Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1898-12-30
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 JÖlcöWdE: Sit. »2 wenn wir nur schon gelandet wären!"-Ein amerikanischer Polizist: „Im Namen des Gesetzes fordere ich Sie auf, auseinander zu gehen und das Küssen einzustellen, widrigenfalls ich von der Waffe Gebrauch machen müsste!" Zieht den Säbel. Im Nu stürzen sich <> robuste Damen auf den schwächlichen Wachmann und bedecken ihn mit Küssen. Ter Wachmann (ächzend): „Ich bin entwaffnet." (Lässt den Säbel fallen).-Hoffentlich wird der naive Historiker, der solchen und ähnlichen Vorstellungen Raum gibt, sich wenigstens ein bisschen auch des spanisch-amerikanischen Krieges, der Rassenstreitigkeiten zwischen Schwarzen und Weiften, der antisemitischen Einwanderungsbill :c. erinnern. Jedermann weift, dass die Juden ein zu Missgunst und Neid hinncigendes Naturell haben. Mit besonderer Vorliebe suchen sie sich — es ist dies eine oft beobachtete Thatsache die Angehörigen der verschiedenen Thierclassen aus, um sie in der niedrigsten Weise zu beneiden. Dieses Schicksal erdulden jetzt wieder drei Stiere, deren Wiege unter dem südlichen Himmel Spaniens steht, deren körperliche Verfassung jedoch nicht die allerkräftigste zu sein scheint. Wenigstens erfahren wir aus den Blättern, dass ein berühmter spanischerStierkämpfer in Valencia es abgelehnt habe, das gehörnte Kleeblatt umzubringen, mit der humanen Begründung, die Stiere wären ihm zu schwach. Dieser ritterliche Held besitzt, wie wir privatim erfahren, in Algier einen Cousin, der ein bekannter Habitue bei allen Judenplünderungen und Judenmorden ist. Und die Juden von Algier besitzen einen derartigen Körperbau, dass nach der Aussage erfahrener Viehhändler die drei schwachen Stiere von Valencia imstande sind, in einer übermüthigen Stunde das halbe algerische Judenviertel spielend aufzuspießen. — Wie verschieden doch zwei Cousins sein können. Für die Witwe des infolge eines Rasiermessers verblichenen Henry werden jetzt in ganz Frankreich Geldsammlungen veranstaltet, welche verhindern sollen, dass der schwarzgekleideten Frau nicht unversehens der Witwenschleier zum Hungertuche werde. Die Frau Treyfus ist unglücklich geworden, weil sie einen Juden geheiratet hat, und die Frau Henry ist unglücklich geworden, weil sie keinen Juden geheiratet hat. Wäre Henry ein recht strenggläubiger Jude gewesen, so wäre er gewiss nicht eines so unnatürlichen Todes gestorben. Denn die strenggläubigen Juden dürfen sich bekanntlich für ihren Bart keines Rasiermessers bedienen. Herr Adam Müller-Guttenbrnnn, der Lenker des Wiener antisemitischen Thespiskarrens, rückt unruhig auf seinem Kutschbocke hin und her. In Wiener antisemitischen Kreisen ist man nämlich mit dem Dircctor des Jubiläumstheaters nicht ganz zufrieden. Man hat ihm das neue Theater auf seine ehrliche Physiognomie^ hin anvertraut, damit er eine gehörige Zahl jüdischer Verbrecher und Gauner, die mit möglichst viel Salben geschmiert wären, dem Repertoire einverleibe und von Zeit zu Zeit einige Juden zum Gaudium des Wiener Publicums auf der Bühne eines gewaltsamen Todes sterben lasse. Bisher hat sich aber noch kein nennenswerter jüdischer Verbrecher aus der Bühne blicken lassen, und auch die gewaltsam hingeschlachteten Juden lassen ein wenig auf sich warten, so dass in dem antisemitischen Publicum eine dumpfe Missstimmung um sich greift. Man verlangt von dem genannten Adam, auf den man die blutigsten Hoffnungen gesetzt hat, und von dem man erwartet hat, dass er die semitischen Wucherer nur so aus dem Aermel schütteln werde, er solle Farbe bekennen, er solle sich in seinem wahren Adamscostüme zeigen. Und Adam windet sich und ziert sich, wie ein prüdes Mägdelein. Nun ja, das kennt man schon. Das sind die Richtigen! — Es steht zu erwarten, dass uns Herr Müller-Guttenbrnnn in Bälde wenigstens mit einem gefunden, kräftigen Shylock überraschen wird. Erwin Rosenberger. Eine Nreisarrsschreidung tin de siede. Bei der Chanukah-Bescherung, welche in den dankbaren Herzen der Beschenkten ein hell strahlendes Lichtlein entzündet hat, ist diesmal der kleinen Gemeinde derer, welche den Acker der Wissenschaft des Judenthums bestellen, nicht vergessen worden. Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde hat Jung und Alt, Berufene und Auserwählte, eingeladen, sich zum Wettkampfe um einen Preis einzufinden. Nach eingehenden Berathungen und langen Debatten einigte man sich -dahin, als Preisanfgabe „die Geschichte der A po lo getif" auszuschreiben. Sehen wir uns dieses Thema genauer an. Man hat sich offenbar bei der Wahl desselben von dem gewiss sehr löblichen und anerkennenswerten Motive leiten lassen, dass es in der traurigen Zeit, in der wir leben, in der gehässige, vergistete Pfeile gegen unsere heilige Religion geschleudert werden, dringend noththue, zu einer energischen wissenschaftlichen Abwehr zu schreiten. Und in der That birgt eine Geschichte der Apologetik eine Apologetik in sich. Allein eine andere Frage ist es, ob eine solche Arbeit geeignet ist, den Geist des Judenthums zu vertiefen, die Wiffenschaft des Judenthums zu befruchten und auf seinen ewig grünen und lebenskräftigen Baume neue Reiser zu pfropfen. Und diese Frage muss entschieden verneint werden. Sie verlangt Sammelfleiß, aber kein frisches, pulsierendes Denken; sie erheischt Receptivität, aber keine Productivität. Und wie wird Apologetik im Grunde am wirksamsten betrieben? Indem man das verschleierte Bild zu Scüs enthüllt, das zu Bertheidigende für sich selber und durch sich selber sprechen lässt, es in seiner wahren Gestalt zeigt, aus dem Schutte der Jahrhunderte ausgräbt, ihm mit einem Worte eine Renaissance bereitet. So haben auch die Begründer der modernen jüdischen Wiffenschaft die wahre Apologetik aufgesasst. Der geniale Leopold Z u n z sagte in seiner Schrift „Zur Geschichte und Literatur", der Grund alles Hasses gegen die Juden entstamme der allgemein herrschenden Unkenntnis über Wesen und Lehren des Judenthums. „So räume man denn," fährt er fort, „dem Geiste sein Recht ein; der Anerkennung des Geistes wird die der Personen folgen. Man erkenne und ehre in der jüdischen Literatur eine organische, geistige Thätigkeit, die, den Weltrichlungen folgend, auch dem Gesammtintereffe dient, die, vorzugsweise sittlich und ernst, auch durch ihr Ringen Theilnahmc einflöftt. Dieses stets nnbeschützte Schrifrthum, nie bezahlt, oft verfolgt, dcffen Urheber nie zu den Mächtigen der Erde gehörten, hat eine Geschichte, eine Philosophie, eine Poesie, die es anderen Literaturen ebenbürtig macht; werden, dies zugegeben, nicht die jüdischen Autoren und die Inden überhaupt alsdann das Bürgerrecht des Geistes erlangen müffen °? Muss dann nicht aus dem Born der Wiffenschaft Humanität sich unter das Volk ergießen, Verständigung und Eintracht erzeugend? So fiel denn in die Zeit der Schmach für die deutschen Inden zugleich auch die Geburtsstunde der jüdischen Wiffenschaft. Manches in dem von Zunz aufgestellten Programme ist heutzutage veraltet und die Geschichte ist darüber zur Tagesordnung übergegangen. Er hatte keine Ahnung davon, dass der Jude gut daran thäte, sich in die enge Nussschale seiner jüdischen Abstammung zurückzuzieheu, dass die von kräftigem, nationalem Geiste beseelten Dichterworte : „..-.. Sie reden von der Menschheit, Die großen Weisen mit dem Einmaleins! Doch Hab' ich satt schon lang das leere Stroh, Aas dem die Spreu der schalen Phrasen fliegt: Das allgemeine Menschliche, — die Menschheit! Ihr gegenüber bin ich viel zu klein: Du brauchst ein Volk, um Dich in ihr zu fühlen" auch für uns Juden ihre Geltung haben. Doch stimmen wir ihm vom Herzen gern darin zu, dass unser Heil in der inneren Läuterung des Judenthums und des jüdischen Lebens zu suchen ist. Der Vorstand der ersten Gemeinde, nicht nur unseres Vaterlandes, sondern Europas überhaupt, war sich dieses Cardinalprincipes nicht bewusst, als er gewiffermaßen zur Schaustellung des jüdischen Geistes eine Geschichte der Apologetik