplätschert? — O, er verfolgt ein gar hehres, ein geradezu ideales Ziel; es mag befremdlich klingen, aber es ist dennoch ernste Wahrheit: der Mann will dadurch, dass er sich seine Hose geflissentlich beschmiert und dann über diesen merkwürdigen Zustand unent-

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