Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Article
- Die größte That des Jahrhunderts
- Date
- 1898-12-30
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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yir. 52 $taCTOde Lecke 9 den zahlreichen Antworten ist ein Schreiben des Wiener Hofschauspielers Sonnenthal bemerkenswert. Es schließt: „Ich denke und zersinne mich vergebens. Wenn ein neuer Christus erstünde, der Menschen und Nächstenliebe in die Welt setzt, der wäre der Erlöser von unserer Weltplage, dem Antisemitismus, der befreite uns in Wahrheit von dem Uebel des 19. Jahrhunderts." Picqnart hat von Landsleuten, dann aus Wien und Budapest, London, sowie aus Städten Deutschlands zahlreiche Glückwunschbriese und Weihnachtsgeschenke erhalten. Die Lehrkräfte der öffentliche» Volksschulen Preuhens. Im Jahre 1896 waren 34-7 Mische Lehrer und 52 jüdische Lehrerinnen, also 4-09 Mische Lehrkräfte, in den öffentlichen Volksschulen beschäftigt, gegen 4-32 Lehrer und 53 Lehrerinnen im Jahre 1886. Bon den 4-09 vorhandenen Lehrkräften entfielen 308 auf Mische, also nur 101 auf paritätische Schulen. Diese letzteren befinden sich durchwegs i:x den Städten, und zwar wirken in Westpreußen 17, Berlin 54, Posen 16, Schlesien 10, Westphalen und Heflen-Naffan je 1 und im Rheinlande 2 Lehrkräfte. Da in sämnrtlichen paritätischen Schicken 5804 (in Berlin 2356) Mische Kinder vorhanden waren, so steht die Zahl der jüdischen Lehrkräfte zur Zahl der Mischen Kinder im richtigen Verhältnis. Esterhazy klagt nicht. Dem Londoner „ö&feroer" zufolge hat Esterhazy die gerichtliche Verfolgung gegen das genannte Blatt fallen gelassen. Esterhazy hätte den Beweis erbringen sollen, dass er nicht der Urheber des Bordereaus sei. Der „O&feroet" versichert, Esterhazy habe jährlich 50.000 Francs von dem damaligen deutschen Militär-Attachä Schwarzkoppen erhalten. Ei» »euer Stamm? Von Zeit zu Zeit tauchen Nachrichten von den verlorengegangenen zehn Stämmen auf. Bald will man sie in China, bald in Afrika wiedergefunden haben. Absolut Sicheres ist über diesen Punkt nicht in Erfahrung zu bringen, und das thut vielen leid, deren nationaler Stolz sich durch die Entdeckung eines sozusagen mühelos gewonnenen, immensen Bolkszuwachses recht geschmeichelt fühlen würde. Während nun die gelehrten Forscher nach Spuren der zehn Stämme suchen, hat sich in Paris ein Ereignis vollzogen, das die Existenzeines ganz neuen Stammes oder zumindest der bisher unbekannten Abzweigung eines alten in den Kreis der Forschung rückt. Im Pariser Salon hat nämlich der Maler I. I. H e n n e r ein allgemein bewundertes Bild ausgestellt: ein Mann mit entschieden Mischen Gesichtszügen kauert neben der Leiche einer auf der Erde ansgestreckten Frau. Wir haben nur eine Reproduction des Bildes gesehen und vermögen seine malerischen Qualitäten nur unvollkommen zu würdigen. Umsomehr aber den Wert der wiffenschastlichen Entdeckung, die in den kurzen Worten der Bildbezeichnung schlicht zusammengefasst erscheint. Diese lautet: „Der Levite aus dem Stamme Ephraim, an der Leiche seiner Frau." Die Rückkehr des Dreyfns. Wie man der politischen Correspondenz aus Paris meldet, verlautet in den dortigen unterrichteten Kreisen mit Bestimmtheit, dass Dreyfns demnächst nach Frankreich gebracht werden soll. Die Untersuchungen des Caffationshofes in dieser Angelegenheit nähern sich ihrem Abschluffe und sei das Urtheil gegen Ende Jänner zu erwarten. Eine Weihnachtsbescherung. Im Bureau der - Münchener israelitischen Cultnsgemeinde in der Herzog-Maxburggaffe wurde in der Christnacht ein Einbruch verübt. Dem Langfinger fiel jedoch nichts Nennenswertes in die Hände. Die Nachbarn hörten zwar gegen halb 11 Uhr das Geräusch im Bureau, glaubten aber, es rühre dies von den Ausräumungs- und Reinigungsarbeiten her. Ucbertritt zum Judenthurn. Aus Paris wird vom 26. December berichtet: Der Großrabbiner von Paris nahm gestern in der Synagoge der Rue de la Bictoire die Einsegnung der Ehe des bekannten Dichters Gustave Kahn und dessen Gattin Rachel, geborenen Elisabeth Dayze, die seit kurzem zum mosaischen Glauben übergetretenen ist. in Anwesenheit zahlreicher Dichter und Schriftsteller vor. Frau Kahn, die ihrem Gatten vorneun Jahren als Christin bürgerlich angetrautworden war. entschloss sich bekanntlich, angesichts der antisemitischen Strömung den Glauben ihres Gatten anzunehmen und erhielt, als alle Vorstellungen und Einwände der Großrabbiner Zaduk Kahn und Dreyfus nichts nützten, eine religiöse Unterweisung, die mit dem Bade in der „Mikwah" ihren Abschluß fand. Frau Kahn, eine blendende Schönheit vom reinsten Typus der Arlesienne, war durch die religiöse Feier und die Ansprache des Großrabbiners tief erschüttert und nahm dann die Glückwünsche der Gäste entgegen. Der ehemalige Karmeliter-Pater und einstige Kanzelredner von Notre-Dame, Hyacinthe Loyson, hat an Frau Kahn folgendes Glückwunschschreiben gerichtet: „Paris, 18. December 1898. Madame! Ich habe in der „Fronde" den Ihnen gewidmeten Artikel gelesen. Sie waren Katholikin nur durch Ihre Geburt. Sie werden Jüdin durch die wohlerwogene Wahl Ihres Verstandes und Ihres Willens. Deshalb würde ich, falls ich nicht den ganzen Winter über fern von Paris bleiben müsste, nicht zögern, in der Synagoge der Rue de la Victoire Ihrem feierlichen Bekenntnisse jener großen, einfachen und geschmähten Religion brizuwohnen, die sich weit mehr, als unser verdorbener Katholicismus, der Religion Jesu und dessen erstem Jünger nähert. Genehmigen Sie u. s. w. Hyacinthe Loyson." Die „reinliche Scheidung". Ein Wiener deutschnationales Organ erzählt in seinem eigenthümlichen „völkischen" Idiom: Mit der brennenden Frage, welche Haltung die Derckschnationälen gegenüber der nunmehr gegebenen Möglichkeit, deutschnationale, das heißt judenreine Ortsgruppen im Deutschen Schulvereine zu bilden, einzunehmen hätten, beschäftigte sich anch der Vertrauensmänner - Ausschuss der Wiener deutschnationalen Partei. Auf der Tagesordnung stand der Antrag des Rechtsanwaltes Herrn Dr. Vincenz v. Berger, des Inhaltes: Den deutschnationalen Parteigenoffen sei dringend zu empfehlen, die bestehenden völkischen Schutzvereine durch Beitritt und Werbung auf das Thatkrästigste zu fördern, außerdem aber sei es wünschenswert, dass die Deutschnationalen überall dort, wo es ohne Zersplitterung der Kräfte möglich sei. von dem satzungsmäßigen Rechte, deutschvölkische Ortsgruppen des Schulvereines zu gründen, Gebrauch machen. Der Antrag, der von Dr. v. Berger unter Vorlage einer Reihe von Gutachten bekannter deutschvölkischer Parteigenoffen aus Böhmen, Mähren, Schlesien, Kärnten, Steiermark, Triest äußerst sachlich begründet und mit Hinweis auf die Wichtigkeit des Schulvereines wärmstens befürwortet wurde, entfeffelte eine mehrstündige, sehr lebhafte Wechsclrede, in welcher die gegensätzlichen Anschauungen über die Zukunft des Deutschen Schulvereines ebenso scharf hervorttaten, wie in den hauptsächlich von Seite der bestehenden Schutzvereine „Bund der Deutschen in Böhmen", „Südmark", „Nordmark" stammenden Gutachten. Nach einem beredten Schlussworte des Anttagstellers wurde der vorliegende Antrag mit zwölf gegen sechs Stimmen zum Beschlüsse erhoben. Auf Grund dieses Beschluffes der deutschnationalen Vertrauensmänner, Wiens soll nun in allen Bezirken Wien- «»schieden an den Beitritt zu den völkischen Schutzvereinen, wie an die Bildung weiterer deutschvölkischer (Männer-, Frauen- und Mädchen-) Ortsgruppen des Deutschen SchnlveremeS geschritten werden. Drohbriefe an Esterhazy. Infolge zahlloser Briefe, die Esterhazy mit dem Tode bedrohen, verließ der Uhlan Amsterdam und übersiedelte nach dem Haag. Esterhazy übergab die Drohbriefe der Polizei. Max Nord au und Bernard Lazare werden im Laufe des Monats Jänner in Wien Borttäge halten. Thema und Datum der Borttäge werden noch näher bekanntgegeben werden. Palästina, ein Anknuftsland? Herr Director Aork-Steiner, der jüngst von einer Reise aus Palästina zurückgekehrt ist, wttd demnächst ans Grund seiner persönlichen Erfahrungen in Wien einen Borttag „Palästina, .ein Zukunstslands" halten. Das Datum des Borttages wird " noch näher verlautbart werden. Französisch-jüdische Liturgie. Im französischen Gebetbuch heißt es an jener Stelle, wo für das Wohl des „Malchus, unter dem wir leben", gebetet wird: Segne unser