Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 52 (30.12.1898)
- Article
- Kleinjuden
- Date
- 1898-12-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 erklärte dem Klein-Engländerthum den Krieg. Benjamin Disraeli warf den Reichsgedanken ins Volk, er war der erste englische Staatsmann, der nach einem größeren Britannien (Kreuter Britain) verlangte. Wie wurde dieser ekste Groß-Engländer verlacht und verhöhnt, wie hat ihm die kurzsichtige Verständigkeit der Klein-Engländer die letzten Jahre seines Lebens verbittert! Und jetzt? Die einst so große Partei der Klein-Engländer ist einfach vom Erdboden verschwunden—der alte Labouchere ist Führer und Partei in einer Person. Seit England eine parlamentarische Verfassung besitzt, hat es noch keine so starke Regierung besessen; Lord Salisbury macht Fehler über Fehler — es schadet weder ihm, noch der conservativen Partei, die er vertritt. Woher nimmt dieses Cabinet seine Stärke, wie erklärt sich die in der englischen Geschichte beispiellose Erscheinung einer Regierung ohne Opposition? * Die Quelle von Salisburys unbeschränkter Macht ist der jetzt allbeherrschende Zauber des. großenglischen Gedankens, eines kühnen, aber von den Umständen dringend geforderten Gedankens, der sich über die engen Schranken des Thatsächlichen und Gegenwärtigen zum Nothwendigen, Möglichen, Künftigen erhebt. Ein England, das nur an England denkt, ist heute ein unmögliches Ding, so wenig als Deutschland sich damit begnügen kann, Ost- und Nordsee nur als Fischteiche zu benützen, so wenig als Frankreich die alte kindische Prahlerei aufrechterhalten kann, dass es sich selbst vollkommen genügt, so wenig als Russland daran denkt, Samarkand als den Endpunkt seines asiatischen Besitzes zu betrachten. England ist zu der Ueberzeugung gekommen, dass es heute in rein ökonomischer Beziehung unmöglich ist, „unter seinem Feigenbäume und seiner Rebe" zu sitzen und die übrige Welt zu ignorieren. Heute, in dieser Stunde, wird die Welt politisch umgestaltet; wehe dem Volke, das die Stunde versäumt! Und in eben diesem, vom großenglischen Gedanken beherrschten Jnselreiche, ist das Kleinjudenthum in den „bodenständigen" Kreisen, die mindestens seit' hundert Jahren (!) Engländer sind — die großen Familien, welche auf die Einwanderung von 1656 zurückkehren, lassen sich an den Fingern abzählen — nicht dazu zu bewegen, das Schicksal unseres Volkes vom Gesammtstandpunkte, von der Höhe eben dieser englischen weltumfassenden Politik zu betrachten. Man sagt einem solchen Kleinjuden, dass seine Brüder im Osten ^von Europa, im Norden von Afrika einen verzweifelten Kampf um ihre nackte Existenz kämpfen — er subscribiert ein Pfund Sterling, wie er einem unbequemen Schnorrer einen Sixpence hinwirft; man sagt ihm, dass der Antisemitismus auch in England erwacht — „ja, ja," sagt er, „die Fremden sind den Engländern nicht sympathisch" : man beweist ihm, dass unser Culturleben, unsere Religion in dem und jenem Theile des Coutinents in größter Gefahr ist, weil der Druck der Gegenwart so groß und die Hoffnung auf die Zukunft so klein ist — „wenn die Juden dort wirklich so irreligiös sind, dann ist der Antisemitismus in jenen Ländern begreiflich". Er, der englische Jude, steht als Ausnahmsjude in der Welt, er ist der Auserwählte innerhalb des auserwählten Volkes, er ist das Judenthüm — und er hat sich über nichts zu beklagen. Das Vorhandensein so vieler Kleinjuden im großenglischen Britannien ist wohl die traurigste Erscheinung unter den vielen Symptomen jüdischer Entartung. London, im December 1898. v I»dr«th«m a«d Ro«a«tik. Von S. Lublinski (Schluss.) Die ersten Romantiker und ihre Epigonen nahmen ihren Standpunkt viel zu hoch, indem sie zu glauben schienen, ein Volk wäre nur dazu da, Literatur und Mythologie und allenfalls gloire zu producieren. Ihre politische Einwirkung fiel in eine Zeit, wo die sociale Frage noch nicht actuell geworden war und sich darum die große Maffe der Gebildeten wirklich für diese rein geistige Ansicht der Dinge empfänglich zeigte. Als daher in den Tiefen und Unterschichten die sociale Frage sich zu regen und zu kochen begann, als gleichzeitig gerade in Deutschland förmlich über stacht eine moderne Industrie emporblühte, da zog auch eine Krise für die nationale Romantik herauf, die, so schien es, im materiellen Strudel ganz versinken musste. Aber sie versank nicht; sie bildete sich nur um und stellte die neuen Kräfte in ihren Dienst. Die Industrie wurde nationalisiert und musste sich sogar Schutzzölle gefallen lassen, und mit kluger Berechnung wies frühzeitig ein Ludwig Bamberger darauf hin, dassnur die consolidierte politische Einigkeit imstande wäre, die deutsche Industrie zu sichern. Gegenüber dieser Thatsache half es nichts, dass sich das Proletariat international organisierte, da gerade in entscheidenden Momenten, zum Beispiel 1876, diese Jnternationalität versagte, so dass die consequenten socialistischen Führer sich von ihren eigenen Soldaten verlassen sahen. Es war wie in den Anfängen der Romantik: auf großartiger universaler Basis wurde ein ungeheures Material gesammelt, und wie früher eine internationale Wiffenschaft. so schien nunmehr sine internationale Industrie Heraufziehen zu wollen. Aber auch hier trat im entscheidenden Momente eine Complication von Ereignissen ein, durch welche die Industrie gezwungen svurde, sich in den einzelnen Ländern national zu concentrieren und zu consolidieren, ohne dass, wie früher bei der Romantik, ihre expansive Tendenz dadurch beeinträchtigt wurde. Ueberall, wo die Industrie zu einem von der Weltgeschichte scheinbar längst vergeffenen Volke hingelangte, erweckte sie auch wieder neues nationales und politisches Leben. Die Nationalitätsbewegungen fast aller Slaven, der Czechen so gut wie der Russen, wurden fast ebenso sehr von der Industrie wie von der Romantik beeinflusst und namentlich der Gegensatz, in welchen die Russisch-Nationalen schließlich zu den Juden traten, war ebenso, wie der Antisemitismus in Deutschland, von nationalen und wirtschaftlichen Momenten zugleich bedingt. Dadurch erhielt die Romantik, als sie an die östlichen Juden herantrat, von vornherein eine ganz neue, ganz moderne Gestalt. Die sociale Judennoth verbündete und verschwägerte sich unauflöslich mit den moralischen und nationalen Fragen. Wohl lebte die Vergangenheit wieder auf und spendete Trost und Hoffnung - auf eine bessere Zukunft. Aber die Härte und Thatsächlichkeit der Gegenwart ließ phantastischen Chimären nach der reactionären Art der alten Romantik wenig Spielraum, schon weil auch die jüdischen Reformer und Liberalen aller Schattierungen bei der Gestaltung der nationalen Idee ein Wort mitzureden . hatten. Unwillkürlich, instinctiv richtete sich der Blick der Führer und Officiere der nationalen Bewegung auf die europäische Industrie, und man begann zu berechnen, wie Eisenbahnen, Fabriken und moderne Geldwirthschast auf das heilige Land und auf den gesammten Orient wohl wirken würden. Diese Betrachtungen offenbaren ein sehr richtiges Gefühl für den Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung. Der steigende Weltverkehr hatte einst den Orient und Occident genähert und dadurch eine geistige Gährung heroorgebracht, die in der Romantik ihren entsprechenden Niederschlag fand. Von der Romantik