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Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
Die Holleschauer Excesse
Date
1900-01-05
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 1 ,Die 2$ Welt" Seite 9 Weltchronik. Die Holleschauer Excesse. Nach dreitägiger Verhandlung wurde in Ungarisch-Hradisch am 30. üecember vor grossem Publicum das Urtheil gegen die wegen Betheiligung an den Holleschauer Excessen angeklagten fünfzehn Personen verkündet. Das Gericht hat von den Angeklagten dreizehn schuldig erkannt, zwei wurden freigesprochen. Die Freigesprochenen sind der Thierarzt Ludwig Volak, der ursprünglich als Anstifter der Krawalle und Führer der Excedenten galt, ferner der Müllergehilfe Antonin Wesely, der wegen Verführung zum Auflauf angeklagt war. Verurtheilt wurden : der Fleischergehilfe Leo Kupec zu dreizehn Monaten schweren Kerkers; der Uhrmacher Friedrich Nowak zu zehn Monaten; der Taglöhner Franz Hlobil, der Taglöhner Karl Lanik, der Bäckermeister Josef Letocha, der Schuhmacher Franz Paul und der Taglöhner Franz Jancik zu je vier Monaten; der Schuhmacher Ferdinand Bakalik. der Taglöhner Kax-1 Bulcik und der Schuhmachergehilfe Franz Hajda zu je drei Monaten: der Taglöhner Franz Zurka zu zwei Monaten: der Taglöhner Franz Wanhara zu zehn Wochen Arrest: der Taglöhner Karl Moucka zu sechs Wochen Arrest. Das Urtheil übte eine niederschmetternde Wirkung aus. Die hervorragendsten Todten jüdischen Stammes des Jahres 1899. Am 12. Jänner verschied inBudapest der hervorragende Schriftsteller und Kunstkritiker Dr. Adolf üetvös- Silberstein: am 10. Februar in F r a n k f u r t a. M. der durch seine Bilder aus dem jüdischen Familienleben bekannte Maler Hermann Junker: am 14. März in Berlin der langjährige deutsche Parlamentarier Doctor Ludwig Bamberger: ebenfalls am U. März in Berlin der berühmte Sprachforscher und Universitätsprofessor Dr. Heymann Stein thal; am 18. April in Paris der Schriftsteller und Freund Heinrich Heines, Alexander VV e i 11; am -2. Mai in Berlin der Präsident des ersten deutschen Reichstages Eduard v. Simson; am 25. Mai in Thomery bei Fontainebleau die durch ihre Thierbilder berühmte Malerin Rosa B o n h e u r - M a z e 1 t o w; am 7. Juli in Karlsbad der Historiker und Professor am Budapester Landesrabbinerseminar, Dr. David Kau fm a n n: am 11. October in Hamburg die Lieblingsschwester Heinrich Heines, Charlotte Embden. Eine Sarah hat in Wien auf geradezu bestialische Weise einen Christen ermordet. Ob rituelle Motive hinter dieser Greuelthat stecken, ist noch nicht ermittelt worden. Abgeordneter Schneider hat sich bereits an den Thatort begeben, nämlich in den Wiener Thiergarten. Dort hat eine Löwin, die den etwas semitischen Namen „Sarah" führt, einen Wärter zerfleischt. Ein Ghetto wird in der Pariser Weltausstellung in historischer Treue zu sehen sein. Ob es das alte Frankfurter Ghetto sein wird oder das von Venedig, darüber haben die Veranstalter dieser jedenfalls sehr interessante)] historischen Schaustellung noch keine Entscheidung getroffen. Wohl aber darüber, dass in dem aufzuführenden Baue ein Saal für — antisemitische Vorlesungen reserviert wird. Diese Schaustellung wird nämlich nicht etwa von einer jüdischen historischen Gesellschaft veranstaltet, snndem von den Pariser Antisemiten, die die Bau- und anderen Kosten im Wege einer öffentlichen Subscription aufbrachten. So weiss wenigstens ein antisemitisches Blatt mit bekannter Glaubwürdigkeit zu berichten. „Unlust zum Militär". Wiener Blätter vom ~2. Jänner bringen folgende Notiz: „Gestern abends versuchte der Infanterist des 64. Infanterie-Regiments Chaim A b r a h a m auf eine furchtbare Weise seinem Leben ein Ende zu machen. Er benützte nämlich einen Augenblick, in dem er unbewacht in dem Mannschaftszimmer der Schönbrunner Schlosskaserne weilte, um sich mit seinem Dienstgewehr eine Kugel in den Unterleib zu feuern. Bewusstlos wurde er kurz darauf von Kameraden aufgefunden. Die Rettungsgesellschaft brachte den Soldaten, der lebensgefährlich verletzt war, in das Garnisonsspital Nr. 2. Unlust zum Militär ist das Motiv der That." — Warum hat wohl den jüdischen Soldaten, der gewiss ein sehr rosiges Dasein in der Kaserne geführt hat, eine derartige „Unlust zum Militärangewandelt! Versuchte Erpressung. Zuhanden der Cultusgemeinde in Sadagora (Galizien) gelangte kürzlich ein geschlossenes Schreiben, unter welches statt einer Unterschrift ein Todtenkopf gesetzt war, mit folgendem Inhalt: „Juden! Der Verein „Selbstve'rtheidigung" braucht r>000 fl. und beschloss. diese Summe von Euch zu nehmen. Wir fordern Euch auf, uns diese Summe an dem von uns festgesetzten Tage in der vorgeschriebenen Weise zuzustellen, widrigenfalls drohen wir, dass das Tisza-Eszlarer und Polnaer Gespenst unter Euch spuken wird, welches Euch einen viel grösseren Schaden, das Hundertfache oberwähnter Summe, zufügen wird." Der Cultusvorstand überreichte dieses Schreiben der Polizei. Die russischen Juden und die Wehrpflicht. Der allgemein verbreiteten Meinung, dass die Juden sich mit Vorliebe der Wehrpflicht entziehen, tritt der „Woschod" mit officiellen Daten entgegen. Das Blatt gibt zu, dass in der ersten Zeit nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wohl unter der jüdischen Bevölkerung derartige Fälle vorgekommen seien, nachher aber die Lage sich vollständig verändert habe. Bis vor kurzem haben, wie man aus den angeführten Daten ersieht, die Juien einen grösseren Procentsatz Recruten gestellt, als je eine der anderen Nationalitäten. Im Jahre lSftl wurden von je 100 Juden 30,31 Rekruten, von 100 Personen anderer (Konfessionen jedoch nur 28 JÜ- Recruten ausgehoben. Die Daten vom Jahre 1R»8 weisen einen noch grösseren Porcentsatz der von den Juden gestellten Rekruten gegenüber den anderen Nationalitäten auf. Auf Vorstellung vieler Gouverneure hat der Minister des Innern eine Anordnung zur gleichmässigen Vertheilung der Zahl der auszuhebenden Recruten auf alle Nationalitäten getroffen, wodurch die Anomalität auf Seiten der Juden sich ausglich. Eine Entscheidung des Petersburger Senates. Das unter Alexander III. geschaffene Gesetz, wonach Juden das Amt von Steuerinspectoren, welches ihnen von Gemeinde-Verwaltungen übertragen wird, nicht bekleiden dürfen, ist vom Peterburger Senat, wie die „Moskowskija Wjedomosti~ melden, nunmehr aufgehoben worden. In seiner Entscheidungerklärt der Senat, dass die Wahl von Juden zu Steuerinspectoren oder zu Aufsehern irgend eines Zweiges der Stadtwirtschaft von den Gouverneuren nicht annulliert werden kann, weil eine solche Annullierung einen Eingriff in die Rechte der Gemeinde-Autonomie bedeuten würde. Andererseits erklärt der Senat, dass das Gesetz, welches die Juden von der Theilnahme an den Städte Verwaltungen ausschloss, auf die Steuer-Commissionen überhaupt nicht ausgedehnt werden darf. Durch die Aufhebung dieses Gesetzes ist den steuerpflichtigen Juden in Russland die Möglichkeit gegeben worden, ihre Interessen durch ihre Glaubensgenossen vertreten zu lassen, die die materielle Lage der Juden genau kennen und bei Bemessung der Steuern sich von dieser Kenntnis leiten lassen dürften. Ein Grabdenkmal für Leo Frankl. Es wird wohl nur wenigen bekannt sein, dass Frankreich ausser C r <'> m i e u x noch einen jüdischen Minister hatte. Allerdings war auch seine Ministerschaft nicht von so langer Dauer als jene Cremieux", denn schon nach zwei Monaten war seine Ministerherrlichkeit zu Ende, und bald darauf auch sein Name vergessen. Er war nämlich Minister der Communards, deren Schreckens-

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