Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Article
- Brünn [Nachricht]
- Date
- 1898-12-23
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Rr. 51 Br»»». Die Sonntag den 18. Dec. vom Vereine „E m un ah" in den großen Redoutensalen veranstaltete Makkabäerfeier gestaltete sich geradezu zu einer Siegesfeier des Zionismus. Die beiden Herren vom Actionscomite, Architekt O. Marmorek und Tr. L. Kahn, welche vom Bahnhofe von einer ansehnlichen Deputation abgeholt wurden, hatten zwei Stunden spater Gelegenheit, ein zahlreiches Publicum von etwa 700 Personen, festlich geschmückt, ihren Reden entgegenharren zu finden. Zu diesem Massenbesuche dürften nicht wenig die Erfolge der Zionisten anlässlich der letzten Eultuswahlen oeigetragen haben. Herr H i ck e l eröffnete die Versammlung. Von Herrn Dr. Herzl war ein längeres Telegramm eingelaufen, in dem er die Vrünner Zionisten zu ihrem Feste beglückwünschte. Die Begrüßungsrede sprach der Präses der „Emunah". Hieraus hielt Herr Architect £>. Marmorek einen sehr ausführlichen, häufig von Beifall unterbrochenen Bortrag über die Zwecke und Ziele des Zionismus. „Seit mehr als 20 Jahren werden^die Juden systematisch auf allen Linien mit den schärfsten Wapen und den brutalsten Mitteln angegriffen. Aber ihre hauptsächlichste Sorge ist nicht etwa, des Angriffs muthig sich zu erwehren, sondern nur die Außenwelt glauben zu machen, dass dieser Angriff ein vereinzelter, vorübergehender sei. Das muss anders werden. Der Jude muss sich selbst wiederfinden und seine Vergangenheit, aber auch seine Zukunft kennen. Es ist unrichtig, zu glauben, dass selbst in Ländern, wo der Antisemitismus noch kein brutaler ist, der Judenhass nicht bestehe. Entweder ist er noch zu schwach, als dass er sich hervorwage, oder die Juden wollen sich und andere glauben machen, dass er nicht da sei, dass sie ihr Volksthum endgiltig aufgegeben hätten. Wir, ich glaube die grüßte Mehrzahl der hier Versammelten, glauben aber noch an die Lebenskraft des Judenthums und schämen uns nicht, Juden zu sein (lebhafter Beifall), schon aus dem Grunde, weil unser Judenthum etwas Natürliches, Angeborenes, Unabstreifbares ist. Wir sind der Ansicht, dass wir keiner anderen Nation inferior sind (lebhafter Beifall), und das, was wir bei anderen Völkern bewundern, die Liebe zum eigenen Volke bis zum letzten Athemzuge, wir wollen es auch bei uns nicht vernachlässigen." Hierauf besprach der Redner die verschiedenen Wege, welche chie Juden in der Hoffnung auf Rettung eingeschlagen haben. Treffend und klar waren seine Ausführungen über die Aussichten, welche der Socialismus resp. die Socialdemokratie den Juden biete. Den Juden, welche unter der Last ihres Elendes und der Feindschaft der Andersnationalen leiden, werde auch diese Bewegung nicht die erhöhte Erlösung bringen, wenn es nicht früher gelinge, sie als Volk in ihrer Heimat zu coystituieren und sie in Freiheit und Gerechtigkeit an dem Werke der Civilisation Mitarbeiten zu lassen. Der reiche Beifall, den die Versammelten dem Vortragenden spendeten, bewies den tiefen Eindruck, den der Redner auf seine Zuhörer geübt hatte. Unter lebhaften Zurufen bestieg nun Herr Dr. L. Kahn die Rednertribüne. In seiner bekannten geistreichen Weise führte er den Nachweis, dass die zionistischen Ziele sich im strengen Bereiche der Möglichkeit befänden.' Er wies auf die achtunggebietenden Colonisations-Errungenschaften in Australien und Transvaal hin, die schier das Wörtchen „unmöglich" aus dem Wörterbuche gestrichen. Sollte dies Beispiel nicht auch für die Juden gelten? Der zweite Baseler Congress habe lebhaft bewiesen, welche Attractionskraft der Zionismus besitze. In einem Jahre habe die Bewegung gewaltig zugenommen. Nach einem Rückblick über die lehre Geschichte der Juden schloss er mit einem Appell an die Versammelten, sich mit aller Wärme der nationalen Bewegung hinzugeben. Der oft von stürmischem Beifall unterbrochene Vortrag wurde am Schluffe vom Auditorium mit jubelndem Enthusiasmus ausgenommen. Nach einer kurzen Pause ergriff Herr Dr. Kahn neuerlich das Wort zu einer Ansprache an die Damen, welche bei letzteren große Begeisterung erweckte. Es sprachen noch der Obmann des Zionsvereines, Dr. Schreier, und das Vereins Mitglied Herr Weißberg. Die Reden wurden lebhaft acclamiert. Aus den officiellen Theil folgte ein Tanzkränzchen, welches die Versammelten noch bis in die frühesten Morgenstunden in fröhlichem Kreise beisammenhielt. Die „Ernunah" kann mit dem erzielten Erfolge vollständig zufrieden sein. Krakau« Der hiesige zionistische Verein „Easehaehar“ veranstaltete Sonntag, den II. December a. c. im Hotel Royal ein Makkabäerfest, das einen sehr erhebenden Verlauf nahm. Stuck, zur. Gold w asser begrüßte in herzlicher Weise die zahlreich erschienenen Gäste und wies auf die Bedeutung dieses Festes hin. Hierauf entwarf stuck, zur. Herschdörfer in markanten Zügen'ein Bild der Makkabäerkämpse. Die Festrede hielt stuck, zur. Lehrfreund. In ausgezeichneter Weise zog er eine Parallele zwischen dem Renegatenthum der hellenistischen Epoche und dem der Gegenwart, dann sprach er vom ethischen Werte des Zionismus und wies auf die Erfolge der Palästinacolonisation hin als besten Beweis für die Existenzberechtigung eines jüdischen Bauernstandes. Stürmischer Applaus lohnte die Ausführungen des Festredners. Jubelnden Beifall erweckte der Vortrag des Gedichtes „An den Flüffen Babels" durch stuck, zur. Reiner. Zum Schluffe trug stuck, zur. L ö b l ein hebräisches Gedicht „Haschachar" vor. Der musikalische Theil des Programmes war von dem Piano-Virtuosen Fried mann und dem bekannten Sänger Goldberg ausgeführt. Przemysl. Sonntag, den l l. December veranstaltete der hiesige Verein „Zion" im kaufmännischen Casino eine Feier zu Ehren unseres Nationalhelden Juda Makkabi, die überaus glänzend ausgefallen ist. Nach einer kurzgefafsten Eröffnungsrede nahm Eantor Frachtenberg die übliche Cerenwnie des Anzündens der Chanukalichter vor. Hierauf hielt der Obmann unseres Vereines, Herr Jacob Ehrlich eine begeisternde, zionistische Festrede, welche den Glanzpunkt des Abends bildete. Das von Frl. Reich meisterhaft gespielte Concertstück wurde mit großem Beifall ausgenommen. Dann declamierte der zehnjährige Knabe Angermann das bekannte Gedicht „EI digl’cha Jehuda“, wonach der Zionistenchor eine von Herrn S. Meisels verfasste und von Herrn M. F i s ch e l componierte Nationalhymne „ckehucka, liolah!“ ferner: „Dort wo die Ceder" und „Nachnu edim" mit Begleitung eines Orchesters sang. Mit einem Appell an die Versammlung, den Zionismus zu unterstützen, endete dieser Abend. Zaleszizki. Am 11. December wurde im Vereinslocale das Chanukafest gefeiert. Nach Begrüßung der Gäste durch den Präsidenten Herrn L. L i n d n e r, besprach in längerer Rede Herr E. G l a s e r ' die Bedeutung des Ehanukafestes. Dann sprach Herr A L. L a g st e i n ausführlich und kernig über den Zionismus und seine Gegner. Derselbe hat auch einen warmen Nachruf dem Rabbiner F. Schreier aus Bohorodczany gewidmet. Alle diese Reden fanden großen Beifall. P Geehrter HerrRedacteur! Ich finde in der Berliner „Allgemeinen Zeitung des Judenrhums" Inder Nummer vom 9. Decemberd. I. einen „Chanukah“ betitelten Artikel von Dr. Benjamin Rippner, in dem folgendes wörtlich zu lesen ist: „Indes, das ist nicht das Wesentlichste, wichtiger ist, dass die Ereignisse, die in dem „Chanukah“ ihren Ausdruck finden, besonders lebhaft zum Gemüth moderner Menschen sprechen. Wie oft haben wir es in diesem Jahrhundert, das jetzt zur Rüste geht, erlebt, dass Völker, die Jahrhunderte hindurch in Sclavenbanden geschmachtet hatten und Unsägliches erduldeten, plötzlich sich erhoben und mit Feuereifer für ihre Unabhängigkeit stritten. Diese nationalen Kämpfe sind gleichsam der innerste Kern der Geschichte dieses Jahrhunderts. Wie sollte es da die Juden nicht begeistern, sich in die Zeiten zurückzuversetzen, wo auch ihre Väter im Kampfe um die Unabhängigkeit glorreiche Thaten vollführt hatten! Und noch ein Anderes kam hinzu: auch der moderne Mensch sucht und verehrt in der Geschichte das Walten Gottes. Auch dem freigesinnten Dichter ist die Weltgeschichte das Weltgericht. Dennoch sind wir dem Wunder abhold. Uns widerstrebt es, wenn wir vernehmen, dass die Hand Gottes sichtbar und, gleichsam des Menschen Hand beiseite schiebend, in die Ereignisse eingreift. Und gerade in - den Kämpfen der Makkabäer sehen wir alles Große und Herrliche einzig von Menschenhand ausgeübt. Wer mag es leugnen, dass nur Gottes Gnade diesen schwachen, nur an Friedensarbeit gewöhnten Scharen die Kraft gegeben hat, mit den kriegsgehärteten Heeren der Griechen fertig zu werden. Aber dieser Segen Gottes ist ja jeder menschlichen Arbeit nothwendig, er ist in unserer täglichen schlichten Berufsarbeit ebensowenig zu entbehren als einst den Makkabäern auf den Schlachtfeldern Judäas. Mit einem Wort: die menschliche Persönlichkeit entscheidet und das macht uns die MaKabäer so sympathisch!" Die Redaction erinnert daran, dass dieser Artikel der letzte aus der Feder des verstorbenen Dr. Rippner ist, geschrieben für das Blatt, „dem er seit Jahren durch seine geistvollen und tiefsinnigen Betrachtungen für alle Feste des Jahres Weihe und Wert verliehen hat". Nun, ich bitte Sie dringend darum, deuten Sie mir den tiefen Sinn dieser Zeilen. Was soll all das heißen? Pardon, das meine ich nicht. Was soll das heißen in der Berliner Zeitung, im Erbstücke Philippsohns, das den Zionismus so vornehm zu belächeln vermag? Was soll darüber ein Leser denken, bei dem eins und eins zwei find? Alle Völker haben das so und so gemacht, wir sollen es auch so machen; zur Zeit der Makkabäer wurde „alles Große und Herrliche einzig von Menschenhand ausgeübt". Wenn das nicht die Quintessenz des Zionismus ist, was, um des Himmels willen, ist es sonst? — „Die menschliche Persönlichkeit entscheidet!"