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Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Lemberg [Kommentar] / B. T.
Date
1898-12-30
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Str 5» Jargon ihnen nicht hinderlich sein wird. Da meinte Malecki: »Auch die englische Sprache ist nur ein Conglomerat, aber das hat sie nicht gebindert, eine dominierende Stellung in der Welt einzunehmen. Nicht die Grammatik und die regulären Formen decidieren über die Lebensfähigkeit einer Sprache, sondern die Menschen, welche sich ihrer bedienen. Was übrigens den Jargon betrifft, so bricht er fich bereits aus den Ghettowinkeln Bahn in die öffentliche Arena. Der Jargon schuf sich ein Volksdrama und wird wahrscheinlich immer mehr vorwärts dringen. Die hebräische Sprache wird sich nicht wieder erwecken lassen. Die palästinensischen Ideen — sie gefallen mir, aber ich glaube nicht daran." Und nun stellt Profeffor Malecki gleichsam ein Programm für die Zukunft auf: »Gerechtigkeit und geziemende Abwehr den Juden gegenüber. Die Juden gewinnen bei uns immer mehr'an Terrain und dennoch nähern sie sich uns in keiner Beziehung. Nothgedrungen müffen wir sie als Fremde behandeln und unschädlich machen. Lassen wir sie nicht unsere Handlanger sein, laffen wir uns von ihnen nicht ausbeuten." Den Schlussaccord bildet auch beim Gelehrten die Parole des wirtschaftlichen Kampfes. Es verdient, wohl angemerkt zu werden, dass Professor Malecki auch nicht mit einem Worte des jüdischen Elends gedenkt. Die Juden erscheinen hier durchwegs als die beati possidentes. Auf die Vorwürfe im einzelnen, namentlich auf das Gravitieren der galizischen Juden zum Deutschthum hinüber, und auf die Stellung der Juden in Zukunft müsste man viel eingehender antworten, als cs hier möglich ist. Nur soviel wollen wir vorvorläusig bemerken, dass es an dem Beispiel Professor Maleckis sich zeigt, wie auch die Besten des polnischen Volkes bei allem Streben nach Objectivität das jüdische Volk falsch beurtheilen, weil sie seine materielle Noth zu wenig, seine geistige aber ganz und gar nicht kennen. B. T. Bücherwett. Nene Gedanken über die Entstehung der Familie uud der Religion. Von JsraelBerlin. Bern, Steiger, 1898. Octav. Die neuen Gedanken sind zum Theile nicht neu, zum Theile nicht richtig. Es widerspricht der historischen Wahrheit, dass sich die Frauen bei allen uns bekannten Völkern in der Vergangenheit und in der Gegenwart in einem knechtischen Zustande befinden und die Männer überall die Oberherrschaft führen. Diese gelassen ausgesprochene Behauptung gilt, wenn wir von den wilden Völkern absehen, selbstverständlich nicht von der Jetztzeit, sie gilt aber auch nicht von dem gesummten Alterthum, wie aus der socialen Stellung der Frau in Israel erhellt. Frei und ungehindert entfalten die alten Juden ihre Kräfte, Fähigkeiten und Eigenschaften auf dem allen gemeinsamen Boden. Die Frauen machen kerne Ausnahme hievon. Sie erfteuen sich im Gegensätze zu den Frauen aller anderen alten Völker der gleichen Selbständigkeit und Wertschätzung wie die Männer. Die Bibel, die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes, weist gleich auf den ersten Blättern dem Weibe die Stellung an, welche seiner psychischen Eigenthümlichkeit entspricht; sie bezeichnet es als „Männin", Jschoh, als Gehilfin, Beratherin und Ergänzung des Mannes, mit dem es in liebevoller, ehelicher Gemeinschaft Lust und Leid des Lebens gemeinsam trägt und zu einem Wesen, zu einer moralischen Person verschmilzt. Und kann es eine erhcwenere, weihevollere Heiligung der Ehe geben, als die Verkündigung Gottes, er habe sich Israel angetraut, indem er sich chm offenbarte? Tic Frauen spielen aber nicht nur in der Familie, sondern auch außerhalb des Hauses eine würdige, sogar ehrfurchtgebietende Rolle. Liebliche Gestalten wetteifern mit heldenmüthigen Naturen um die Ehrenkrone : Mirjam und Deborah bieten eine glänzende Gewähr dafür, dass dem schönen Geschlechts der Lorbeer der Poesie nicht versagt ist; es kann seine eigene Rechtssache führen und in wichtigen Angelegenheiten seine Meinung geltend machen; die jüdische Frau wird, wenn sie eine esalietlr lapidoth ist, sich durch flammenden Geist auszeichnet. Richterin, also Oberhaupt ihrer Nation; in außerordentlichen Nochen tritt sie als Prophetin auf mit lauter Rede, öffnet den Mund mit Weisheit und hat milde Lehre auf der Zunge. Ihre geistige Sphäre ist vom jüdischen Stamme nie engherzig uud mit männlicher Ueberhebung umschrieben und begrenzt worden Dass das Gefühl der Vaterliebe den Menschen so wenig wie den Thieren angeboren ist, demnach 'nicht als ein Factor' betrachtet werden kann, welcher auf die Entstehung der Familie von Einfluss war, ist lange vor dem Autor festgeftellt worden. Desgleichen hat uns schon Herbert Spencer mitgetheilt. dass von allen Familienneigungen die Kindesliebe die am wenigsten entwickelte sei, und er har diese Erscheinung mit besonderem. Nachdrucke auf die übertriebene Strenge der Väter und ihre Neigung, zur Befriedigung ihres väterlichen Autoritätsgefühles ein lieb ermaß von Furcht einzuflößen, zurückgeführt. Daraus ergibt sich, dass die Gefühle der Vaterliebe und der Kindesliebe, weit eutferrrl davon, die Grundlagen der Familie abzugeben, vielmehr als Producte der Familie anzusehen find. Berlins Gedanken über die Entstehung der Religion gemahnen an die von Herbert Spencer (Die Principien der Soeiologie, I. Bd.) und Jacob Froschhammer (lieber die Genesis der Menschheit und deren geistige Entwicklung in Religion, Sittlichkeit und Sprache), welche im Gegensätze zu Max Müller den Ursprung und den primitiven Zustand der Religion durch eine Form des Glaubens an die Unsterblichkeit des Menschen vermitteln. 8. m | e u iUe t o u. Das Kaddisch-Gebel. Von Josephine Gräfin zu Leiningen-Westerburg. Kennt das Gebet Ihr wohl, dem tausend Thränen fließen. In Zions alter Sprache ward es aufbewahrt. Und ein Jahrhundert hat's dem andern überwiesen. Da Poesie und Andacht sich in ihm gepaart? Die frischen Ranken all' von kindlichem Empfinden, Von menschlichem Erinnern, groß und gut. Als zartes Blüthennetz um dies Gebet sich winden. Das hoch als Felsen ragt in Sturmesflur. Es ist die duftend süße, blaue Wunderblume, - Die, von des Lebens Schmutz und Unrath unberührt. Ein Engel einst gebracht zum jüd'schen Heiligtums, Und der, vom Himmel stammend) Himmelsglut gebührt. Die tiefsten Fibern all' von eines Menschen Wesen, Sie laben sich an ihrer Schöne, ihrem Duft, Sie sprengt der Eltern Gräber, der geliebten Wesen, ' Und dringt voll Glut hinein auch in die tiefste Gruft. Das Kaddisch bürgt den Eltern ihres Kind's Gedenken, Es schwinget sich unmittelbar zu Vaters Thron Und flehet, dass er ihnen mog' den Frieden schenken Und mit Barmherzigkeit die Liebe ihnen lohn'. Führwahr, kein schöner Band gibt's, fester zu verketten Den Himmel und die Erd', die Eltern und das Kind: Es hat gewiss die Kraft, auch solche noch zu retten. Die ganz verwildert, schon beinah' verloren sind. Du trittst aus diesem ewig ruhelosen Leben In ein geheimnisvolles, dunkles Jenseits ein. Doch unbelohnt blieb nicht Dein mühsam irdisch Streben, Des Kind's Gedenken, seine Dankbarkeit sind Dein. Bist Du gewandelt aus dem weiten Erdenrunde Auch in der Armut Kleid -und ließest nichts zurück. Tu lebst doch fort in Deines frommen Kindes Munde, Dein Angedenken ist sein Erbe, ist sein Glückt (Israel. Familienblatt.) P U-srrp »l S Von Dr. I. Bodenhcimer. IV. Seefahrendes Volk. Nach dem Frühstück pflegten wir gewöhnlich zu zweien öder dreien einen Bummel längs des Mitteldecks zu machen. Während wir dann in vollen Zügen die frische, kräftige Seeluft eiuathmeten, tauschten wir in ungezwungenem Gespräch unsere Meinungen auch über den Zweck der Reise, den voraussichtlichen Erfolg und unsere Pläne zur Ausnützung desselben aus. Wenn so die Wolkenfetzen in abenteuerlichen Formen vor dem Winde dahinjagten, dazwischen der hellblaue Himmel auf die purpurne See herunterlachte, da erschien uns wohl das in weitem Kreise einsam seinem Ziele zustrebende Schiff wie eine kleine Insel im weiten Ocean. Wir dünkten uns freie Bürger einer Republik, in der allein der Kapitän «ne höhere, fast discretionäre Machtstellung, wie ein Diktator, einnahm. Hier in unserem kleinen Kreise waren weder Schranken der Confession, noch der Nation aufgerichtet. Ju der Freiheit her Natur verlöschte auch zeitweise die Erinnerung, dass wir in weilen Theilen der Erde nur ein geknechtetes Volk sind. Wie das Schiff in sanfter Bewegung auf und niederschaukelte, da machte schon einer im frohen Gefühle seiner Kraft die scherzhafte Bemerkung: „Wir sind ein seefahrendes Volk." Wie schön müßte es sein, wenn die Küste von Syrien wieder wie in alten Zeiten, das Handelsemporium, der Markt der ganzen Welt werden würde. Wenn die Schiffe großer jüdischer Handelshäuser, wie vordem die der Phönizier und des Königs Salomo,

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