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Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Paris / J. B.
Date
1898-12-30
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 JWW# vir. 52 Frankreich. worden. Mit ihrem gewöhnlichen weinerlichen Tone baten sie Paris, 18. December. Gestern abends fand im Local der „Union Scolaire“ (französisch-jüdischer Geselligkeitsverein für vormalige Schüler der Pariser Gymnasien u. s. w.) eine von Bernard Lazare unter großem Beifalle und unter Andrang einer sehr ausgesuchten Zuhörerschaft gehaltene Conferenz statt. Das Thema lautete: „I u d e muss man sein!" Lazare, der bei den hiesigen Juden großes Ansehen genießt, rügte, dass dieser Verein, der doch nur aus Juden bestehe, sich fast ausschließlich mit assimilatorischer Bildung befasse, während die unter den gegebenen Verhältnissen gebotene Bildungs- Pflege eine durch und durch jüdische sein müsste. Er warf den französischen Juden vor, dass sie sich über ihre östlichen Brüder erhaben dünkten und durch. diesen Hochmuth ihr Judenthum eingebüßt hätten. „Durch Eure, mit jedem Tage abnehmende Philanthropie", sagte er, „ist Eure Pflicht den Brüdern gegenüber noch lange nicht erfüllt." Er verlachte weiter die Assimilation und den französischen Chauvinismus der Juden und bewies, dass das reine Judenthum einwandfrei neben dem Franzosenthum fortbestehen könne. „Bor lauter Franzosenthum", fuhr Redaer fort, „sinkt der Jude unwillkürlich eines schönen Tages so tief, wie ein Arthur- Meyer und Pollonais!" Er wies an der Hand der Geschichte nach, dass die Juden von Toledo, Burgos und Prag im Mittelalter trotz ihrer Anhänglichkeit an das Judenthum ihre Pflicht als Patrioten immer erfüllt haben. Er empfahl die Rückkehr zum Judenthum und die Wiederauknüpfung der brüderlichen Bande mit den östlichen Juden, sowie mit dem Sinnbilde des ewiglebenden jüdischen Vaterlandes. Bernard Lazare wurde n,it allgemeinen Hochrufen gefeiert. Die Herren und Damen schluckten unter Applaus die verschiedenen Pillen hinunter, und da Bernard Lazare dieselben hübsch vergoldet hatte, so nannten sie das „Goldkörner". Seine Gegner und unsere vielgeliebten Antizionisten schmunzelten dabei und lauerten auf sein zionistisches Glaubensbekenntnis, um nachträglich seine strengjiidis.he Rede verunglimpfen zu können. Lazare gieng aber nicht in die Falle. Als er dennoch von jüdischer Aarion sprach, rümpfte ein Rabbiner die Nase, worauf Lazare noch fester betonte: „Ja, eine Nation, und welch eine prächtige Nation!" Nachdem Lazare geschloffen hatte, wurde die Rede lebhaft erörtert. Ein Gegner, der lieber in den stygischen Fluss nieder-, als in den Zug nach Zion einsteigen möchte, fragte: „Glauben Sie nicht, dass diese Rede etwas palästinensisch duftet?" „Ach wo," antwortete ihm ein Nachbar, „das ist ja bloß ein nnwahrnehmbarer Erdgeruch". Bei der nächsten Vorlesung aber bekommen Sie erst die dicken Leviathansbrvcken mit Lu nee Lionaiso aufgetischt!" J. 13. Algier. Wie mau weiß, hat R e g i s den Juden das koschere Fleisch durch Niederrcißung des Schoch et Hauses und der S ch o m e r Hütte * im Schlachthause vorenthalten. Zum Glücke findet das im Winter statt, wo man sich das frische Fleisch von Marsrille holen lasten kann. Dieser directe und unerhörte Angriff gegen die Religion ist umso empfindlicher, als unsere Brüder die rituellen Gesetze streng beobachten, was aus der freiwilligen Fleischsteuer erhellt, welche 140.000 Francs per Jahr einträgt. Es sind in Algier genug heldenmüthige Jünglinge, die es als ihre heilige Pflicht betrachtet hätten, das Rathhaus zu erstürmen und Regis sammt seiner Bande wie tolle Hunde niederzuschießen. Allein der Synagogenvorstand lässt keinen Bund zustande kommen. Unbekannte Helden und Heldenthaten hat es im Laufe der letzten Monate schon gegeben — aber das Consistorium hat jene aus dem Wege geräumt — und lässt sie nun in einem Winkel Frankreichs verhungern. Der Zionismus, dessen Einführung mit Freude begrüßt wurde, wird darin Wandel schaffen. Neulich ist eine Abordnung dcs Ceutralcousistoriums Frankreichs vou Tupuy, dem Minister des Innern, empfangen um Schutz für Algier. Dupuy antwortete ihnen, dass, wenn sie ihre Pflicht vor zwölf Jahren erfüllt hätten, ihnen dieser Besuch erspart geblieben wäre. Nichtsdestoweniger hat er sofort eine Gesetzvorlage verfasst, um die Stadtpolizei Algiers in die Hände der Centralregierung, respective des Bezirksdirectors zu übertragen Das ist leeres Stroh gedroschen. Wer von der Polizei übermäßig beschützt werden muss, wird dem überarbeiteten Beschützer regelmäßig antipathisch. Ueberdies find die Mittel zur Judenhetze in Algier sehr zahlreich und die Polizei kann, dank der topographischen Beschaffenheit der Stadt und den ethnischen und cultarellen Verhältnissen Algiers überhaupt nur von sehr geringem Nutzen sein. Die Enthebung Regis von seinem Bürgermeisteramt war keine unseren Brüdern günstige Maßregel. Regis war überhaupt nicht wahlfähig und er wurde - nur dank der Lüge und dem Wahlschwindel gewählt. Diese Wahl hätte schon längst von den Staarsrathe annulliert werden sollen — und das wusste er. Sobald die Anfechtung seiner Wahl an die höhere Behörde gelangte, forderte Regis den Statthalter heraus, um des Amtes enthoben zu werden und seine Entlastung einzureichen. Denn sonst wäre bei der sicheren Annullierung sein Betrug herausgekommen. Seine Entlastung kann aber vor drei Monaten keine Giltigkeit haben. Bis dahin wird er die zur Wahlfähigkeit nöthige Steuerperiode erreicht haben — und nun kann er gesetzlich wieder von vorne anfangen und wie Elisabeth sagen: „Und wenn dem Britten keine Wahl mehr bleibt, Bin ich in echtem Ehebett geboren!" Wir sind zwar auch nicht von gestern und verstehen Politik, zum mindesten so gut, als dieser aufgedunsene Grünschnabel. Allein es gibt keine Maßregel, die nicht durch das hiesige Consistorium Hintertrieben werden könnte. Sobald die Gemeinde Algier uns Zionisten gehören wird, und lange wird es nicht dauern, dann wirk sich das Blatt auf ganz unerwartete Art wenden. Die Chrontk der Juden Algiers reicht bis 511 Salomos Zeit hinauf. Es wäre jammerschade, wenn es heißen könnte, dass sie nicht ein bisschen seiner Weisheit mitimportiert hätten, denn an anderen Merkmalen ist es ersichtlich, dass sie doch etwas vom jüdischen Louis XIV. geerbt haben. —a. - England. . Loudorr. Unter dem Vorsitze Bk r. I. d e H a a s' hielt die rI>nci Zion-Association14 in Gegenwart ihrer sämmtlichen Mitglieder und vieler Freunde ihre diesjährige Chanukahfeier ab. Den Eröffnuugstoast hielt der Vorsitzende über das Thema „Die nationale Bewegung." Er betonte, dass gerade die Proteste und Eiuschüchternngsversuche der Gegner den besten Beweis für die erfolgreiche Thätigkeit des zum Baseler Congreste und der nationalen Idee haltenden Judenthums wider die Assimilation liefern. Mr. Feldmann toastierte auf die Führer der zionistischen Bewegung und erntete stürmischen Beifall. Doctor Gaster, der sich hierauf zur Erwiderung des Toastes erhob, meinte, er und die anderen ander Leitung der zionistischen Sache Betheiligten zögen es vor. nach einer böse gemeinten Bezeichnung, ihrer Gegner Träumer anstatt Führer genannt zu werden. Denn es gebe Träumer, die schlafen und gewöhnliche Träume sehen, und Träumer, die eigentlich wach sind und ein gut Stück Weges weiter als alle Gegner sehen. Die Zionisten nun seien von der zweiten Art: Träumer einer Vision von dem Volke, desten Herzen in neuem Leben und alter Sehnsucht nach dem Heimatland schlagen. Das Volk hungere nach Land, Freiheit und Unabhängigkeit. Redner sei glücklich, sagen zu dürfen, dass der täglich an Macht gewinnende Zionismus diesen Hunger bald werde stillen können. (Stürmischer Beifall.) Herr D. Wolfss 0 h n (lebhaft acclamiert) bemerkte, man habe ihm mitgetheilt, dass es selbst unter den Zionisten Leute gebe, die in die Richtigkeit der officiellen, zionistischen Verlautbarungen einigen Zweifel setzen. Redner versicherte die Versammlung, dass die Führer nichts für sich, alles fürs Volk thäten. Die Zeit sei noch nicht gekommen, über die Audienz der zionistischen Ad-

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