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Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Graz [Nachricht]
Date
1898-12-30
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 52 Seite 7 der „Charitas"; 5. Tendenzrede, . gehalten von Herrn Kurt Mühsam; 6. Bundeslied der „Kadimah"; 7. Discussion über beide Vorträge, eingeleitet von cand. ing. Rosenstock; 8. „O alte Burschenherrlichkeit". Schluss des officiellen Theiles. — Bei der von den zionistischen Studierenden veranstalteten Feier, die einen sehr schönen Verlauf nahm, waren als Gäste erschienen: Tie Verbindung „I v r a e a", die Mitglieder des Vereines „Charitas" und zahlreiche andere Gesinnungsgenossen. Frankfurt a. M. Gleichwie im Vorjahre veranstaltete die hiesige Ortsgruppe der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" auch Heuer eine großangelegte Makkabäerfeier, die Dienstag den l3. December l. I., um 8'/- Uhr abends, im Festsaale der „Alemannia" stattfand und einen überaus würdigen und strmmungsvollen Verlauf nahm. Der mächlige, mit zionistischen Emblemen und Sinnsprüchen geschmackvoll decorierte Saal, war um die anberaumte Stunde von einem erlesenen Herren- und Damenpublicum dichtgefüllt. Es mochten wohl an die 500 Personen anwesend sein, darunter außer dem Festredner Dr. R ü l f aus Bonn und dem Cantor Drujan aus Basel, der den gesanglichen Theil der Feier besorgte, noch viele andere auswärtige Gesinnungsgenossen; namentlich war die akademische Jugend aus den nahen Universitätsstädten Gießen, Marburg, Bonn und Heidelberg in großer Anzahl vertreten. Der Präsident der Ortsgruppe, Herr Heinrich Birken st ein. eröffnet« die Feier und begrüßte die Festversammlung mit herzlichen Worten. Herr Cantor Drujan steckte hierauf die Chanukakerzen an, indem er zugleich die vorgeschriebenen Segenssprüche in feierlicher Weise vortrug. Nun ertheilte der Vorsitzende Herrn Dr. Rülf das Wort zur Abhaltung seiner Festrede. Dieser entwickelte in einer nahezu einstündigen glänzenden Rede, die ich im folgenden in ihren Grundzügen wiedergebe, das Wesen und die Bestrebungen des Zionismus, den er für so weittragend erachtet, dass mit ihm das Judenthum stehe und falle. Ter Zionismus, sagt Redner, ist in erster Reihe eine nationale Bewegung, demzusolge ist sein Augenmerk vornehmlich darauf gerichtet, das nationale Empfinden, das Volksbewusstsein der Juden wachzurufen und es, wo es vorhanden ist, zu kräftigen und weiterzuentwickeln. Wir dürfen unsere jüdische Nationalität frei betonen und stolz vor aller Welt verkünden, denn wir haben der Menschheit einen Gott und eine Sittlichkeit gegeben. Auch unter uns Zionisten gibt es Meinungsverschiedenheiten rücksichüich der Art und Weise, wie den Anforderungen, die die Nationalidee an uns stellt, im praktischen Leben Genüge zu leisten sei. Darin aber sind wir alle einig, dass wir es für eine heilige Pflicht halten, den verächtlichen Assimilationsbestrebungen vieler unserer Namensgenossen entgegenzuarbeiten, indem wir den jüdischen Massen Selbstbewusstsein, d. h. das Bewusstsein ihres eigenen ruhmreichen Volksthumes, beibringen uud unter ihnen den Sinn für die geschichtliche Größe Israels, für unsere nationale Sprache und Cultur pflegen und stets rege erhalten. Die Verschmelzungssucht unserer Ammilanten ist umso verdammlicher, als sie die Lebenswurzeln gerade der jüdischen Natton angreift, dieses □> (ewigen Volkes), dessen wunderbar zähe Lebenskraft bis aus den heutigen Tag allen Stürmen getrotzt hat. Ich leugne den persönlichen Meffias nicht, sagt Redner im Verlaufe seiner Ausführungen, und harre ihm entgegen; aber ich bin fest überzeugt, dass es unsere heiligste Pflicht ist, ihn zu erwecken, ihm gewissermaßen die Bahn zu ebnen. Dies bezweckt der Zionismus, der in diesem Sinne nichts anderes ist, als das Judenthum selbst. Nicht das Judenthum der einenoder der anderen religiösen Partei, sondern das Judenthum in seiner Totalität, in seiner Messianität. Redner schildert mit beredten Worten die immer mehr platzgreifende Entfremdung der akademischen Jugend vom Judenthum. Dieser Jugend will der Zionismus einen Hall, einen festen Stützpunkt bieten. Er will die vertrockneten Säfte durch Transfusion auffrischen, den alten Stamm des Judenthums neu ergrünen lassen. Aber er will uns auch die Achtung der Welt erringen und dem Anttsemittsmus, zu deutsch: der Judenverachtung, ein Ende machen. Für den Zionisten gibt es schon heute keinen Anttsemittsmus; ein selbstbewusstes Volk kann wohl Feinde, aber keine Verächter haben. Im weiteren Verlaufe seiner Rede kommt Dr. Rülf auf die Eimvände zu sprechen, die gegen den Zionismus vom Standpunkte des Staatsbürgerthums erhoben zu werden pflegen. Redner ist der Ansicht, dass wir Juden unser Staatsbürgerthum gar nicht besser begründen können, als eben durch den Zionismus. Wenn einer irgendwelche Rechte geltendrnachen will, so muss er sich zu allererst legittmieren, sein Nationale angeben. Es ist der größte Widersinn zu behaupten, wir seien vaterlandslos, weil wir in Liebe unserer alten Heimat gedenken und sie friedlich wiedergewinnen wollen. Redner erinnert an die Deutschen im Auslande, die gerade durch kräftige Hervorhebung ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volke, sowie durch eifrige Pflege ihrer nationalen Cultur ihre Staatsbürgerrechte zu wahren und vor jeder Beeinträchtigung zu schützen verstehen. Sodann beleuchtet Redner an der Hand der Gescyichte und der talmudischen Tradition die Bedeutung des Chanuka- oder Makkabäersestes, indem er eingehend auseinandersetzt, dass das Walten einer großen Idee notywendig Heldengeister erzeugen müsse. Redner schließt in althergebrachter'Weise mit dem Wunsche 821- O, möchte doch für Zion der Erlöser kommen! Langanhaltender, reicher Applaus lohnte die trefflichen Ausführungen des greisen Festredners, die einen überaus nachhaltigen Eindruck auf die zahlreiche Zuhörerschaft hervorbrachten. Hierauf gewährte Cantor Drujan der Festversammlung einen hohen Kunstgenuss durch meisterhaften Vortrag seiner eigenen formvollendeten Compositionen zu den Liedertexten „Dort wo die Ceder", „Zionistenlied", „6er tomid", „Trost und Thränen", rc. — Und nun folgte einer der Glanzpunkte des Abends Eine hiesige Gesinnungsgenossin, Fräulein Jenny W o l p e, trat auf das Podium und hielt, von rauschenden Beifallskundgebungen und lebhaften Zurufen oftmals unterbrochen, eine wohldurchdachte, mit überraschender Gewandtheit und unvergleichlicher Grazie vorgetragene zündende Ansprache an die anwesenden Damen, denen sie die glorreiche Rolle, welche die jüdische Frau in der Geschichte ihres Volkes zu allen Zeiten gespielt hat, in Erinnerung brachte. Das jüdische Weib von heute dürfe seinen Schwestern aus der Vorzeit an Opfermuth uud Kampfesfteudigkeit. an Begeisterung für die gute Sache unseres Volkes nicht nachstehen. Rednerin fordert demgemäß die Damen auf, gleich Deborah und Judith Schulter an Schulter mit ihren Gatten und Brüdern für die Erlösung Israels zu kämpfen und in ftiedlicher Arbeit mitzuwirken. Sie apostrophiert zum Schluffe die Herren in hebräischer Sprache, muthig auszuharren, ihren Schwestern den Weg zu weisen und ihnen namentlich in ihren Bestrebungen, sich die hebräische Sprache anzueignen und jüdische Geschichte und Literatur zu pflegen, behilflich zu sein. Die mächtige Wirkung dieser temperamentvollen Anrede lässt sich einfach nicht schildern. Es sprachen noch Herr I. L. G o i t e i n, der unter großem Beifall unseres Führers Dr. Herzl gedachte und ein „Hoch" auf ihn ausbrachte, in das die Versammlung begeistert einftimmte; ferner die Herren Klausner (Heidelberg) und Drujan in hebräischer Sprache und zum Schluffe der Vorsitzende Herr Bi rkenst ein, der die Audienz Dr. Herzl's beim deutschen Kaiser erwähnte und Se. Majestät dreimal hochleben ließ. Z—1. Jassy. Im Verein „Bnei Brüh“, der seit einigen Wochen zionisttsch geworden, fand gestern eine Mattabäerfeier statt zu Ehren des Hr. Dr. Lippe und anlässlich des Gründungstages der Loge. Außer den Mitgliedern waren noch die Herren Daniel aus Piatra und Brociner aus B u k a r e st anwesend. Herr Dr. Lippe hielt einen kurzen Borttag. Hierauf antwortete Herr Brociner und berührte in dieser Ansprache die Haltung der .Bnei Brüh“ gegenüber den Zionisten mit folgenden Wotten: „Die zionistische Bewegung ist jetzt nicht mehr als Phantasie zu bettachten. Jeder richtig denkende Jude muss sich gestehen, dass der Zionismus als die einzig richtige Lösung der Judenfrage zu bettachten ist, und demnach ist jeder Jude de facto Zionist. Nur aber können wir ..Bnei Brüh" nicht eine Bewegung fördern, die noch im Entstehen ist. Auch hat uns Herr Prneles nie aufgesordert, mit einzugreifen, vielmehr scheint dieser Herr eine gewisse Abneigung gegen uns zu haben. Im übrigen wollen wir früher die Resultate abwarten, um uns dann anzuschließen." Darauf erwiderten die Herren Armin Dux, O s i a s und Journalist Kaufmann, dass es ihnen merkwürdig erscheine, dass der..Bnei Brüh“, der doch analoge und sogar fast dieselben Ziele verfolgt wie der Zionismus, gerade Bedenken tragen sollte, den Zionismus zu adoptieren. Herr Dr. Burstin stellte daher folgenden Antrag, der auch einstimmig angenommen wurde: . „Die Mitglieder der Loge Samoil Nr. 397, versammelt am Makkabäerfestes beschließen, beim nächsten Convent das Sanhedrin aufzufordern, den Zionismus ins Programm der „Bnei Brüh“ aufzunehmen". Galatz, im December 1898. Aus allen Städten und Ortschaften Rumäniens treffen Nachrichten ein über die Makkabäerfeier, die überall stattgefunden. Alle Tempel, Synagogen oder sonst geeigneten Localitäten waren von Alt und Jung beiderlei Geschlechtes besucht, um dem ceremoniellen Chanukalichtlein- Anzünden beizuwohnen und den verschiedenen Rednern zuzuhören. Wer hat vor ein paar Jahren daran gedacht? Die Protestrabbiner gewiss nicht! Hier sprachen im Handwerkertempel die Herren Sam. Pineles, Dr. Cohn, M. H. Schein, Leopold Samuely unter allgemeinem Beifalle. Herr Pineles hatte nur eine Entschuldigung für die bezahlten Redner und Rabbiner, die auf Befehl ihrer Mandatare gegen unsere heiligsten Gefühle und Interessen sprechen: Wessi Brot ich esse, dessi Lied ich singe! Deshalb lassen uns derlei Reden, und mögen sie von noch so hochgestellten Rabbinern kommen, ganz kalt. Es ist wahr, sie schaden einstweilen, aber auf die Dauer wird es ihnen nicht gelingen. Die 300 Millionen Christen in Europa sind die besten Mitarbetter für den Zionismus! Unsere Feinde fabricieren seit Jahrhunderten falsche Verdächtigungen gegen uns, wie der Generalstab in Frantteich es gegen Dreyfus gethan. Was haben wir nicht gerade vor Jahresftist (5. December) in Bukarest und hier gelitten? Dank den strengen Maßregeln, die die Regierung getroffen, ist es.

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