Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Judenthum und Romantik
Date
1898-12-30
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315795-3365318--09805-3365447
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fit. 52 ÖWte S gieng die NatioyaliLätenbewegung aus, die in Europa, indem sie die Nationalstaaten zu geschlossenen Volksgebieten zusammenschweißte, zugleich einen großartigen materiellen Aufschwung bewirkte und die Industrie zu ungeahnter Höhe steigerte. Im Bunde mit dieser Industrie drang dann der Nationalitätsgedanke ostwärts vor und begann den Orient stufenweise zu europäisieren. Die Juden, recht auf der. Grenzscheide zwischen Europa und dem Osten stehend, mussten von der industriellen und nationalen Tendenz zugleich, also von der Romantik in ihrer modernsten Gestalt, ergriffen werden. Unserer zionistischen Bewegung haben nicht nur ein Marco Polo, ein James Cook, ein Rousseau, Herder und Friedrich' Schlegel vorgearbeitet, auch ein Stephenson, der die Eisenbahnen erfand, auch der Mann, der den ersten Telegraphendraht spannte, . auch der Erfinder der Dampfmaschine, auch ein Edison, der genialste Entdecker der Neuzeit. Ferner hat auch das geistige Antlitz der Romantik in neuerer Zeit eine andere Physiognomie angenommen, die gleichfalls der zionistrschen Bewegung ermunternd zulächelt. Man betrachtet Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht mehr mit lyrischen, veilchenblauen Unschuldsaugen, sondern mit einem harten und unerschrockenen Psychologenblick, der auch unangenehmen und entsetzlichen Wahrheiten in das Weiße ihres Augapfels zu blicken pstegt und doch dabei an die unverwüstliche Einheit, Fortdauer und Fortentwicklung des^Lebens zu glauben wagt. Friedrich Nietzsche, dieser größte Neuromantiker, hat einen entschlossenen, stolzen und heldenhaften Individualismus gepredigt, der, ganz wie bei den Romantikern, das Hauptgewicht auf die Naturseite des Menschen legt, auf seinen ungebrochenen Jnstinct, auf seine Empfindungs- und Phantasiekraft, auf das Organische und Rassenhafte seiner Veranlagung. Aber nicht wie die alten Romantiker, die geschwächten, passiven und träumenden, vegetativen Gefühlskräfte verherrlicht Nietzsche, sondern gerade die starken und elementaren, manchmal raubthierartigen und unwiderstehlich fortreißenden Gewalten in der Menschenbrust. Ihm ist die Vergangenheit kein angenehmes, süß schwellendes Daunenbett für den Träumer, sondern ein Sprungbrett, von welchem aus ein verwegener Geist sich mit gewaltigem Sprunge in die erschreckenden Fernen einer unbekannten Zukunft hineinschleudert. Das ist schon nicht mehr nur Romantik, sondern schon industrielle, naturwissenschaftliche Romantik, die das Rädergeschwirr und Dampfgebrüll der modernen Maschinen und die unerschrockene Härte der modernen Naturwissenschaft in ihre Dienste stellte. Und da ist es ein gutes Zeichen für uns, dass Nietzsche, wenn er nicht gerade seinem Ressentiment gegen das Christenthum Luft machte, immer eine sehr hohe Meinung von den Juden hatte. Er pries die jahrtausendlange Dauer und Urwüchsigkeit ihrer Rasse und deutete einmal an, dass die Judenfrage zu einer Lösung hinstrebe, dass vielleicht wieder ein zweiter Exodus, wie einst im alten Aegypten, bevorstände. Die besten und auserlesensten Exemplare wünschte er freilich als Züchtungs¬ und Verschmelzungsmaterial für die ihm vorschwebende Herrenclasse guter Europäer zu gebrauchen. Denn der Gedanke der Einheitlichkeit des Menschengeschlechtes, der einst im Gehirn der alten Romantiker geglüht hätte, war in der concreteren Gedankenwelt Nietzsches zu der Conception einer Einheitlichkeit zuerst der europäischen Culturmenschheit geworden. Die kleine auserwählte Aristokratie, der er die Herrschaft über diese engere Gesammtheit zudachte, sollte aus dem besten Material der einzelnen Völker gebildet werden, denen er darum auch kein Hinschwinden wünschte, keine Absorbierung, sondern im Gegentheil Bewahrung und Consolidierung, um für seine Herrenclasse dieses ungeheure Reservoir nicht zu verlieren. Das alles bedeutet der Ausdruck „guter Europäer", und Nietzsche sprach damit einen Gedanken aus, der in unvollkommener und reactionärer Form schon den alten Romantikern oorschwebte, als sie die nachmals berüchtigte „Heilige Allianz" vorbereiteten, Nietzsche, der große Erdball Politiker, dachte dabei keineswegs an Europa in engerem Sinn, sondern an eine großartige Colonisierung im höchsten Stil,und bei seinem Plan, den Orient zu occidentalisieren, rechnete er in erster Reihe auf die wertvolle Mithilfe der Juden. Ein Schüler Nietzschest der Rembrandtverfasser, der sich mehr auf den nationalindividualistischen als auf den europäischen Standpunk, stellte, tadelte folgerichtig die Afsimilierungs- und Selbstentäußerungswuth der modernen Reformjuden und pries im Gegensatz dazu sogar die Orthodoxen. Hier findet ein theilweiser atavistischer Rückschlag der modernen in die alte Romantik statt, wodurch sich aber auch deutlich offenbart, in welchem innigen Zusammenhänge der Zionismus mit einer geistigen Bewegung steht, die vor nunmehr hundert Jahren in Deutschland ihren Ausgang nahm und dabei selbst ein ganzes Jahrhundert zu ihrer Voraussetzung hatte. Wir sind uns klar, dass unsere Bestrebungen das letzte Glied einer Kette darstellen, die sich fast zweihundert Jahre hinter uns zurückverfolgen lässt. Und darum ist es thöricht, unsere Bewegung, die aus dem innersten historischen Kern der Verhältnisse herausgewachsen ist, als ein Machwerk der Willkür zu bezeichnen. Die langsam vorbereitende Vergangenheit des Zionismus verbürgt ihm eine große Zukunft. P Me Woche. Wien, 28. December 1898. Die Weihnachtswoche! — Das ist, wie wir ja aus der einschlägigen Literatur wissen, eine gar holde Woche. Droben schweben seraphische Gestalten mit den standesgemäßen silbernen Fittichen über die träumende Erde hin und streuen Liebesgaben hinab auf die angenehm überraschte Menschheit, welche bekanntlich bei einer solchen Gelegenheit stets in Hütten und in Palästen zu 'wohnen pflegt. Aber abseits von der angenehm überraschten Menschheit steht eine Anzahl Personen, Männer, Frauen, Kinder, in deren Gesichtszügen der. gewiegte Physiognomiker jüdische Stammeseigenthümlichkeiten neben einer gewissen Wehmuth entdecken wird. Die Abseitsstehenden blicken empor zu den Gestalten, die das schwierige Flugproblem in so einfacher Weise gelost haben, und seufzen, wie einsame Junggesellen. Sie mögen zu laut geseufzt haben, ein Seraph hat eS vernommen. Und ein erbarmungsvolles Lächeln verklärt sein strahlendes Antlitz. In unsere irdische Umgangssprache übersetzt, müsste dieses Lächeln etwa heißen: „Ihr sollt nicht leer ausgehen, Ihr sollt auch Eure Freude haben." Und der Seraph greift in das Körbchen, das die Liebesgaben birgt, und mit jener schönen Geste, die dem Säemann eigen ist, streut er einen Schwarm flatternder Papierzettel ins Land. Die Papiere enthalten eine lakonische Bemerkung: „Kaust nicht bei Juden!" Aus Amerika kommt eine merkwürdige Nachricht. In New- Jersep, wo jetzt die Influenza stark grassiert, musste die Behörde den Leuten das Küssen verbieten. Ei« naiver Historiker der Zukunft, dem dieser Erlass der Sanitätspolizei zufällig in die Hände kommt, wird sich die Zustände unseres Jahrhunderts recht sonderbar ausmalen müssen: — Eine Engländerin fragt aus dem Verdeck eines Dampfers ihren Reisebegleiter: „Wie weit sind wir noch von der amerikanischen Küste entfernt?" „Etwa 20 Meilen." „Horchen Sie, wie stark die Brandung ist! Ich höre ganz deutlich das verworrene Geräusch!" „Mir ist es auch schon ausgefallen. — Merkwürdig!" Ein Matrose, der zufällig mit einem Bündel Taue vorübergeht: „Sie irren, meine Herrschaften. Was Sie für die Brandung halten, ist bloß das Schmatzen der Bevölkerung. Sie wissen ja, dass die Leute sich den ganzen Tag in der leidenschaftlichsten Weise küssen. Das ist so Brauch in Amerika." Die Engländerin, erröthend: „Das Hab' ich ganz vergeben. — Ach,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.