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Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
Die Andere
Date
1900-01-05
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite U »Die & Welt" Nr. 1 Als ihm der Gedanke zum erstenmale durch den Kopf gegangen war, hatte er sich rasch mit der Hand über die Stirne gewischt, wie um jede Spur des Entsetzlichen zu verwischen. Aber ein Gedanke ist, wenn er einmal Gestalt angenommen hat, nicht aus der Welt zu schaffen. Er kehrte wieder, dringender, bestimmter — er verfolgte ihn Tag und Nacht. Und wunderbar! Sein in tiefster Seele verschlossener Wunsch schien auf die Frau zu wirken wie ein mächtiges Gift. Sie schrumpfte zusehends zusammen, ihre Kräfte schwanden, sie vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Die Fremde schien ernstlich besorgt und drängte in den Mann, ärztliche Hilfe zu holen. Er lächelte sie verlegen an — naive Verwunderung antwortete ihm in ihrem Blick. .Welch vollendeter Takt!" sagte er sich, und sein Auge hieng an der geschmeidigen Gestalt der Fremden, wie sie die kranke Frau zärtlich bediente. Die besten Aerzte der Grossstadt kamen, und ihre Vorschriften wurden gewissenhaft befolgt. Aber die Frau verfiel immer mehr, und eines Tages, als der Mann und die Fremde mit dem berühmten Arzte am Bette der Schlummernden standen, sagte der Gelehrte, es sei jede Hoffnung verloren, und gie»g. Von Leidenschalt überwältigt, seiner selbst nicht mächtig, berührte er zum erstenmale den Arm der Fremden, während die Glut seines Auges ihr Wangen und Stirne versengte. Sie fuhr zurück, warf ihm einen Blick voll Abscheu, Furcht, Grauen zu und floh. Hierauf schloss sie sich in ihr Zimmer ein, packte in rasender Eile ihre Sachen und fuhr für immer davon. Der Mann sah ihr starr nach, dann horchte er auf ihr Thun und verstand. Wie eine finstere Wolke gieng es über sein Gesicht, Fieberschauer jagten durch sein Gebein. Dann schloss er die Augen, um die Erinnerung an den furchtbaren Blick zu verscheuchen, öffnete sie wieder, sah das Krankenlager und schauerte wieder zusammen. Er sah sich im Dämmerlichte des Zimmers um. ,Wo kann icli mich mit meiner Schande vergraben? Wo?--—" Er warf sich neben die Kranke nieder und biss in das Kissen, um das aufsteigende, unwiderstehliche Schluchzen zu unterdrücken. „Mein Weib, Geliebte meiner Jugend, Du Treue, Heilige, steh' mir bei!" Lange lag er weinend auf den Knien. Endlich hob er den Kopf und wagte es, auf die Kranke zu sehen. Welches Wunder hatte sieh begeben? Ein rundes, rosiges Antlitz, das Antlitz der Braut, die er vor so vielen Jahren heimgeführt hatte, duftete ihm entgegen, ein paar klare, milde Augen lachten ihm zu. Und wie er sich über sie beugte und den vollen Mund mit heissen Küssen bedeckte, schlössen sich zwei volle Arme kräftig um seinen Hals. „Liebster!- „T heu erste!14 * * Mein Volk, mein verblendetes Volk, wann wird Dein Herz dem Zauber der Fremden entrinnen? Lieder eines Bekehrten. ii. Wie könnt' ich Dein vergessen... Ich habe den Rhein oft besungen Mit der märchenhaft goldenen Flut, Ihm sind meine Lieder erklungen Voll tiefer Begeisterungsglut. Doch glühender nun ertöne Dir, heiliger Jordan, mein Lied, Du Strom voll erhabener Schöne, Zu Dir meine Sehnsucht mich zieht. Dein Rauschen ist mir vertrauter, Und nichts kann mir lieblicher sein — Das Herz pocht mir schneller und lauter. Mein Jordan, gedenkf» ich Dein! Italiens blühender Auen Hab oft ich im Liede gedacht. Mit ihrer lachenden, blauen Und ewigen Himmelspracht. Doch schöner und prächt'ger von allen Ist ilas Land, wo die Ceder blüht: Dir, Zioru soll künftig erschallen Mein Gesang, von Liebe durchglüht. Dein Himmel ist blauer und heller. Und nichts kann mir sonniger sein — Das Herz pocht mir lauter und schneller. Mein Zion, gedenke ich Dein! Dem Liebreiz der Frauen zum Preise Galt oft mein Minnegesang, Manch liebestrunkene Weise Zu ihrem Lobe erklang. Wie könnt" ich Dein je vergessen. Die Du schön wie ein sonniger Tag, Mit deren Reiz sich zu messen Kein Weib auf Erden vermag. Dein Zauber ist wunderprächtiger Und nichts kann berückender sein — Das Her/: pocht mir feuriger, mächtiger. Sulamith. gedenke ich Dein! Heinrich Grünau. Paris, im December 181)1). Kleine Geschichten. Bei Assimilanten. Ein Weihnachtsbaum von ganz ausserordentlicher Grösse war in dem prachtvollen Salon aufgestellt, der in einem Meere von Licht erstrahlte. Der Hausherr, Flerr v. Maiersheim, hatte einen grossen Griff in die eigene Wertheim'sehe gemacht, um das Fest, das, wie seine Gattin sagte, rden Kindern eine Freude bereiten sollte," zu einem glänzenden zu machen. Nicht nur die Kinder, auch die Grossen, Verwandte und Freunde, die zum Feste erschienen waren, wurden durch die reichen Geschenke erfreut, die an den Aesten des Weihnachtsbaumes in verschwenderischer Fülle hiengen. Spät nach Mitternacht erst entfernten sich die Gäste, ihre Wirte in dem stolzen Gefühle zurücklassend, durch die verschwenderische Fülle der gebotenen Genüsse den Neid aller erweckt zu haben. „Es war ein schöner, aber doch theurer Abend," meinte der Hausherr, als er sich zur Ruhe begab. „Wir werden dafür auf anderer Seite etwas sparen müssen.^

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