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Die Welt · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Article
Unsere Palästinafahrt
Date
1898-12-23
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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3<t. 51 persönlicher Sicherheit, an jeder Straßenecke zwei russische Militärposten mit ansgepflanztem Seitengewehre zu sehen. Außerdem sah man alle paar hundert Schritte zwei hochaufgeschossene montenegrinische Mordsgesellen in rothen Vlouscn, mit geladenen Pistolen im Gürtel. Dazwischen saßen türkische Wachtposten zu Dutzenden beim Kaffee und der Cigarette. An einigen besonders malerischen Stellen machten wir photographische Aufnahmen, wozu die Militärbehörde der Besatzung die Anordnungen traf. Hierauf gieng's hinauf zur Citadelle. Bei derselben stellte sich auch der Gouverneur der Festung, Oberst Soliman Bey ein, voraussichtlich der letzte türkische Cvmmandaut der Stadt Rethymo. Der gute Herr konnte einem in der Seele leid thun, war er doch in einer überaus peinlichen Situation. Gegen die russische Besatzung hatte er die Pflichten der Gastfreundschaft. Die Zurückziehung der türkischen Besatzung war zwar im Priucip bewilligt, jedoch schwebten noch die Verhandlungen mit den Großmächten über die Einzelheiten. Noch war der Türke der Form nach Herr im Lande, hier wurde aber auch die Form nicht beachtet, indem die Russen sich völlig häuslich eingerichtet hatten. Leicht war es vor einigen Tagen noch möglich, dass die Herren, welche jetzt freundschaftlich ihre Hände drückten, sich gegenseitig mit Kanonenkugeln begrüßten. Die türkischen Truppen machten auch hier einen guten kriegerischen Eindruck. Nur schien die Nahrung ungenügend, und war Uniform und Schuhwerk furchtbar verwahrlost. Auf den Festungswerken alten Systems waren zwei große Krupp'sche Festungskanone:: aufgestellt. Alles Ucbrige war unbrauchbares Eisen, das lediglich als Antiquität Wert besitzen konnte. Insbesondere wurden uns einige Geschütze aus Bronze gezeigt, die der venetianischen Zeit entstammten (Opus Alborceti) und einige türkische Gussrohre, die 150—250 Jahre alt waren. Bon der Citadelle genießt man einen wunderbaren Rundblick über Meer und Land. Lichtblau glänzte die See mit einem smaragdgrünen Sireifen am Strand. Soliman Bey strahlte vor Vergnüge.!, als er unser Jntereffe an diesen Gegenständen bemerkte. Cr ist dem Anschein nach recht froh, dass er nicht genöthigt ist, auf die russischen Schiffe zu schießen, welche die Festung zweifellos in kürzester Frist in einen Trümmerhaufen verwandelt hätten. Admiral Skrydlow machte uns noch besonders darauf aufmerksam, dass die Schiffskanonen nur ans die Citadelle, nicht ans die Stadt gerichtet waren. Er erzählte mit Befriedigung, dass Rethymo die einzige größere Stadt sei, welche von den europäischen Besatzungstruppeu noch nicht beschossen worden sei. Der Dragoman, ein Moslem aus Rethymo, erzählte mir, die Bevölkerung sei vernünftig und kein Excess zu befürchten, doch sei dieselbe sehr niedergeschlagen und ängstlich, dass ihr die europäischen Besatzungen nicht den uöthigeu Schutz gegen ihre christlichen Landsleute angedeihen ließen. Admiral Skrydlow und die Officiere sind natürlich sehr zuversichtlich, sie zweifeln nicht daran, dass die Christen sofort nach dem Abzug der türkischen Truppen ihre Gewehre abliesern. Die Anwesenheit der letzteren sei das einzige Hindernis des Friedens. Einige türkische Weiber beobachteten neugierig hinter den vergitterten Fenstern unseren Abstieg von der Citadelle. Hübsche freundliche Häuser rechts und links. Lachende Kinder sitzen am Wege und Haufen von Soldaten und Bürgern, welche die sonderbaren fremden Eindringlinge betrachten. Was mögen sie in ihren: Lande wollen, das ihnen selbst kaum die nöthige Nahrung gewährt? Auf dem Rückweg besichtigten wir eine griechische Kirche, die offenbar kurz vorher erst frisch getüncht worden war. Ein kretischer Priester kam des Weges und drückte dem Oberst Schostak verbindlich die Hand. Einen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte der Kreter nicht. Das langgewachsene Bart- und Haupthaar vermehrte den fanatischen Eindruck des Blickes. Der türkische Commandant wollte uns rasch noch eine türkische Schule zeigen. Die kleinen Schüler erhoben sich ehrfurchtsvoll von ihren Sitzen, allein Oberst Schostak schien dem Landfrieden nicht mehr zu trauen, denn er ließ uns durch einen Ordonnanzofficier bitten, rascher zu gehen. Als wir herauskamen, hatte ein Tiieil von uns auch richtig die anderen Herren ans dem Gesichtskreise verloren. Wir irrten unter der Führung eines höchst zuversichtlichen französischen Correspondenten durch einige Straßen der Stadt, bis wir plötzlich ans Stadttbor kamen. Da hielt ich cs denn für gerathen, Kehrt zu machen, um nicht , mit einigen verlorenen Kugeln moslemischer oder christlicher Provenienz Bekanntschaft zu machen. Bei einem russischen Militärposten lenkten wir zum Quai ein und zogen längs desselben zum Hasen; dort fand sich ein junger russischer Osncier, welcher der französischen Sprache mächtig war. Wir hörten von demselben, dass unser Capitän bereits zum Schiff znrückgefahren sei. Ein bereitwillig zur Verfügung gestellter Posten führte uns zu Oberst Schostak, der sich in dem Hause eines reichen Griechen einquartiert hatte. Dort trafen wir die ganze übrige Gesellschaft in heiterer Stimmung, Kaffee und Cognac trinkend. Nachdem wir die hübsche Aussicht vom Dache eines Gartenhauses bewundert hatten, wurde - eine Runde Sect aus der Offfciersinette gespendet, der insbesondere Soliman Bey recht gut zu munden schien. Herzlich verabschiedete man sich mit gegenseitigem Dank an der Landnngstreppe. Der Admiral, mehrere Officiere und Oberst Schostak begleiteten uns an Bord. Beim Abschiede bemerkte Oberst Schostak zu Soliman Bey: „Monsieur Io Commamlflnt, g<r revienclra?.« Die bezeichnende Geberde Solimans bewies, dass er den Sinn dieser Worte sehr wohl verstanden hotte. Sie konnte heißen: Allah fjat es so gewogt, ich kann es nicht ändern. Historisch wird es immer merkwürdig bleiben, dass eine so wichtige Insel, welche zwei Meere beherrscht und deren Eroberung dem türkischen Reiche so ungeheuere Geldmittel und Menscheiwpfer gekostet, nunmehr ohne eiuen Flintenschuss aufgegeben wird. Kismet. An Bord wurde in heiterer Stimmnng das Mitlagmah! eingenommen und auf unsere Anregung von dem Schriftsteller Rens B a z i it ans Paris ein Toast aus die Einigkeit des europäischen Concertes ansgebracht. Ein russischer Schriftsteller.toastete aus den Admiral, und ich erlaubte nur, in deutscher Sprache ein Hoch auf unseren wackeren Capitän auszilbringen. Unter Hnrrah-Rnsen ftrhren die russischen Officiere in ihren schnellen Schaluppen ab. Wir glitten die Front der russischen Kriegsschiffe entlang, ans welchen die Musik verschiedene Nationalhymnen spielte. Wie die Riffen kletterten Hunderte von Matrosen die Strickleitern empor. Dutzende von Tüchern wehten, lautes Hnrrah ertönre aus kräsrigeu Männerkehlen, und so war ein Tag verstrichen, der zu den merkwürdigste:: unserer Reise gehört. Noch stundenlang, als wir die gebirgige Küste Kretas entlang fuhren, gedachten wir des reizenden Städtchens, und erst als wir uns gegen 12 Uhr znrückzogen und der Leuchtthurm des äußerste:: kretischen Felsens zum letztenmale zu uns herüber blitzte, da hieß es: „Fmis Kietac“. Das war das Ende von Kreta. (Fortsetzung folgt.) Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (39. Fortsetzung.) Aber damit gab sich Jsak nicht zufrieden. Mit einem energischen Rucke der lange:: Finger die Pulswärmer, denen er trotz seiner eleganten Kleidung treu geblieben war. zurecht zupfend, rief er heftig: „Leben! Leben! — Wird es aber auch ein vernünftiger, kluger Mensch werden?" Das schöne Gesicht Frau Arabellas färbte sich mit dunkler Röthe. Sie beugte sich über den kleinen, hässlichen Moriz hernieder und strich ihm liebreich die blaffen Wangen. Die brutale Rücksichtslosigkeit des Vetters empörte Tvctor David. Kalt und doppelsinnig erwiderte er daher: „Es wird davon abhängen, ob Du es verstehen wirst, den Kleinen zu rinem vernünftigen Manschen zu erziehen!"

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