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Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
Ex-Excedenten
Date
1900-01-05
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 „Die 2& Welt" Seite 2 das „statuierte" Exempel von Ausschreitungen zurückgeschreckt werden, das ist alles möglich. Aber die Juden, — und man wird es ihnen schliesslich nicht übelnehmen, wenn sie ein wenig auch an sich denken — die Juden werden ob der Einkerkerung von soundsoviel Excedenten nicht die geringste Genugthuung empfinden. Niemand wird der Ansicht sein, dass irgend ein Bürgersmann als grimmer Judenfeind das Gefängnis betritt und als glühender Philosemit nach einigen Monaten wieder herauskommt- Wenn ein solcher Häftling in seiner weltfernen Zurückgezogenheit irgendwelche Pläne ausbrütet und für kommende Tage der Freiheit Vorsätze fasst, so sind diese Zukunftsideen gewiss nicht allzu judenfreundlich angehaucht. Der Inhaftierte ist der felsenfesten Ueberzeugung, dass an dem Einsiedlerleben zwischen Kerkerwänden niemand anderer „schuld'' ist als der Jud. Einem eingefleischten Einbrecher kann man vielleicht durch eine ausgiebige Kerkerstrafe den nächtlichen Besuch fremder Wohnräume abgewöhnen, ein enragierter Judenfeind wird auch in Sträflingskleidern nicht „Hoch die Juden" rufen. In unserem Excedenten sind beide Individualitäten harmonisch gepaart: Plünderer und Judenfeind. Der Plünderer mag im Stillleben des Kerkers „gebessert" werden, — und das bezweckt ja die Obrigkeit — der Judenhass des Excedenten wird im Dämmerlichte des Kerkers üppiger nnd kräftiger emporwuchern als je zuvor, und das mag den Juden leid thun. Denn ein Excedent a. D-, der sich wieder auf freiem Fusse befindet, kann auf mancherlei Art zeigen, dass in ihm der Einbrecherdrang erstorben und der Judenhass mächtig gediehen ist. Muss er denn just plündern? Alle Wege führen zum Ruin des Juden. Der Excedent s. A. kann z. B. als phantasievoller Erfinder von Ritualsagen gar Grosses leisten. Er ersinnt die Mär und zischelt sie weiter, die Excesse, die aus der Mär hervorblühen, besorgen schon andere, deren Plünderhang noch nicht durch eine verflossene Haft gewitzigt und beschwichtigt ist. Oder der abgestrafte Excedent wendet sich der Laufbahn des Agitators zu und bekehrt auf der Bierbank, oder in grösseren Versammlungen auf der Rednertribüne, die gläubigen Hörer zur judenfeinlichen Boycottsitte. Nachdem er nicht mit Einbrecherwerkzeugen das jüdische Kaufgewölbe betreten darf, so betritt er es überhaupt nicht Gerade nicht, zum Trotz nicht! Für ihn hat die Judenware nur dann einen Reiz, wenn er sie dem lamentierenden Juden mit Gewalt entreissen kann. Auf die Ware, die der Jude gutwillig gegen klingende Münze hergibt, verzichtet der emer. Häftling. Im Schweisse seines Angesichtes will er sich mit eisernem Geräthen die Judenware erwerben, und wenn das nicht geht — fahr' wohl, Jude! Und viele Juden, die bei solchem Boycott sehr schlecht gefahren sind, mussten dann wohl abfahren, um sich an anderem Orte nach Brot umzuthun. Oder der Mann, der das Gefängnis hinter sich hat, kann ja noch immer versuchen, als judenfeindlicher Delegierter ins Parlament einzuziehen und den Juden Steine und andere Sachen nachzuwerfen. Kurz, der entlassene Häftling ist keineswegs lahmgelegt, auch wenn er nicht gerade in jüdische Läden einbricht. Eigentlich sind die Juden immer die Mitschuldigen solcher Excedenten. Würde der friedliche Bürger plündern, wenn ihn nicht die Juden durch ihre Anwesenheit dazu reizten? Was kann der temperamentvolle Stier dafür, dass er wüthend auf das rothe Tuch losstürzt. \*icht der Stier, das rothe Tuch trägt die Schuld. Und der gelbe Fleck war immer ein rothes Tuch. Der friedlichste Jude ist noch ein gefährlicher Aufwiegler, der die temperentvollen Landeskinder zu Revolten reizt. Wie sonderbar! Die Aufgewiegelten sperrt man ein, die Aufwiegler lässt man frei herumlaufen, um im Lande Ruhe zu bekommen. Da wäre es doch noch vernünftiger, man sperrte die Aufwiegler ein. Aber das Strafgesetz ist eben ungemein lückenhaft. Es fehlt der zeitgemässe Paragraph: Wer dadurch, dass er Athem holt und auch sonst existiert, seine Mitbürger zu Excessen aufstachelt, der wird etc. etc. Erwin Rosenberger. Die Erwerbsverhältnisse in Palästina. Von T. Blanco. Bevor der Zionismus seine Thätigkeit entfaltete, hatte Palästina eigentlich nur für die wenigsten Interesse. Im Gebete wurde das „Leschanah habaah bi-Jeruschalajimu gedankenlos hingemurmelt; an die Verwirklichung diese* hehren Wunsches dachte keiner, die frommen Greise ausgenommen, denen das Sterben und Begrabenwerden im heiligen Lande als höchstes Ideal erschien. Heute ist das Bild ein anderes. Palästina ist in letzter Linie das Ideal derer, die auf geweihtem Boden sterben wollen. Es ist in erster Reihe das Ideal der Jüngsten unter uns, die dort leben wollen. In dem Augenblicke nun, wo der ideale Wunsch des Einzelnen je nach Möglichkeit seiner Verwirklichung zuschreitet, taucht auch nothgedrungen das praktische Moment auf, die Frage, wie dort leben, wie dort erwerben V Eine verheissungsvolle Antwort lässt sich heute hierauf nur schwer geben, denn alles ist im Werden begriffen, das Land die Leute. Palästina erwacht erst aus tausendjährigem Schlafe zu neuem Leben. Wenn ich also in den folgenden Zeilen ein Spiegelbild der gegenwärtigen Verhältnisse liefere, hoffe ich, zweierlei Zwecken zu entsprechen; ein Wegweiser zu sein denen, welche in absehbarer Zeit an eine Auswandorung denken, und eine Richtschnur abzugeben für die Bestrebungen derer, die für eine bessere Lage der zionistischen Pionniere in Palästina bemüht sind. Die Thätigkeit der Juden in Palästina ist in erster Reihe eine gewerbliche, in zweiter Reihe eine agricole, in letzter Reihe eine commercielle. Was die gewerblichen Verhältnisse betrifft, finden wir unsere Volksgenossen fast in allen Handwerkszweigen thätig. Schuhmacher, Schneider, Tischler, Maurer, Spengler, Uhrmacher, Tapezierer, Sattler, Schmiede, Schlosser, Mechaniker, Buchbinder, Anstreicher, Schirmmacher, Friseure etc. etc. sind sowohl in Jaffa, wie in Jerusalem und den anderen Städten Palästinas fast durchgehend Juden, speciell Emigranten aus Rüssland und Rumänien. Wenn auch zum Theile unter Schwierigkeiten, reüssieren sie doch selbst bei theueren Preisen, gegenüber den minderwertige Arbeiten liefernden arabischen und griechischen Concurrenten. So z. B. arbeiten die jüdischen Schuster derart ausgezeichnet, dass sie bisher jeden Import der fast um 50% billigeren italienischen oder Wiener Ware verhinderten, ja unmöglich machten. Man sieht jüdische Hände, den Bedürfnissen des Landes entsprechend, auch das sogenannte arabische Schuhwerk aus dem schwer zu bearbeitenden Büftelleder Singapores verfertigen. Fabriksmässig werden in Palästina Schuhe nicht erzeugt. Die Zahl der arbeitenden Hände ist gerade für den Bedarf hinlänglich. Schneider arbeiten bei der spottbilligen österreichischen Concurrenz schon schwerer, finden aber trotzdem noch immer guten Erwerb. Der Bedarf dürfte jedenfalls steigen, da die sonst so conservativen Araber nach und nach immer mehr europäische Kleidung anlegen. Man sieht schon massenhaft über der langen arabischen Schoa kurze europäische Saccos, für das Auge des Europäers anfangs ein komischer Anblick, dem man nur bei dem Gedanken an die steigende Prosperität eines hauptsächlich jüdischen Gewerbes Ernst abgewinnt. Als mit dem Schneiderhandwerk Hand in Hand gehend, möchte ich die jetzt beginnende Thätigkeit jüdischer Weber hervorheben. Speciell in Jaffa, wo ein erprobter

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