Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Article
- Kleine Geschichten
- Date
- 1900-01-05
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 „Die s£ Welt" Seite L", „Da hast Du ganz recht," erwiderte die Haustrau. „Wir sind zu nobel. Wir werden unsere Jahresbeiträge bei einigen Vereinen für Kinderbekleidung, Chanukafest u. dergl. ein wenig herabsetzen . . . Man reisst damit den Leuten nur die Augen auf." Als das Stubenmädchen, die schnippische Mizi, im Dienstbotenzimmer vor dem Einschlafen noch rasch eine weniger liebevolle als schneidige Kritik über ihre „Herrenleute*, deren Gäste, sowie über die Ereignisse des Abends überhaupt zum Besten gab, meinte die Köchin Barbara: „Na ja, es ist schon so, aber eins weiss ich, ich hab' schon auch in vielen christliehen Häusern gedient, aber so einen schönen, grossen Weihnachtsbaum haben's nirgends gehabt." II. Die Brüder. Sie hatten sich die letzten zehn Jahre nicht gesehen, obgleich sie Brüder waren. Der Zufall erst brachte sie wieder einmal zusammen. Sie waren Kinder armer Leute, die in einem kleinen galizischen Neste sich mehr schlecht als recht ernährten. Dann waren sie in die weite Welt hinausgezogen, um ihr Glück zu machen . .. In Wien endlich begegneten sie einander wieder. In einer kleinen Kaffeeschenke, wo der Thee 6 kr. und die Melange 8 kr. kostet, trafen sie sich ganz zufällig, ohne dass sie sich mündlich oder schriftlich ein Rendezvous gegeben hätten. In den letzten fünf Jahren hatte die früher in Zwischenräumen von sechs, acht Monaten unterhaltene Correspondenz ganz gestockt. Die Brüder hatten einand sehr viel zu erzählen . . Zehn Jahre bilden auch im Leben armer Leute ein grosses, unerschöpfliches Capitel. Jeder berichtete von seinen geschäftlichen Unternehmungen, von seinen Erwerbsverhältnissen. „Mir geht es jetzt gerade nicht am besten," meinte Jakob, der ältere der Brüder, ein Mensch von schwächlicher Gestalt, der das rechte Bein — seit einem unglücklichen Falle, den er als sechsjähriger Knabe gethan — nachschleppte. „Meine Geschäfte gehen jetzt sehr schwach. Es ist nicht zum sagen, wie schwer die Ware zu verkaufen ist. Und was man alles zu hören bekommt! Zehnmal lässt sich manchmal einer von meinen Sachen alles herzeigen, und dann sagt er am End: „Von einem Juden kauf ich nichts. Was gehen Sie hausieren, geh'ns lieber arbeiten.- Auch der Bericht, den Josef hierauf erstattete, war kein besonders erfreulicher. Er entsprach vielmehr der sehr reducierten äusseren Erscheinung des Mannes, dessen Kleider offenbar nicht unmittelbar vorher von Herrschaften abgelegt worden waren. „Zuletzt," so schloss er die Erzählung seiner Abenteuer, „zuletzt arbeitete ich bei einem Fabriksbau. Da hat es mir schon angefangen gut zu gehen. Ich hab' nicht nur zu wohnen und zu essen gehabt, ich hab' mir jede Woche 1 fl. 20 kr. erspart. Das macht im Monat ein schönes Geld aus. Auf einmal haben sie erfahren, dass ich ein Jud' bin und mit den antisemitischen Ideen nicht einverstanden sein möcht'. Da war's mit dem Frieden und dem Glücke aus. In einemfort haben sie mich gehetzt, was ich als Jud' beim Bau will. Das ist nichts für einen Juden. Ich soll ein „Handle" werden, haben sie gesagt. Und wie das Gespött kein End' genommen, bin ich richtig gegangen. Das Geld ist nicht alles, hab' ich mir gesagt, ich werd" noch mein Brot mir auch anders verdienen. Aber es dauert schon zu lange ..." III. Bruchstücke aus einem Briefe. „. . . Gestern hatte ich eine lange Unterredung mit meinem Vorgesetzten. Ich habe Dir von dem Baron schon öfters gesprochen, Du weisst, er ist nicht nur mein Chef, sondern trotz seines aristokratischen, exclusiven Wesens von einem Wohlwollen für mich erfüllt, welches im Laufe der Jahre immer stärker wurde. Der Baron empfiong mich mit einer gewissen diplomatischen Kälte, die bei ihm eine leise Verlegenheit verbergen soll und seine ersten Worte waren, ich möge die Mittheilungen, die er mir machen wolle, als rein persönliche nehmen, die ferne von jedem amtlichen, officiellen Beigeschmack seien. Die Spannung, mit der ich nach dieser Einleitung auf das Kommende wartete, kannst Du Dir, mein lieber, alter Freund, vorstellen. Nach einigem Räuspern fahr der Baron fort: „Sie wissen, lieber Doctor, dass nicht ich allein Ihre Fähigkeiten, Ihren Charakter aufrichtig Schätzern zu Kirnen Gelegenheit gefunden. Man weiss, was Sie leisten, man erwartet noch viel mehr von Ihnen." Ich machte vielleicht bei diesen Worten eine Miene, die Staunen und Zweifel verrieth oder nicht ganz verbarg, denn der Baron schaute ein wenig fort, als ob ihn mein Blick störte und sagte dann: „Sie denken vielleicht, dass Ihr Avancement nicht ganz der Meinung entspreche, der ich Ausdruck verlieh. . . Nun, darüber wollte ich eben mit Ihnen reden. Vertraulich, natürlich . . . streng vertraulich . . . Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, dass man bei uns erhaben über kleinliche Vorurtheile ist, dass man nicht nur dein Wottlaute der Verfassung, die keinen Unterschied der Confession kennt, sondern auch ihrem Geiste gerecht wird. Und zwar unter allen Umständen. Aber andererseits glaube ich, dass ein vorurtheilsloser, in den Ideen unserer Zeit gross gewordener Mann, wie Sie, lieber Doctor. auch das volle Verständnis für die Aufgabe des Staates, sowie für die zarten, berechtigten Empfindungen haben werde, die man . .. oben . . . Sie verstehen mich . . . hegt . . Sie wissen, ich kenne im Dienste nur das (iesetz. die Pflicht, das Talent, den Charakter . . . Aber wenn ich . . . wenn wir alle uns über gewisse Vorurtheile hin wegzusetzen vermochten, dann dürfen wir auch von Männern, wie Sie, lieber Doctor, einer sind, gleichfalls ein gewisses Hinwegsetzen über angestammte Vorurtheile erwarten . . . Sie verstehen mich . . . ja? . . . Niemandem wird es. darf es einfallen, Ihnen zu sagen, dass Ihre Religion, die jedem heilig sein muss, ein Hindernis in Ihrer Carriere bilden wird. Nicht als Ihr Chef... als Ihr Freund wollte ich Sie aber darauf aufmerksam machen, dass . . . Sie verstehen mich ... ja? . . . Ich will Dich, mein lieber Freund, nicht ermüden und Dir den Rest der Auseinandersetzungen, mit denen der Baron mich noch eine gute Weile beehrte, erlassen. Du verstehst ihn — Du verstehst auch mich genügend. Ich fühle mich wie vor einem harten schweren Kampfe . . . Dein Rath wäre mir sehr, sehr erwünscht Ada m. Briefkasten. J. A., Neustadt a. W. Besten Dank für Ihre freu ml liehe Aufmerksamkeit. Wie Sie sehen, haben wir davon Gehrauch gemacht. J. L. L. Das betreffende Werk ist noch nicht erschienen. M. W., Frankfurt a. M. Post festum, daher nicht mehr möglich. Ludwig Hirsch! Wir bitten um nähere Angabe <ler Adresse. Makkabäer-Feier, Karlsbad: Besten Dank und Gruss.