Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
Die Erwerbsverhältnisse in Palästina
Date
1900-01-05
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315853-3365529--17092-3365619
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 „Die j£ Welt** Nr. 1 Weber aus L o <i z einige Schüler auf Handstühlen ausgebildet hat. In Jerusalem beschäftigte der Director der Alliance-Schule in einem eigens hierzu errichteten Gebäude bisnun merkwürdigerweise bloss Araber und besann sich erst nach den gemachten ungünstigen Frfahrungen eines Besseren. Die solcherart in Jaffa erzeugten Stoffe finden in den Colonien flotten Absatz. Bei einiger anfänglicher Unterstützung könnte diese Industrie hier eine grössere Anzahl Juden lohnend beschäftigen. Leider fehlt es vorderhand an dem Nöthigsten zur Anschaffung von Stühlen und sonstigen Utensilien. Jüdische Tischler sind hier gutbezahlte Arbeiter. Speciell in der Möbeltischlerei haben die Juden die Oberhand, und nur bei den Bauarbeiten zeigt sich die vorderhand noch geschultere Hand des christlichen deutschen Tischlers. Mit Ausnahme gebogener Möbel und der wenigen deutschen Strohsessel erfolgt von Europa kein Import. Dieses Gewerbe ist selbst bei der gegenwärtigen Bevölkerungsziffer noch sehr ausdehnungsfähig, speciell wenn z. B. ein oder mehrere Betriebe mit Hilfe moderner Maschinen arbeiten könnten. Auf dorn Gebiete der Maurerei haben wir unter den Juden wahre Künstler, die ihre Fertigkeit speciell bei den für die Orangengärten nothwendigen grossen Brunnen und Bassins bethätigen. Jeder neue Brunnen bedeutet einen Fortschritt. Wer einmal in der letzten Zeit einen solchen Brunnen gesehen, dürfte die Richtigkeit des Gesagten zu bestätigen in der Lage sein. Das Klempnergewerbe ist noch ganz unentwickelt. Alles Blechgeschirr wird importiert. Dacharbeit gibt es bei den flachen arabischen Dächern fast gar nicht, bei den europäischen mit Dachziegeln geschlossenen Dächern nur in geringem Masse. Die meisten Spengler beschäftigen sich in mühseliger Weise mit der Ausbesserung der hier so zahlreich verwendeten Samoware. Tüchtige Klempner mit genügenden Werkzeugen und billigem Rohmaterial könnten diesem Gewerbe hier leicht auf die Beine helfen. Die Uhrmacher müssen sich auf das blosse Reparier en und wie überall auf den Handel beschränken. Der spottbilligen schweizerischen und deutschen Concurrenz können unsere Uhrmacher vorderhand nicht begegnen. Bai Tapezierern und Sattlern mangelt vorderhand die nöthige Nachfrage. Für die Tapezierer ist das heisse Klima, das Tapeten sowie gepolsterte Möbel in den Wohnungen nicht zulässt. hinderlich. Die jüdischen Sattler wieder haben die Arbeit ihren arabischen Collegen noch nicht abgeguckt. Wir finden daher jüdische Sattler nur vereinzelt. Als Schmiede arbeiten speciell zahlreiche Yemeniter Juden, ohne dass jedoch deren Erzeugnisse besonderer Erwähnung wert wären. Tüchtige in Europa geschulte Arbeiter mit entsprechenden Hilfsmaschinen könnten z. B. den grossen Bedarf an eisernen Betten, die zum Theile Schmiedearbeit sind, unter Verdrängung jeglichen Imports von England decken. Das Schlosserhandwerk liegt noch ganz in den Kinderschuhen, und doch könnte gerade die Kunstschlosserei bei der Vorliebe der Araber für derlei Arbeiten zu einem sehr lohnenden Gewerbe werden. Mechaniker von irgendwelcher Bedeutung zählt Palästina nur einen, und dieser ist im letzten Jahre bereits zur Errichtung einer im grossen Stile gehaltenen Werkstätte mit Dampfbetrieb. Giesserei etc. geschritten. Wieder ein Beweis, welch goldener Boden Palästina für ordentliche gute Arbeit ist. Buchbinderarbeiten wurden hier bis nun ganz mittelmässig besorgt. Erst jüngst begann ein rumänischer Jude, der wie so viele andere bei dem unglücklichen Colonisationsversuchiim Hauran Schiffbruch erlitten hatte, mit der Besorgung der in dieses Gewerbe einschlägigen Arbeiten. Und heute ist er bereits vollau beschäftigt. Dass Palästina vorderhand für eine grössere Anzahl Buchbinder Arbeit geben könnte, glaube ich nicht. Cartonnagearbeiten werden hier gar nicht besorgt, der Import solcher Waren ist jedoch relativ bedeutend. Gleich den Tischlern geht es auch den Anstreichern leidlich gut. Die Bauthätigkeit dürfte jedenfalls successive immer grösseren Aufschwung nehmen und die einschlägigen Gewerbe mitemporreissen. Europäische Friseure wären hier jedenfalls sehr willkommen und sehr beschäftigt. Die Unreinlichkeit, Ungeschicklichkeit und Unmanierlichkeit der einheimischen Haarkünstler würde dann jedenfalls weniger peinlich berühren. Das wäre in kurzem die Lage der einheimischen Gewerbe. Das Hauptübel, unter dem unsere jüdischen Arbeiter hier leiden, ist erstens der Mangel jeder Organisation, die sie verbinden sollte, und daraus folgend der Mangel jeglichen Creditwesens, das Fehlen jeder Kranken-, jeder Unfallversicherung. Der erste Fortschritt in dieser Richtung konnte unlängst in der Gründung der Productivgenossenschaft jüdischer Arbeiter Jaffas begrüsst werden. Was die agricole Thätigkeit unserer Volksgenossen in Palästina betrifft, so ist über die damit zusammenhängenden Colonien hier und in anderen der Sache sympathischen Zeitungen wohl schon genügend geschrieben worden. Die Lage der Colonisten und deren Hilfsarbeiter ist keine ungünstige. Wenn doch hie und da mit Recht geklagt wird, so ist nur das System der bisherigen Colonisation daran schuld. Langsam gesunden aber auch hier die Verhältnisse. In der Folge dürfte, abgesehen von dem am Berge Tabor in Gründung begriffenen Gedjera, die Colonisation überhaupt in ganz anderer Weise erfolgen. Die Leute werden mit wenigen Ausnahmen nicht angesiedelt werden, sondern werden sich, wenn auch nur mit ganz kleinem Vermögen, selbst ansässig machen. Die Jüdische Colonialbank wird ihnen gesicherte Hypothek arcredite, vielleicht auch von Fall zu Fall l'ersonalcredito einräumen, wo dann der Verdienst der Arbeit des einzelnen entsprechen, nicht aber von dem bevormundenden Urtheil und der Schätzung zweiter oder dritter Personen abhängen wird. Der Handel Palästinas, den ich vor einiger Zeit schon an dieser Stelle*) besprochen habe, ist wohl schon ziemlich entwickelt, doch sind die tonangebenden Kautieute nicht Juden, sondern Christen und Andersgläubige. Dass das bei einen intensiven jüdischen Einwanderung nicht so bleiben wird, ist klar. Gegenwärtig ist in Palästina nur der Aussenhandel lohnend. Ich erwähne da den Export von Gerste nach England, Weizen nach Frankreich, Melonen nach Alexandrien (Chederah lieferte heuer besonders schöne Ware), Trauben ebenfalls nach Aegypten (unsere Colonisten ziehen keine Tafeltrauben, bloss die Araber), Schafwolle ungewaschen nach England und Marseille, Citronen gegenwärtig nach Triest, dann Orangen bis zum Frühjahre jede Woche in ganzen Schiffsladungen nach Liverpool, weniger nach Triest und Odessa. Rosinen und Malagatrauben von Rosch-Pinah nach Hamburg u. a. O., Oliven-, Sesam öl nach Frankreich, Honig nach Hamburg. Ethrogim nach Triest, Lupinen nach Deutschland etc. etc. Vielleicht ist aber der nicht besonders lohnende Importhandel ein gutes Omen! Denn hoffentlich vereinigen sich schon bald jüdische Kräfte zu einer alle Bedürfnisse des Landes und seiner Bewohner umfassenden Thätigkeit, dann sind wir dem Ziele näher, das wir erstreben. *) Vgl. „Welt", :3. Jahrgang IS'jy, Nr. 11,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.