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Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
[Kommentar]
Date
1900-01-05
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 ,Die z£ Welt" Seite 13 und Jerusalem in politische)- und cultureller Beziehung eine grosse Bedeutung erlangen werden. Palästina wird den Weltmächten so viel bedeuten, wie den europäischen Grossmächten heute die Schweiz bedeutet. Es wird hier nothwendig eine zweite Schweiz entstehen. Aber die jetzigen Bewohner Palästinas sind weder imstande, einen selbstständigen Staat zu bilden, noch die einem solchen Staate zufallende Aufgabe zu erfüllen, nämlich stricte Neutralität zu bewahren. Nun bietet sich ein lebensfähiges, geistig reges Volk an. Da wird wahrscheinlich kein Kampf vonnöthen sein, kein Tropfen Blutes wird vergossen werden — die Rückkehr kann ruhig, mit Einverständnis, unter dem Schutze und Beistande der Mächte vor sich gehen. Ist der Gedanke aber nicht undurchführbar? Zur Consolidation des türkischen Reiches durch lebensfrische Elemente des Wesens wird es unausbleiblich kommen, und das nationale Juden thum wird Ansprüche erheben auf ein Erbtheil. das ihm auf Grand historischer Rechte zufällt. Die Juden haben ein Recht zur Existenz, wie jedes andere Volk, die Juden haben nicht nur zum Handel Talent, sie können auch gute Ackerbauer und Handwerker sein. Zur Staatenbildung sind Geldmittel nothwendig, und davon haben die Juden vorläufig genug. Energie und Intelligenz wird ihnen niemand absprechen, und wo es an gutem Willen nicht mangelt, dort wird sich auch bald ein guter Weg finden. Dass in der Judenheit der Wille, nach Palästina zurückzukehren, mächtig erwache, dies wird der Zionismus einerseits, der Antisemitismus andererseits besorgen." Im weiteren Verlaufe des Aufsatzes bringt dessen Verfasser einige Bodenken vor und schliesst mit folgenden Worten: „In zwei Jahrzehnten wird der Zionismus sicherlich in alle Schichten des Judenthums eingedrungen sein. Wir Czeehen können ihm die besten Erfolge wünschen. Wir fühlen auch mit den Polen, und diese leben, obzwar sie viel leiden, dennoch zumindest in compacten Massen beisammen. Warum sollten wir es den Juden nicht gönnen, dass sie nach hinger. leiilemoller Pilgerfahrt endlich eine Heimat finden?" Die Andere. Parabel von Leo Rafaels. „Ein merkwürdiges Paar! Eine seltene Ehe '.- Das war das einmüthige Urtheil der Welt. Nur der Ton, in dem die Worte gesprochen wurden, war verschieden bei verschiedenen Menschen : wie aufrichtige Bewunderung klang es im Munde der Guten: wenn es niedrig geartete Naturen sagten, hörte man deutlich den Spott, durch den der ohnmächtige Neid gerne seine Gemeinheit verbirgt. Aber uneingeschränkte Achtung konnte niemand dem Paare versagen, das sich an allen Orten und unter allen Uniständen so wunderbar gleich geblieben war. In dein kleinen, weltfernen Neste, wo sie in fast gleichem Alter als Mann und Frau den schweren Kampf gegen Armut und Noth begonnen hatten, wie in der mittelgrosseu Provinzhauptstadt, wo ihnen liebreizende Kinder die enge Wohnung zum Palaste machten, und die Welt, halb und halb von ihrer arbeitsamen Ausdauer besiegt, ihnen zuzulachen begann, wie es dem Erfolge gegenüber die Gewohnheit der Well ist, und endlich in der menschenreichen Residenz, wo sie mit der kämpfereichen Vergangenheit abschlössen, und gesicherter Wohlstand eine sonnige Zukunft verbürgte — bei allem Wechsel des Ortes, der Zeit und der Verhältnisse waren sie dieselben geblieben : unerschöpflich in ihrer Zärtlichkeit für einander, Bräutigam und Braut, in allem und jedem aufeinander angewiesen, und in dieser trauten Abhängigkeit bis zur Wunschlosigkeit beglückt. Ihr Verkehr mit der übrigen Menschheit war auf den alltäglichen Austausch von Leistung und Gegenleistung beschränkt: sonst drang in ihr stilles Glück kein Ton vom Geräusche der Welt. „Die Kinder werden mir zu gescheit," sagte eines Tages die Frau: „sie fragen mehr als ich beantworten kann." Der Mann schüttelte den Kopf und wollte erwidern, aber sie legte ihm die Hand auf den Mund. Ihr Auge strahlte, und ein sonniges Lächeln verklärte ihr Gesicht. »Ich weiss schon," sagte sie, „ich bin die gelehrteste aller Frauen; aber für Deine Kinder bin ich doch nicht gelehrt genug. Wir müssen es machen wie andere Leute, es bleibt nichts übrig, als die Kinder einem Fräulein, einer geprüften Lehrerin, zu übergeben." Der Mann verzog den Mund, als hätte er in einen sauren Apfel gebissen. „Es nützt nichts,14 fuhr die Frau fort: „es kommt mir schwer genug an, unsere schöne Häuslichkeit einer Fremden zu öffnen, aber es gibt keinen Ausweg." „Wir wollen uns umsehen," sagte der Mann träge, ganz gegen seine Art, denn wenn er etwas vorhatte, that er es mit Eifer und ohne Verzug. Die Frau merkte, dass ihm die Neuerung widerstrebte, daher liess sie den Gegenstand für diesmal fallen: sie wollte ihm Zeit lassen, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Als sie nach einigen Wochen wieder die unangenehme Noth wendigkeit berührte, sagte er nicht Nein: nach einigen Tagen sass eine Fremde zwischen den zwei ältesten Kindern am Familientisch. Ein junges, frisches, offenes Gesicht; helle, fröhliche Augen, die sicher und sorgenlos in die Welt sahen, als gäbe es kein tückisches Geschick, keine menschliche Bosheit; ein ernster, dabei doch lachender Mund, starke, weisse Zähne, die genussfreudig blitzten, als wollten sie sagen: ich sehe durchaus nichts Sündiges darin, in das Angenehme fest hineinzubeissen, wo es am appetitlichsten ist. Sie war natürlich in ihrem ganzen Wesen; das liess sie ganz unbefangen, manchmal selbstbewusst erscheinen. Die Herzen der Kinder hatte sie am ersten Tage gewonnen — die Alten waren von dieser Irischen, gelegentlich scharfen Brise aus einer ihnen so gut wie unbekannten Welt fast schmerzlich berührt. Die Frau verhielt sich noch stiller als sonst, während die Fremde in unbefangener Heiterkeit plauderte, lachte und unbewusst eine Kinderseele offenbarte, die mit naiver Dankbarkeit nahm, was das Leben bot, ohne sich über Vergangenheit und Zukunft, über die geheimnisvollen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch Gedanken zu machen. Auch der Mann war still, stiller als je; aber niemals vorher hatte er so scharf auf eine menschliche Stimme gehorcht, niemals vorher hatte er so deutlich gesehen. Vierzehn Tage, nachdem die Fremde gekommen war, geschah es, dass er um den Mund seiner Frau eine tiefe Falte bemerke. Am Tage darauf fiel es ihm auf, wie das dünne Haar über der Stirne eigentlich gar keine Farbe hatte — war es bereits hart an der Grenze, wo Braun und Blond gleichmässig verschwinden? Und wie matt war der Blick! — — — — — — So oft sie bei Tische sassen, war er in sich versunken: wie die Fremde plauderte und die Kinder erwiderten und lachten, war es ihm, als sässe er in einer jasminumrankten Laube vor einem plätschernden Springbrunnen, und die linden Sommerwinde spielten in seinem Haar; fiel aber die Stimme der Frau ein, so fuhr er wie gestochen auf und gieng unter einem Vorwande davon. Er war nicht der Mann darnach, sich selbst zu betrügen. Die Wahrheit war grauenhaft, aber er hielt sich die Augen nicht zu. Er hasste seine Frau. Ihr Anblick quälte ihn, der Ton ihrer Stimme peinigte ihn wie ein physischer Schmerz, er konnte den Ort nicht sehen, auf dem sie stand. Wie alt, wie unendlich alt war doch diese Frau! „Ich wollte, sie wäre todt!-

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