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Die Welt · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-12-23
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 1k Uh. M Jsak schien die gegen ihn gekehrte Spitze dieses Satzes nicht verstanden zu haben oder wenigstens nicht verstehen zu wollen. Er forderte den Arzt freundlich auf. recht bald wieder vorzu sprechen, was dieser jedoch höflich ablehnte. Seine Zeit sei so sehr in Anspruch genommen, und das Kind bedürfe wohl einer sorgsamen Pflege, wie sie ihm ja auch durch die Mutter zntheil werde, nicht aber eines Arztes. Als aber Frau Arabella ihre großen, glänzenden Angen stumm bittend auf ihn richtete, lenkte er ein und versprach, wenn irgendwie möglich, in einigen Tagen wieder vorznsprechen. Die kurze Unterredung vorher und die seltsame Scheu, welche die neue Base im Verkehr mit ihrem Gatten zur Schau trug, hatten David raschen Einblick in dieses merkwürdige Familienleben gestattet. Es bedurfte keiner allzu scharfen Menschenkenntnis, uni in Arabella eine jener durchaus edlen, vornehmen Fraueugestalten zu entdecken, die der alte Stamm Israel zu jeder Zeit erzeugt. Das Beftemdende aber war, wie diese so reich veranlagte Natur unter dem Banne der mächtigen Intelligenz Jsaks stand. Die Entschiedenheit, mit der sie den Gedanken einer zeitweiligen Trennung zurückgewiesen, war der deutlichste Beweis ihrer Neigung. Wie hell und glücklich hätte sich ein Leben an der Seite ' eines solchen Weibes gestalten können! So aber wurden all diese reichen Möglichkeiten nur dazu verwendet, um die spärlichen Mußestunden eines rastlosen Abenteurers zu verschönern. Und Jsak fand das ganz in der Ordnung. Dem Klugen und Starken war ja die Welt geschenkt. David sollte indessen nicht dazu kommen, sein Versprechen zu erfüllen. Noch im Lause derselben Woche war er genörhigt, plötzlich eine Reise anzutreten und als er wiederkehrte. wurde ihm durch den Portier des „Goldenen Lammes" der Bescheid, Herr und Frau Goldschild seien bereits abgereist. IX. Den Grund jener plötzlichen Reffe Dr. Davids bildete ein gar trauriges uud schreckhaftes Ereignis. Wie der Arzt aus Jsaks Munde schon bei dessen erstem Besuch in Wien erfahren, hatte sich die Freizügigkeit für die jüdische Gemeinde in Chiesch als äußerst verderblich erwiesen. Ein Glaubensgenosse nach dem anderen zog in die Fremde, wo reicherer Gewinn winkte. Nur die alte Sarah und Rüben harrten standhaft aus. den Schiffern gleich, die das sinkende Boot nicht verlaßen wollen. Aber schließlich konnte der Rabbiner seines Amtes nicht mehr walten. Tue Zahl der Anwesenden, die das Gesetz zur Abhaltung eines Gottesdienstes vorschreibt, ließ sich nicht mehr in der Synagoge vereinen. An einem stürmischen Winterabend war Rüben in das Stübchen der Aepseljüdin eingetreren nnd hatte ihr kurz ur.d bündig die Frage vorgelegt, ob sie bereit sei, ihm zu folgen. Aus einem entlegenen polnischen Städtchen sei der Nus an ihn ergangen, die Sorge um die dortige Gemeinde zu übernehmen. Es handle sich um einen gefährdeten Posten, wo ein kleines Häufchen Strenggläubiger inmitten der Neu-Chassidäer das Panier hochhielten. Die alte Sarah hatte ihren Sohn ruhig angehört. ' Daun aber — als er ihr anseinandergesetzt, welches harte Leben und welche gefahrvolle Reise ihm bevorstünde — war sie mit jener selbstlosen, stolzen Entschloffenh.it aufgestanden, hatte ihre Krücke ergriffen und sich zur Wanderung bereit erklärt. Schon nach wenigen Tagen brachen sie auf. Noch einmal flackerte die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die die jüdischen Gemeinden stets ausgezeichnet, auf. Herr Aron Spitzer aus Lubenz spendete ein altes Pferd, Salomon Blau aus Lnditz einen auf Kufen gestellten Leiterwagen. Herausgeber: P. Auf dieses Gefährte wurde der spärliche Hausrath der Goldschilds gepackt. Die alte Sarah nahm auf dem Vordersitze Platz, einen großen Korb mit Acpfeln als Labsal zu ihren Füßen. Neben ihr saß der Rabbiner, der die Zügel führte. So traten sie am 18. December die Reise an. Aber sie sollte nur kurz währen. Schon in der Nähe von Pilsen überraschte sie bei hcra.:- brechender Nacht ein heftiger Schncesturm. Das alte Pferd war den Austccngungeu des Marsches nicht gewachsen. Auf offenem Felde brach es zusammen. Nur noch eine kleine Stunde --- und sie hätten die schützenden Mauern der Stadt erreicht. Vielleicht.wussten sie es und konnten sich nnr nicht entschließen, den alten Hausrath in Stich zu lasten. Vielleicht auch ahnten sie nicht, wie nahe die Hilfe war. Keiner hat es je zu ergründen vermocht. Denn am anderen Morgen fanden Bauern den im Schnee steckenden Schlitten. Das Ross und die Kufen des Gefährtes waren gänzlich von der glitzernd weißen Maste verweht, so dass die beiden erfrorenen Menschen wie auf einem hellen, herrlichen Throne ruhten. Die alte Sarab saß aufrecht auf ihrem harten Sitze. Ihr mageres, strenges Gesicht hatte der entsetzliche Tod nicht zu verändern vermocht. Zu ihren Füßen, den Kopf mit dem langen Barte müde in ihren Schoß gebettet, ruhte der Rabbiner. Auch er schien sanft zu schlummern. Die erstarrte Faust hielt noch das Leitseil des todten Pferdes umklammert. Mutter und Sohn hielten die Augen offen und das Antlitz erwartungsvoll nach Osten gerichtet! Nach jenem erbarmungslosen Osten, von wo der Rabbiner einst das Aufsteigen eines zweiten leuchtenden Sonnenballes erwartet. Unter ihren Papieren fand man Davids Adreffe. Daher wurde er telegraphisch von dem Geschehnisse verständigt. Es vergiengen jedoch Wochen, ehe er den Muth fand, Karl Raphael die volle Wahrheit zu gestehen. Für die Todtcu war der überlebende Sohn ja längst gestorben. Aber ein noch schwerer wiegender Umstand brachte cs mit sich, dass man im Hanse des Paramentenhändlers nicht allzu sehr dem Rabbiner nachtrauerte. Frau Lisi versprach nach fast sechsjähriger Ehe, dem Hause Goldschild ein neues Reis zu schenken. Diese Hoffnung erfüllte alle Mitglieder der Familie mit den reichsten Erwartungen. Und als einige Monate später Dr. David ans dem festen Schlafe geweckt und eilends zu den Verwandten in die Mariahilserstraße gerufen wurde, fand er den Paramentenhändler mit glückstrahlendem Gesichte in der Stube auf- und abgehend und ein in weiße Linnen, gehülltes, unförmliches Packet in den Armen wiegend, das sich bei näherer Betrachtung als der erwartete Stammhalter erwies. (Fortsetzung folgt.) Kriestastea der Rcdattion. Zionisten, Krementfchng. Herzlichen Dank und Grüße. An die p. t. zionistische« Vereine. Ein Theil der Festberichte über die Makkabäerfeiern folgt demnächst. M. Lipsch . . Lemberg. Besten Dank. Bericht bereits von anderer Seite erhalten. An die löblichen Zionsvereine. Wir bitten die löblichen Vereine, deren Ankündigungen uns in immer größerer Zahl zugehen, dieselben möglichst kurz abzufaffen. Die Zeit der Veröffentlichung muss sich natürlich die Redaction Vorbehalten. An gutem Willen fehlt es uns nicht, wohl aber an Raum. Chewruffa Bielitz. Herzlichen Dank und fteundliche Grüße. L.rtptzauer. Berantrv. Red.: Dr.Sdeam. Merrver. Buchdrucker« „Industrie" (S. Bergmann), VUI. Schlösselg. 11

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