Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Article
- London
- Date
- 1898-12-30
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Ott. 52 Oeite 1ä ordnung mehr zu sagen, als darüber bereits in der „Welt" und den anderen Parteiblättern veröffentlicht worden. Man habe Dr. Herzl vorgeworfen, in der East-Ender-Riefenverfaunnlnng, die vor zwei Monaten stattgefunden, zuviel versprochen zu haben. Nach weiteren zwei Monaten werde alle Welt selber beurtheilen können, ob Dr. Herzl zuviel gesagt habe. (Stürmischer Beifall.) Herr Wolffsvhn entfaltete hierauf die Zionsfahne der „Bnei Zion Association“ mit den Worten TST rD®n yovx DK Nach weiteren Ansprachen der Herren L o u r i e (Pinsk) und Kann (Haag) schloss der Vorsitzende die denkwürdige Versammlung. Südamerika. Buenos Aires. Ein trauriges Bild von der gedrückten Lage der jüdischen Colonisten in Argentinien gibt uns ein Aufruf, der mit 52 Unterschriften au§ der Colonie Feinberg an den hier erscheinenden „Jüdischen Phonograph" erngesandt wurde. Die armen Leute haben schon wochenlang kein Fleisch gegessen. Sie wandten sich an den Administrator mit der Bitte um geringe Darlehen, allein weder ihre Bitten, noch das Versprechen des Herrn Dr. Jarchi, bei der Administration zu intervenieren, hatten einen Erfolg. Der letztere, ein Arzt, ertheilte ihnen schließlich den guten Rath, „auf die Fleischkost zu verzichten"! Sie richten daher ein offenes Schreiben an die Administration,diese möge veranlassen, dass sie aus der Unterstützuugscasse ein Darlehen im Gesammtbetrage von 40U Pesos erhalten, das sie nach dem Dreschen zurückzahleu wollen. Auf Grund dieses Aufrufes intervenierte die Redaction, die übrigens in freundlichen Beziehungen zur Administration steht, und erhielt die Antwort, dass die Casse bereit sei, das Darlehen zu gewähren, falls der Administrator es für die Colonisten fordern sollte. Die Redaction hofft, dass letzterer diesem gerechten Wunsche willfahren werde. In derselben Nummer des genannten Blattes veröffentlicht überdies die Leitung der Uuterstützungscaffe einen warmen Aufruf zur Einleitung einer, öffentlichen Subscription für die nothleidenden Colonisten, falls die Direction ihnen nicht rasche Hilfe verschaffen sollte. W Wie». Im Einzelnerem „Wien" des „Zion" hielt kürzlich Herr M. Berkowicz einen Vortrag. der den beiden in letzter Zeit verstorbenen zionistischen Rabbiuen als Nachruf gewidmet war. Es sind dies Rabbi Feiwel Schreier in Bohorodczany und Rabbi Jonathan Eliasberg in Wolkowysk (Russland). In kurzen, aber warmen Worten schilderte der Vortragende den Verlust, den das Judenthum an diesen treuen Lehrern, und die zionistische Bewegung an ihren wackeren Mitkämpfern erlitten haben. Nach hinterlassenen Schriften der Verblichenen besprach der Referent ihr Verhältnis zum Zionismus; besonderes Interesse erweckte'eine aus dem Briefe des Rabbiners Schreier an den 2. Congress citierte Stelle, welche lautere: „Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten unsere Idee zu überwinden hatte, welche Mühe es gekostet, bis die Herzen der zerstreuten Söhne Zions wieder gewonnen werden konnten. Auf der einen Seite stehen Heuchler und Fanatiker und schleudern uns die sinnlosesten Verdächttgungen ins Gesicht, als ob wir die jüdische Religion vernichten, wollten. Diese Herren wollen es nicht zugeben, dass wir es ehrlich mit unserem Volke meinen. Auf der anderen Seite sind es leider Männer, die sich Rabbiner und Lehrer Israels nennen, „Hirten, die sich selb st weiden und die ihnen anvertraute Herde vernachlässigen", die unser Werk stören wollen, Rabbiner, die den Auflösungsprocess des Judenthums vorbereiten, indem sie Affimilatton predigen und dem Volke das Zukunftsideal rauben!" Brünn. (Einzelverein „<jion.") Anfangs December fanden die Neuwahlen in den Einzelverein Brünn des Verbandes „Zion" statt. Den Rechenschaftsbericht über das verflossene Bereinsjahr erstattete der Obmann Herr Dr. Schreier, in welchem er insbesondere das ersprießliche Wirken des ersten Obmannes Herrn Dr. Löwen st ein hervorhob, der krankheitshalber seine Obmannstelle zurücklegen musste. Für seine verdienstvolle Thätigkeit um das Heben des Vereines wurde ihm von den Anwesenden der Dank ausgesprochen. Zu Ausschussmitgliedern wurden per Aeclamation gewählt: Herr Dr. Ph. Schreier, Obmann, Herr I. Sonderling, Obmannstellvertreter, Herr R. F a ß l, Eassier, Herr W. Winter, Schriftführer, die Herren M. H i ck l, I. T r a tu e r und M. Pick. Kamenuobrod, 24. November. (Fayencefabrik, Wolhynien.) Eine erfreuliche Erscheinung in dem einförmigen Leben unseres Dorfes ist der Aufschwung der zionistischen Be- .wegung. Wir verdanken sie der „Welt", die uns von den Fortschritten des Zionismus unterrichtet und unsere Hoffnung stärkt. Fast alle hiesigen Einwohner und jüdische Arbeitsleute in der Fayencefabrik des Herrn 4L F. Sußm ann aus Lemberg. Die Zionsidee fand hier solchen Anklang, dass unser Verein schon in allem Anfänge über 150 Btitglieder zählte, die fast ausschließlich dem Arbeiterstande angehören. Vorigen Samstag abends, bei der ersten Versammlung, wurden Schekelgelder gesammelt und Actien der jüdischen Eolonialbank gezeichnet. Es wurden gewählt: zum Vorsitzenden der Fabriksverwalter Herr F. Bark, zum Eassier der Arzt Herr D. Torgowetz, zum Schriftführer der Buchhalter Herr I. Frankfurt und alä Ausschussmitglieder die Herren M. Wehrmann und A. S ch a m i s. Berlin. (Jüdischer Verein „Bar K o ch b a.") Nach viAer Mühe war es uns gelungen, eine Turnhalle zu erlangen, und so konnte am 5. December zum erstenmale geturnt werden. Tcr erste Turnrath, Herr Dr. Katz, eröffnete die Turnstunde mit einer kurzen Rede, in der er auf das Zustandekommen des ersten national-jüdischen Turnvereines in der Welt hinwies und zu frischer körperlicher Betätigung ausforderte. Der Redner schloss seinen beifällig aufgenommenen Vorttag mit einem kräftigen Hoch auf das wiedererstehende jüdische Volk, die Versammlung stimmte begeistert ein. Nun wurden unter Leitung unseres Turnwartes Herrn Zick er acht Riegen nach Maßgabe der turnerischen Leistungsfähigkeit gebildet, dann folgten Ordnungsübungen. Es herrschte eine musterhafte Disciplin. Dann kamen die Geräthübungen und zum Schluffe ein Kürturnen, bei dem Vorzügliches geleistet wurde. An das Turnen schloss sich eine animierte Kneipe. W Ieitschnstmrimdschall. Lemberg. Aus Anlass des vom „Kraj“ angeftellten Interviews über die Judeufrage bringt der „gemäßigt" antisemitische „Dziennik Polski* einen Leitartikel, überschrieben: „Die Juden". Aus einer der letzten Nummern der „Welt** sind die Aeußerungen des Abgeordneten Gold m.a n u bekannt. Der Mangel an Sympathie seitens der Polen den Juden gegenüber — darin gipfeln seine Ausführungen — habe auch die Wandlung im Judenthum selber herbeigeführt. Dazu bemerkt nun das polnische Organ: „Wessen Schuld es ist, dass der Versuch der Assimilierung nicht gelungen ist? Weder die polnische Gesellschaft ist daran schuld, noch jene kleine Schar edler, jüdischer Träumer aus den Soer Jahren. Die Schuld trifft einzig und allein die Masse des Judenthums, die Masse als historisches Ganzes genommen. Sie ist es, welche durch ihre Arendare*) aus unserem Volke Säufer machte, durch ihre Wucherer die ärmeren Schichten ruinierte, durch ihre Krämer die Ausbeutung systemattsch betrieb und betreibt; sie ist es, welche durch ihre Advocaten und Eommis und eine ganze Phalanx von Intelligenz und Halbintelligenz das Land mit dem Deutschthnm -überschwemmt und uns durch ihre elenden Wiener Scribenten vor ganz Europa anschwärzt." So stehen wir Juden da im Lichte einer „gcmäßigl"-antisemitischen Presse — als ein Volk von Betrügern. Verleumdern und Ausbeutern. Wie aber beurtheilt man uns von gelehrter Seite? Die Aussage des greisen Philologen und Literarhistorikers Malecki ist zu charakteristisch, als dass wir sie übergehen dürften. Professor Malecki äußert sich folgendermaßen über die Juden: „Die Assimilation macht Bankerott. Die Juden gravitieren bei uns mit einer für mich unbegreiflichen elementaren Gewalt zum Deutschthum. Vor die Wahl gestellt zwischen Polnisch und Deutsch — entscheiden sie sich bewusst für das letztere. Vor 20 Jahren hörte man bei uns mehr polnisch sprechen, als es heute der Fall ist. Die Waiffchauer Juden beweisen jeden Augenblick, dass sie das Schicksal dieses Landes berührt, und dementsprechend ist auch ihre gesellschaftliche Stellung eine andere. Wenn es gelingen würde, die Juden mit den Polen zu verschmelzen, so wären diese das erste Volk der WelL Leider entfernt sich die Masse des Judenthums immer mehr von uns.. .. Ich gehe soweit, an Möglichkeiten zu denken, von denen auch die Radicalsten noch gar nicht sprechen. In 20 Jahren werden die Juden als eine dritte Nationalität in Galizien auftreten; sie werden für sich besondere Schulen verlangen und einen numerischen Antheil an allen Vertretungen, und zwar im Verhältnis von 14°/0 " Ob zu einer solchen Sonderstellung, so frug der Interviewer, der *) Jüdische Schankwirte auf dem Lande.