Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1900-01-05
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 „Die j& Welt" Nr. 1 Das Londoner East-End soll nun doch sein Jargontheater erhalten. Ein unter dem Namen „Wunderland" bekanntes Etablissement wird demnächst demoliert, und an dessen Stelle soll ein der jüdisch-deutschen Muse gewidmeter Tempel erstehen. Bemerkt muss werden, dass im East-End zahlreiche jüdische Vereine existieren, die während des Winters allwöchentlich Samstag und Sonntag abends jüdische Stücke mit Erfolg zur Aufführung bringen. Der russische Senat hat beschlossen, es sei in Hinkunft streng darüber zu wachen, dass die sogenannte Koscherfleisch-Taxe ausschliesslich für jüdische Zwecke verwandt werde. Die Handelskammer in Bukarest beantragt bei der rumänischen Regierung ein Hausierverbot. Die Spitze dieses Antrages ist natürlich gegen die Juden gerichtet. Der „Jüdische Culturverein" in New-York, der eine grossartige Lehranstalt, das „Hebrew Institute'% unterhält, hielt kürzlich seine Jahresversammlung ab. Das genannte Institut wurde im Vorjahre von 4390 Schülern und Schülerinnen besucht. Der mit der Anstalt in Verbindung stehende Kindergarten wurde von 348S Kindern besucht. Die Einnahmen des „Hebrew Institute" beliefen sich auf :H,06l Dollar, die Ausgaben auf 39.320 Dollar. Demnach erleidet die Anstalt ein Deficit von 4358 Dollar, das vom Reservefonds gedeckt wird. In der jüngsten Nummer unseres Blattes berichteten wir an dieser Stelle über die Schächtdebatte im mecklenburgischen Landtage und bezeichneten bei dieser Gelegenheit den Abgeordneten Bronsart v. Schellendorf (so soll es anstatt Schellen h o f richtig heissen) als früheren preussischen Kriegsminister. Wie man uns nun mittheilt, ist der mecklenburgische Landtags-Abgeordnete Bronsart v. Schellendorf ein Bruder des früheren preussischen K ri egsmin isters. Nach den neuesten officiellen Angaben wohnen im Gouvernement W i 1 n a 240.000 Juden, davon in den neun grösseren Städten 108.000, in 87 kleineren 11.500 und in Dörfern 18.000. In Wilna selbst 79.000. Warschau zählt unter 650.000 Einwohnern 232.00O Juden. An Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. Israel Hildesheimer wählte die Adas-Jisroel-Gemeinde in Berlin den Sohn des Verstorbenen, Dr. Meier Hildesheimer, sowie Dr. Esra Münk aus Königsberg zu Predigern und Rabbinern. Die Zahl der jüdischen Einwanderer in Philadelphia betrug in der Zeit vom 1. Novebmber 1898 bis zum 1. November 1899 1B49 — um 430 weniger als im Vorjahre. Aus Russland kamen 1264, aus Galizien 85, aus Rumänien 58. Der Rest vertheilt sich auf verschiedene Länder. In dem Berichte der Einwanderungscommission wird die erfreuliche Thatsaehe constatiert, dass die Eingewanderten die öffentliche Wohlthätigkeit nur in geringem Masse in Anspruch genommen haben. Interessant sind die Zahlenverhältnisse mit Bezug auf die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten überhaupt. Die Gesammtein Wanderung in den Vereinigten Staaten betrug in dem mit dem 30. Juni schliessenden Berichtsjahre 312.000 Personen, worunter sich 37.4oo Juden befanden — um 9000 mehr als im Vorjahre. Die Einwanderung aus Italien betrug 77.400 Personen, darunter nur 1 Jude. Aus Russland kamen 24.300 jüdische Einwanderer, aus Oesterreich lö.OOO. aus Rumänien 1:443, aus Deutschland 400. aus England 174. aus Frankreich 9 Juden. Wien, 4. Jänner. Wir erhalten die tiefschmerzliche Nachricht von dem Hinscheiden der Mutter unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen Max Nordau. Zeitschriftenrundschau. „Hebrew Standard", ein in S i d n e y erscheinendes Wochenblatt, schreibt in einer seiner jüngsten Nummern: ..Es wäre zu wünschen, dass etwas mehr Leben in die Propaganda zugunsten des Zionismus komme, und dass die australischen Juden aus dem Munde einer berufenen Persönlichkeit über das zionistische Programm und die Ziele der Bewegung unterrichtet würden, damit auch Australien an der Bewegung theilnehmen könne." Die „Nowoje Wremja" beschäftigen sich in einer ihrer jüngsten Nummern mit der Frage des Antisemitismus, in dem sich nach ihrer Meinung die Inst.incte des Hasses der arischen Völker äussern. Die Frage, warum der Judenhass gegenwärtig eine immer grössere Verbreitung finde und daher im Völkerleben eine immer thätigere Rolle spiele, wird dahin beantwortet, dass der Grund hauptsächlich im wachsenden Selbstbewusstsein der nichtjüdischen Völker zu suchen sei. Wie das 18. Jahrhundert der Kampf mit dem Jesuitismus stigmatisiert, so werde sich aller Wahrscheinlichkeit nach das kommende Jahrhundert durch seinen Kampf mit dem Judenthum in der Culturgeschichte auszeichnen. Fm übrigen will der Autor des Artikels so manche A e h nlichkeiten zwischen der Organisation des Jesuitenordens und der des jüdischen Volkes herausgefunden haben. Wie die Jesuiten den gegen sie geführten Kampf als einen gegen den Katholicismus und das ganze Christenthum gerichteten darzustellen pflegten, so wollen auch die Juden und ihre Freunde den „blinden" Christen klarmachen, dass der Judenhass eigentlich ein Kampf gegen die Principien der Brüderlichkeit und Menschenliebe sei. Gleich den Jesuiten, haben auch die Juden der Menschheit aus ihrer Mitte eine grosse Anzahl von Märtyrern der Humanität gegeben. Aber gleichwie die Menschheit nach Aufhebung des Jesuitenordens nicht nur keine Rückschritte, sondern vielmehr auf dem Gebiete des moralischen Lebens bedeutende Fortschritte gemacht hat. so werde sie durch den Judenhass in der Fortentwicklung nicht gehemmt werden . . . Sogar der Talmud besitzt nach dem Autor eine Analogie im .Jesuitismus: die Bücher des Ignatius von Loyola. Ganz anders behandelt der Petersburger Publicist „Old Gentiemann" in der Zeitschrift „Rossija" die Frage des Antisemitismus. In einem „Wie human ist die russische Gesellschaft?" betitelten Feuilleton beweist er, dass es in Russland keinen socialen Antisemitismus gebe, der so sehr ausarten könnte, wie in den westlichen, sogenannten civilisierten Ländern z. B. die Dreyfus-Affaire. „Wir kennen," schreibt er, „keine antisemitische Doctrin, noch eine solche Presse, welche aus Ueberzeugung ihre Bestrebungen durchzuführen trachtete, noch schliesslich eine dieser Presse gehorsam ergebene Partei." Die in Prag in czechischer Sprache erscheinende, von Prof. Masaryk redigierte Revue für Wissenschaft, Kunst und Socialpolitik „Nase Doba" bringt in ihrem jüngsten Hefte einen „Sionism" überschriebenen Artikel, welcher den Zionismus kritisch behandelt. Im nachfolgenden geben wir den Gedankengang des Artikels wieder: „Es gehört, grosser Muth dazu," so beginnt der interessante Aufsatz, „das allgemeine Fühlen und Sehnen, so wie Dr. Herzl es gethan, zum erstenmale zu formulieren, und es ist gewiss ein Zeichen der Zeit, dass auch im jüdischen Volke das nationale Bewusstsein zu erwachen beginnt. Solche Ereignisse kennt die Weltgeschichte bisher nicht: Ein durch IS Jahrhunderte in alle Welttheile zerstreutes Volk wird von der Idee ergriffen, eine Nation auf eigenem Boden zu werden und seine todtgesagte Nationalsprache zu neuem Leben zu erwecken. Und die Idee hat die schönsten Aussichten, überall durchzugreifen. Hier würde eine neue Epoche der jüdischen Geschichte beginnen, und wenn das Ziel erreicht würde, so stünde diese Epoche selbst hinter den glorreichsten Zeiten der alten jüdischen Historie nicht zurück." — Sodann bespricht der Verfasser des Artikels die Orientpolitik der europäischen Mächte und sagt weiter: „Alle Anzeichen deuUn daraufbin, dass Palästina