Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- Für die Diplomatie
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Sr. -2 yj)ie x£ finsteren Thor, über niedriger Häuser Uemacheni. über den dunklen Giebeln und Dächern und über der Strassen quetschender Enge im Ghetto ein herrliches, Hoffnung erweckendes Stück vom Himmelsblau aufgethan hat. so hat dies auch schon Beziehung zu einer dereinstigon Verwirklichung des letzten Zieles. An einer Novelle eines dem russischen Ghetto entstammenden Dichters, die vor längerer Zeit in einer Berliner Zeitschrift erschienen «„Daneben" von B er d y cz e w ski). können wir erfahren, wie sehr der Zionismus bereits jetzt auf das private Leben der östlichen .ludenschaft eingewirkt hat, Nicht allein an den Reflexionen des Helden, denn 'lies wäre ja nur eine rein geistige, also gleichsam in der Luft schwebende Wirkung. Sondern wenn wir ersahen, wie die Existenz der zionistischen Voreine mit ihren Vortragsabenden und Veranstaltungen der Geselligkeit jener Kreise die Farbe gibt, st» ist die Idee Realität und Natur geworden. Hier entwächst ein.' bestimmte Wirkung der zionistischen Bewegung auf die Seele des jüdisch.-u Volkes. Durch das gewiss berechtigte Streben, das Dasein zu grösserer- Heiterkeit und feinerem Genüsse zu erweitern, zielte es bereits seit der Zerstörung des jüdischen Staates stets und überall nach Assimilation an fremde < 'nlturen. Wir wissen aus «lern Horaz, dass schon auf dem römischen Forum lächerliche Assimilationsgigerl flanierten, und wenn es sogar in China uralte jüdische Gemeinden gab. so gi.-ngen sie ganz unverhältnismüssig rasch durch Assimilation völlig unter, indem die .luden sich mit Chinesinneu verheirateten. In Spanien wurden sie bis zu einem erstaunlichen Grade Ritter voll echter Grandezza, und in Süddeutschbind, etwa in Hanau oder Heilbronn, fiel auf sie der Schein farbenfrohen, erkertraulichen deutschen Mittelalters. Ja. noch jetzt ist der Zuk'unftstraum. der doch über jeder'Existenz sehwebt, die l.ebenstendenz etwa eines kaukasischen oder in Odessa lebenden .Tuden, die Assimilation an ein»- westliche Cultur. Diese eingewurzelten Vorstellungen können gar wohl, wie jede noch so altgewohnte, erstickt und verdrängt werden. Wenn sie auch immer wieder einen kurzen tlüchtigen Blitzessohein werfen, und diese "Regungen seiher nicht völlig unterdrückt bleiben können, so vormag man doch durch Anspannung der Willenskraft, und dadurch, dass man sich .<=<. gleich von ihnen abwendet, es zu verhindern, dass sie die Herrschaft über unser Gefühlsleben erhalten. Sie können durch die Nichtbeachtung allmählich so schwach und unmächtig werden, dass es später gar keiner hewussteti Anstrengung mehr bedarf, sie aus unserem instineiiven Leben verdrängt zu halten. So mag durch die zionistische Bewegung erreicht werden, dass die Juden nicht mehr länger, gleichsam wie hypnotisiert, ihre Blicke einzig nach der Assimilation richten. Aber in einem seltsamen Zusammenhange betrachteten die .luden des Ghettos die umwohnenden Völker, nach deren Cultur sie begierig waren, als in einem latenten Kriegszustande befindlich. Sie vertuschten, wenn auch nicht Verbrechen, so doch Vergehen ihrer Stammesgenossen vor den christlichen Behörden, die sie wohl nicht mit Unrecht als feindselig betrachteten, mit dem leichtesten Gewissen, und wenn ein .lüde das christliche Bekenntnis annahm, so mochte er nicht nur als ein Abtrünniger vom Ahnenglauben angesehen werden, sondern als einer, der. ein verworfenster Mensch, gleichsam in Kriegszeiten zum Feinde übergieng, vielleicht um heimatliche Geheimnisse zu Vor rathen.' Indem nun der Zionismus die Juden von allen Assimilaüonsgedanken entwöhnt und so jegliche feindselige oder misstrauische Gefühle gegen die christlichen Völker in ihrem Herzen ausrodet, bereitet er einerseits — um seine Wirkungen kurz zusammenzufassen -- den Areopag der europäischen Diplomatie vor. der das zionistische Ziel verwirklichen könnte. Und andererseits mag er dem jüdischen Volke diejenige "Reife der Selbsterkenntnis geben, die es seinen Führern ermöglichen könnte, seine Interessen in den Bezirken der Diplomatie wahrzunehmen. Weft« .^.-nv Bis dahin ist aber eine lange gesetzmässige organische Entwicklung nothwendig. Nur im „Schlaraffenland" (einem Märchenschwank von Ludwig Fulda, der in diesem Winter aiu Berliner Schauspielhause durchfiel) wachsen die Kinder woldgeputzt und wohlfrisiert an den Bäumen, so dass man sie (welche Freude wäre es für Philine gewesen!» nur abzuschütteln braucht. Das Gesetz der Evolution tdas lbsen'sehe. .Gesetz der Umwandlung"! ist nicht allein von den Soeialdemokraten erkannt worden. Wie es diese mit einer gleichsam meinstaatsmännisehen. also diplomatischen Gesinnung erfüllt hat. so mag es auch den Zionisten den rechten Begriff von dem Verhältnisse zwischen der organisch wachsenden Volksbewegung und den Aufgaben der Diplomatie geben. Zur Lage der Juden in Galizien. r. t'i i e r i c htsltc/.ir k T a r n o b r z <s.) Von Michael Lehrfreund. Di - -luden, der Grundstock der hiesigen l^völkei uc.;- >ind ihrer Beschäftigung nach Kleinkrämer. Hnndw.--rk.-r. Fuhrleute. Trager und sogenannte Dorfläufer. Der Kleinhandel geht rapid seinem gänzlichen Ver falle entgegen infolge der allgemeinen Verarmung der jüdischen Bevölkerung und der erfolgreichen Coneurreiiz der „Kolka rolnie/.e-. welche für «lio. christlichen Cons umen ten berechnet sind. Diese Consumvereine werden materiell und moralisch seitens des Landesaussehusses unterstützt — jetzt wird in der Stadt Tarnohrzeg ein Verband dieser ..Kölka rolniczo." gegründet — sie genießen einen billigen Credit, sind mit allerlei Waren versehen, haben die Concession des Weinausschankes. wodurch sie den jüdischen Krämer arg schädigen alle diese Vortheile itn Zusammenhange mit der hiesigen judenfeindlichen Strömung erklären den gänzlichen Ruin des jüdischen Kaufmannsstandes. Auen bezüglich der CrediU erhältnisse tritt der Unterschied zwischen Bauer und Jude grell zutage. Di»- /.wei christliehen Bankinstitute - das eine trägt die Aufschrift ..ausschliesslich für < "'hristen- — leihenden Bauern Geld auf sechs Percent, die jüdischen Banken sind reine Geschäftsunternehmungeu. Diese für die Hauern günstigen < 'reditverhältuisse erleichtern ihnen den Conc-urreuzkampf mit den Juden, und so kommt es vor. dass die ersteren bei allerlei Limitationen, bei MauthVerpachtungen, wie auch beim Getreidekaufe von den Gutsbesitzern die Juden vordrängen. Die Zahl der jüdischen Grosshändler ist verschwindend klein, hingegen sind hier einige jüdische Gutsbesitzer, die jedoch die Lag.- der Juden noch verschlechtern, weil sie. von Gewinnsucht getrieben, die jüdischen Zwischenhändler ganz ausseracht lassen. Dies ist auch nicht ohne Rückwirkung auf den Adel, der in die Fusstapfen seiner jüdischen Nachbarn tritt. Zum Glücke gibt es hier au.-b bessere jüdische Guisherren. Industrien. Fahriken sind in diesem Bezirke gar nicht zu linden. Eine grössere Dampfsäge, F.igenthum einer Berliner i Joseilsehaft, beschäftigt nur Bauern: die Juden können in derselben heim besten Willen, da sie die Sabhathruhe halten, kein Brot linden. Noch schlimmer ist die Lage der zahlreichen jüdischen Handwerker. Ein grenzenloses Elend. In einem besonderen Stadtviertel, dorn sogenannten Rölki - das wahre. Ghetto »los Mittelalters wohnen ungefähr st» dieser Familien, lieren jede, aus * bis 12 Personen bestehend, in einem kleinen dunklen Stübchen domiciliert. Der Küchenofen und die Handwerksgeräthe nehmen «len grössten Raum des Zimmers ein. Die Kinder schlafen häufig auf der Erde, in einem Bette schlafen mitunter drei Personen. Diesen Wohnungsverhälrnissen entsprechen aucJi die Ernährungsverhältnisse. Zum Frühstück Ciehorie mit Milch, zum Mittag ein e Kartoffelsuppe, abends Kartoffel mit Buttermilch — das