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Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Eine Preisausschreibung fin de siècle
Date
1898-12-30
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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j Seite 5 erkor. Solche Preisausschreibungen nähren und züchten nur jene verknöcherte, verwachsene, blutleere Wissenschaft, welche Gelehrsamkeit heißt; sie sind aber weit davon entfernt, die fteie, hohe Wißen sch aft zu fördern, welche das Haupt emporhält, Himmel und Erde in Einem schauen lässt und die ganze Persönlichkeit mit dem Bewusstsein der Welt durchdringt. Eine Geschichte der Apologetik! Durch die Wahl dieses Themas hat sich der Cultusvorstand der Wiener Gemeinde eine große Blöße gegeben. Er hat gezeigt, wie wenig ernst er die gewaltigen Errungenschaften der fortschreitenden Wissenschaft nimmt, wie indifferent er gegen sie ist, wie ganz ftcmd er ihnen gegenübersteht. Anfangs September ist die epochale „Ethik des Judenthums" von unserem Altmeister Lazarus erschienen, welche auf Schritt und Tritt die reichsten und nachhaltigsten Anregungen gewährt, mit vollen Händen Saatkörner ausstreut und auf unbebaute Flächen hinweist, deren Bearbeitung ergiebige Ernten verbeißt. Diejenigen, welchen an einer Geschichte der Apologetik soviel gelegen ist, haben, ob sie auch auf der Zinne der jüdischen Warte stehen sollten, das bahnbrechende Werk keines Blickes gewürdigt. Sonst hätten sie aus dem vollen Leben geschöpft. Oder ist es am Ende gar dem Vorstande überhaupt nicht zu Ohren gekommen, welch' reife und herrliche Frucht Lazarus vom Baume der Erkenntnis gepflückt hat? Auch dies ist nicht unmöglich. Ci« jüdischer Maler. Von B. Tag (B. Sopher). Werke der Kunst erfteuen durch sich selbst. In ihren Anblick versenken wir uns wie in die Natur; wir betrachten das Schone fast als ein Unpersönliches. In einer Gemäldegallerie, vor einem Bilde, begnügt man sich mit dem bloßen St amen des Künstlers. Man will ja vor allem die Kunst sehen. Für den Künstler, für sein Leben, hat man hier die Zeit nicht. Denn schon winken andere Bilder, und man möchte keines übergehen. Hie und da aber, gleichsam verstohlen, kommt doch auch ein Gedanke an den Künstler. Dann über gibt es Gelegenheiten, wo man dem Biographischen, dem Menschenselbst näher tritt. Gottlieb... der Maler Gottlieb ist vielen unter uns bekannt; aber es sind auch viele, die ihn nicht kennen. In den Kreisen der Intelligenz Galiziens und Congresspolens, ganz besonders aber in denjenigen Familien, die ihm persönlich nahestanden, weckt der Name schmerzliche Erinnerungen. Man spricht von ihm, als wäre er eben erst aus dem Leben geschieden; und doch sind es beinahe zwanzig Jahre, dass er todt ist. In der leider kurzen Schaffenszeit, die ihm gegönnt war, fand er Anerkennung bei Kritikern und Künstlern. Einige Jahre nach seinem Tode freilich schrieb der Verfasser einer kurzen Lebensskizze die Worte über Gottlieb: „Außer den Einwohnern seiner Geburtsstadt und einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Collegen, Freunden und Bekannten, denkt selten jemand an ihn, und nur wenige kennen die wichtigsten Details aus seinem Leben." *) Aber die Werke Gottliebs waren zu bedeutend, als dass er in Vergessenheit gerathen sollte. So waren seine Bilder und Zeichnungen, die, vielfach zerstreut, zumeist im Privalbesitz sich befinden, in der letzten galizischen Landesausstellung in Lemberg vereint zu sehen. Trotzdem kennt man Gottlieb außerhalb Galiziens zu wenig. Was ich hier über sein Leben und zum Theil über seine Werke mirtheile, entnehme ich der oben citierten Broschüre und den Privatäußerungen von Personen, die ihn gekannt haben. Moritz Gottlieb ist am 21. Februar I85<> in Drohobycz in Galizien geboren. Im frühesten Kindesalter bekundete er Lust zum Zeichnen. Als er dann in die Schule geschickt wurde, geschah es nicht selten, dass er, „um vom Lehrer nicht ertappt zu werden, Mitschüler und Vorgesetzte unter der Bank nachzeichnete". Sein Uebereifer im Zeichnen hatte zur Folge, dass er in anderen Gegenständen nicht besonders entsprach. Ein verständnisvoller Lehrer rierh dem Vater, den Knaben aus der Schule zu nehmen und ihn seiner natürlichen Begabung gemäß ausbilden zu lasten. *) Moritz Gottlieb. Eine biographische Skizze. Von I. Wies euberg. Die Skizze ist in polnischer Sprache verfasst. So kam Gottlieb nach Lemberg in ein größeres Zeicheninstitut und blieb hier einige Jahre. Im Jahre 1872 geht er nach Wien und wird in die Kunstakademie ausgenommen. Es wird uns berichtet, dass der fleißige Zögling auch fleißig die Gemäldesammlungen besuchte, und dass er namentlich vor einem Bilde ganze Stunden zuzubringen pflegte. Das Bild, der kaiserlichen Sammlung angehörend — jüngst in der Jubiläumsausstellung zu sehen — stellt jenen tragischen Moment aus der polnischen Geschichte dar: Die erste Theilung Polens, die auf dem Warschauer Reichstage genehmigt, besiegelt wird. Der Maler des Bildes ist — Matejko. Polens größter Historienmaler hatte es dem Zögling angethan. Gottlieb wendetsich an Matejko mit der Bitte, ihn unter seine Schüler aufzunehmen. Lange bleibt die Antwort aus. Gottlieb verbringt nun eine bange Zeit, zumal der Vater sich gegen den Schritt des Sohnes erklärte. Als aber endlich von Matejko eine günstige Antwort kommt, gibt der Vater nach, und der achtzehnjähre Jü.ngling eilt nach Krakau, in die Nähe des Meisters. Hier entstehen denn seine ersten Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichts- und Porträtmalerei. Als eine Ausstellung der Schülerarbeiten der Akademie veranstaltet wird, werden die Bilder Gottliebs von den Blättern rühmend hervorgehoben. Aber kaum nach einem Jahre wird der Aufenthalt in Krakau unerquicklich. Matejko ist eben nur einer, Lehrer aber sind viele, und die Lehrmethode namentlich eines unter ihnen ist ihm zu trocken. Er arbeitet lieber zuhause, als in der Akademie. Das wird ihm übel angerechnet. Die Collegen aber gehen nicht zum Besten mit ihm um .. . Man lässt ihn fühlen, dass er Jude ist. Da verlässt er Krakau und geht nach München. Die schmerzliche Erfahrung wirkt von nun an in ihm nach . . . Wenn man ein Bildnis von Gottlieb sieht, das ihn selbst darstellt, so wundert man sich über diese Gesichtszüge. Gottlieb ist kaum dreiundzwauzig Jahre alt geworden. Und aus diesen Zügen spricht so viel Leiden, so viel Reife, ja man möchte fast sagen: zuviel Reife. Das Alter der Jugend will doch Jugend ausdrücken, nicht umgekehrt, nicht Jugend Alter. Nun hört man gar noch, Gottlieb sei eine fröhliche, liebenswürdige, d. h. lebenslustige Natur gewesen. Ist dies kein Widerspruch? Es liegt über seiner Gestalt, über seinen Gestalten ein so herber Ernst! Aber ein Widerspruch ist's nicht. Das Leben ergriss er eben mit seinen jungen Jahren, jung, begierig, zuletzt mit wildem Liebessturm; die Kunst aber erfasste er mit jener «trenge, die nur der großen Kunst eigen ist. In München geht in ihm eine Wandlung vor. Shakespeare lehrt ihn das Leben begreifen, durch seine Kunst lebenswahr zu gestalten. Daneben aber lernt er die Leiden seines Volkes kennen aus der Geschichte seines Volkes. Von nun ab will er — dies seine eigenen Worte — „für sein armes Volk arbeiten und dessen Leiden, Wissen, Herrlichkeit und Ausdauer in Bildern darstellen." Die Schöpfungen, die er jetzt hervorbringt, entnimmt er der Welt des Judenthums. Den eigentlichen Ruhm Gottliebs begründete sein Bild: „Die betenden Juden". Das Werk, welches in Wien entstanden ist, befindet sich gegenwärtig in der Dresdener Gemäldegallerie. Hatte er früher aus mittelbarer Duelle geschöpft, so in seinem „Shylock und Jessika", „Uriel Acosta und Judith", so schuf er in den „Betenden Juden" ein Werk aus unmittelbarster Anschauung. Diese Darstellung der betenden Juden am Versöhnungstag istbei aller individualisierender Charakteristik der einzelnen Gestalten gleichzeitig der Ausdruck einer einheitlichen Leidensempfindung des ganzen jüdischen Volkes. Gottlieb selbst gibt einen beredten Commentar, die innere Motivation, aus der das Bild hervorgieng. Eine Stelle, die besonders charkteristisch ist, wollen wir hier anführen:„.... In der Malerschule, umgeben von den Wundern der Kunst, berauscht . . . und betäubt vom feurigen Tranke eines jugendlichen Willens, dachte ich gar nicht mehr daran, dass ich Jude bin — ich hielt alle Schranken für gefallen, fühlte mich frei, unbeschränkt, fühlte mich als Gotteskind, als Bruder der ganzen menschlichen Gemeinschaft. Nun überkam mich bittere Besinnung, als einer meiner Collegen, mit dem ich in Streit gerieth, mir in brutaler Weise vorwarf, dass ich ein Jude bin. Er nannte mich einen elenden Paria der Gesellschaft, einen elenden Wurm, den jeder, wem es nur beliebt, zertreten kann, und der dankbar sein sollte dafür, dass man ihm erlaubt, im Staube zu kriechen. Da fühlte ich mit einemmal beim Anhören dieser längst vergessenen Worte, als würde eine Saite in meinem Herzen reißen, als würde die in mir längst vernarbte Wunde wieder anfangen zu bluten — ja wohl, es war die alte, tausendjährige Wunde des jüdischen Martyriums. Ta schwur ich, dass ich meine Kraft in den Dienst stellen werde meines Volkes, und da gerade der Versöhnungstag herannahte, so erwachten in mir alte Erinnerungen und ich fasste den Gedanken „Die Juden am Versöhnungstag" zu malen. Diesem Bilde sollte eine ganze Reihe anderer folgen, ebenfalls auf dem Grunde jüdischen Lebens." Es folgten andere, und es sollten noch mehr folgen. Gottlieb berührte den geweihten Boden der Kunst, Rom. Hier fühlte er sich erst recht als Künstler. Und eine glänzende Rehabilitierung für die in Krakau erfahrene Zurücksetzung wurde ihm hier zu-

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