Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Article
- Echt jüdisch
- Date
- 1900-01-05
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die & Weit?- Nr. 1 mit auseinanderstrebenden Knien sehr tapfer stehen, und umgekehrt, auf tannenschlanken Beinen wunderbar davonrennen, sogar noch besser, als auf gebogenen. Aber man stellt sich den Helden gewöhnlich als einen schöngewachsenen Menschen vor, und so gibt man dem Feigling gewöhnlich in der Phantasie einen hässlichen Wuchs. Im Leben schauen die Dinge immer anders aus. Da sind die Stärkeren immer die Tapferen und die Schwachen die Verzagten. Logik der Thatsachen, die mit Charakter nichts zu thun hat. In Europa leben tunf Millionen Juden unter dreihundertzweiundzwanzig Millionen andersgläubiger Menschen. In dem Bewusstsein ihrer Minderzahl, rechtlos, wie sie durch Jahrhunderte gewesen, kann man nicht verlangen, sie sollen kriegerisch aufgelegt sein. Vielleicht ist es schon eine Ai*t Tapferkeit, dass sie sich dennoch behaupteten. Vielleicht ist auch das Festhalten an ihrem Glauben, trotz Folter und Austreibung, ein Muthbeweis. Die Minderzahl kann ihre Courage ja immer nur in der Defensive zeigen. Es scheint aber, dass man von den Juden mehr verlangt. Möglicherweise hätten sie Russland erobern sollen. Allein das Minoritätsbewusstsein ist schliesslich nur eine allgemeine Stimmung; und so viele „echt jüdische" Stimmungen es geben mag, diese ist keine davon. Schon einige Völker haben im Laufe der Geschichte diese üblen Launen mitgemacht, nur gegen die Juden ist man strenger. Wenn andere Völker im Kampfe unterlagen, was ja gelegentlich passiert, heisst es, „der Kriegsgott sei ihnen nicht hold gewesen". Wenn die Juden eine Schlacht verlieren würden, dürften sie auf solche Nachsicht nicht zählen. Gleich würde man sagen: „Das ist echt jüdisch." Gleich wäre es vergessen, dass von Cäsar bis auf Napoleon manche Schlacht verloren wurde, und man würde das Besiegtwerden für eine specifisch jüdische Eigentümlichkeit erklären. Der Vorwurf der Feigheit richtet sich nicht bloss an dieGesammfheit, sondern an jeden Einzelnen. Na, die Juden sind gewiss nicht lauter Helden. Das mag sein. Aber wenn in Holleschau oder in anderen böhmischen, tunesischen und rumänischen Grossstädten plündernde Banden herangezogen kommen, wenn eine wüthende Volksmenge an den Mauern tobt, Fenster einwirft oder das lebhafte Bedürfnis nach billigen Waren zu erkennen gibt, und wenn der jüdische Kaufmann, um den lieben Besuch zu wehren, seine Thüren verriegelt, dann darf man doch nicht „echt jüdisch" dazu sagen. Wer würde einer solchen Geselligkeit nicht mit Weib und Kind zu entgehen suchen? Wenn die leindlich gesinnten Bürger irgendwo eine Synagoge während des Gottesdienstes anzünden und die Juden darauf ihr Gebet unterbrechen, ist das doch nicht „echt jüdisch". Wenn sie sich beeilen, aus dem brennenden Hause zu entkommen, will man ihnen das als „echt jüdische" Feigheit anrechnen? Da müssten doch erst andere kommen und zeigen, dass sie eine besondese Vorliebe für derartige Beheizung hegen. Bis jetzt ist aber nur ein Beispiel von Menschen bekannt, die in einem Hochofen ihre Andacht verrichteten, und das sind Juden gewesen. Natürlich wird jetzt jemand vom ritterlichen Muth zu sprechen anfangen. Ich weiss nicht, ob man ihn gar so hoch stellen soll, doch das gehört schliesslich nicht hierher. Dass sich jüdische Wirkwarenhändler, Brantweinschänker, Hausierer und Dienstmänner für gewöhnlich nicht duellieren, gestattet noch keinen Schluss auf jüdische Feigheit. Auch von christlichen Pfaidlern, Greisslern und anderen Krämern versieht man sich solcher Schneidigkeit selten. Aber in den Kreisen, in welchen entgleiste Umgangsformen mit dem Säbel wieder eingerenkt werden, haben sich die Juden bisher gar nicht „echt jüdisch" benommen. Das ist zu bekannt, als dass man weiter davon sprechen müsste. Es ist doch sonderbar, dass die Juden als Studenten und als Soldaten ausgezeichnete Schützen und meisterhafte Fechter in ihren Reihen zählen. An unseren Universitäten gibt es einige Klingen jüdischer Währung, die für unüberwindlich gelten. Trotzdem hat man sie überwunden. Auf die einfachste Art sogar. Man hat sie nämlich für satisfactionsunfähig erklärt und sich damit vor ihnen gesichert. „Echt jüdisch", hätte ich beinahe gesagt. Wenn wir resümieren, finden wir, dass wir das alles längst gewusst haben, dass es eigentlich schon banal geworden, so wahr ist es. Dennoch vergisst man daran, wenn irgendwo ein antisemitischer Geselle zum Schlagworte ausholt: „Echt jüdisch!" Darum ist es nicht ohne Nutzen, sich wieder ein wenig auf alte Neuigkeiten zu besinnen, dann hört man doch auf, gleich vor diesem Spottwort zurückzuweichen. Sehen wir uns noch den Geiz, den Wucher, die Schwindelhaftigkeit und das Protzenthum an. Später kommen wir dann schon zu dem, was „echt jüdisch * ist. Denn etwas derartiges gibt es, nur freilich jenseits der Beschimpfungsgrenze. F. S—n. Die Woche. Wien, 3. Jänner 190U. Ex-Excedenten. Von Zeit zu Zeit werden in den verschiedenen Ländern Leute, die sich bei Ausschreitungen gegen die Juden hervorgethan haben, auf die Anklagebank gesetzt und zu etlichen Monaten verurtheilt Hoffentlich ist kein Jude so naiv, solche Schlussacte der Judenkrawalle mit fröhlichem Händeklatschen zu begrüssen. Wenn die verui theilten Excedenten in ihre Zelle abgeführt werden, dann kann der Jude dieses Schauspiel ohne jegliche Anwandlung von Freude betrachten. Nicht weil es ein Gebot des „Edelmuthes^ ist, sich angesichts des bestraften Feindes jeglicher Schadenfreude zu enthalten, nicht weil man dem, der einem Uebles gethan, grossherzig verzeihen soll, und wie sie sonst noch lauten mögen, die liebevollen Redensarten, sondern einfach deshalb, weil die Juden durchaus keine Ursache haben, mit der Abstrafung derartiger Kumpane übermässig zufrieden zu sein. Machen wir uns die Situation klar: im sogenannten Gemüth des Pöbels, sowohl des besser, als auch des defecter gekleideten, schlummert ein inniger zäher Judenhass. Dieser Hass tritt von Zeit zu Zeit als Revolte, Pariamentsscandal, Ritualmärchen, Boycott etc. in die Erscheinung. Was liegt nun für ein Sinn in der Abstrafung von Excedenten? Man muss zunächst bedenken, dass die Behörden den Wegelagerer nicht um seiner Gesinnung willen vor ihr Forum ziehen, sondern wegen der Form, in der die Sinnesart zutage getreten. Nicht das Motiv, nicht der Judenhass, wird zur Verantwortung gezogen, sondern ein zufälliges Symptom, in dem der Hass sich äussert. Und das wird schliesslich jedermann für ganz correct finden. Wir würden uns alle recht sehr bedanken, wenn man über unsere Gesinnungen, über Wünsche und Neigungen, zu Gerichte sitzen wollte. Wer sich hinreissen lässt, Gesinnungen in Thaten zu verkörpern, und hierbei ertappt wird, der muss sich's gefallen lassen, dass die Gemeinschaft seiner Mitmenschen mit ihm nach den Vorschriften irgend eines Gesetzbuches verfährt. — Wir müssen also festhalten, dass sich die Strenge des Gesetzes nur gegen die Geste wendet, die sich der Excedent in seiner judenfeindlichen Leidenschaft gelegentlich erlaubt hat. Nur die Geste, Steinwurf oder Faustschlag, wird geahndet, an den Judenhass selbst kann das Gesetz gar nicht heran. Der Wert dieser Bestrafungen ist demgemäss ein sehr problematischer. Wohlgemerkt: für die Juden. Denn der Staat, der darauf achtet, dass nicht Aufruhr nnd Gewaltt h a t die Ordnung störe, kann immerhin für 'seine Zwecke ein Resultat erzielen. Es ist möglich, dass der Abgestrafte in Hinkunft gewaltthätige Aeusserungen seines Judenhasses unterlässt und die Ordnung nicht stört. Es ist auch nicht unmöglich, dass Gesinnungsgenossen des Abgestraften durch