Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Article
- Der französische Philosemitismus
- Date
- 1898-12-23
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Beite 4 Nr. .'1 nahezu 50.000 Francs, um anscheinend die Processkosten gegen R e i n a ch zu decken. Da solche doch mit 200 Francs — wenn der Prozess überhaupt stattfinden könnte — gesichert würden, so sagte die „lübre Parole" : Nur weiter geben! Denn es handelt sich auch darum, „den kleinen Christen, den Sohn eines durch Israel gemordeten französischen Officiers, vor der künftigen Noth zu retten." Aber, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Das blöde Volk merkt nicht — und das hat noch keine Zeitung hervorgehoben — dass, wenn die Beschuldigung, Henry sei der Mitverräther von Esterhazy gewesen, eine Ehrverletzung für H e n r y ist, diejenigen, ' welche sich dagegen auflehnen und subscribieren, dadurch doch die Hauptschuld Esterhazys anerkennen, da doch sonst die Bezichtigung nur Unsinn wäre! Wie gesagt, die Hirnrinde ist eben lädiert — an der grauen Substanz wird wahrscheinlich auch etwas nicht in Ordnung sein. Bis man aber zur Audienz kommt, wird der Casiationshof das Andenken des Verräther-Kumpans Esterhazy's, mit den unwiderleglichsten Beweisen bis in die Ewigkeit in die Pfütze versenken. Alsdann mögen die Clericalen die Processgelder zur Errichtung des geplanten Standbildes Henrys verwenden. Wie ein Jude kürzlich sagte: „Dazu gäbe ich gerne 5 Francs, vorausgesetzt, dass das Denkmal auf der Teufelsinsel errichtet wird." Diese Subscription für Henrys Witwe hat zu einem Ausbruch des theoretischen Antisemitismus Anlass gegeben. Als zeitweilige — aber nur zeitweilige Waffe war sie sehr schlau benützt. Zwar ist ein Drittel der Einzahlungen anonym und manche wohl auch ganz erdichtet. Allein wir wollen keine hohle „Zahlenklauberei" treiben. Es steht eben fest, dass eia guter Theil der Bevölkerung zur tiefsten Schmach bereit ist, um nur einem Juden keine Gerechtigkeit widerfahren zu laffen. Bei alleoem verliert der Humor nicht alle seine Rechte. Ein angeblicher Zionist zeichnet 10 Francs. Diesen Ehrentitel hat gewiss ein Antisemit oder eher ein Bauchjude usurpiert, — denn wer Zionist ist, hat heute schon jüdisches Selbstgefühl genug, um seiner Schranken bewusst zu sein. Biele Köche zeichnen je 1, 5 oder 10 Francs mit dem Motto: Ich bin bereit, aus Reinach ein Gulyas zu machen. Ein Gerber möchte deffen Haut gerben, um daraus Trommeln für das französische Heer anzufertigen. (Johann Ziska, wende Dich im Grabe um!) Ein Jesuitenzögling gibt 15 Francs für den kleinen „Goy". Ein anderer gibt 2 Francs und sagt dazu: Franzosen! Leset den Talmud, dann wird Euch erst ein Licht aufgehen! (Der Rath ist fromm und passt den Juden. Solche Antisemiten lobe ich mir!) Wieder ein Gerber möchte die Haut aller Juden gerben. Mit 2 Francs betet eine Dame die heilige Genoveva an, sie solle Paris von der Judenp e st befreien, wie sie im 12. Jahrhundert die Stadt von der Pest gerettet habe. Diese fromme Helene hat total vergeffen, dass General Trochu im Jahre 1871 dieselbe Genoveva gegen die deutschen Belagerer „einigermaßen erfolglos" angerufen hatte. Nieder mit den Meffertäufern! sagt einer für Francs 2'50. Einer, „dem beim Anblick eines Juden unwohl wird", verflucht sie mit 5 Francs. Den könnte man sicher mit einer gesunden Portion Schalet immun machen. Einer will den letzten Freimaurer mit den Gedärmen des letzten Juden für 1 Francs erdroffeln. (Billig und schlecht.) Ein Schreiner erbietet-sich, alle Särge für die Juden umsonst zu verfertigen. (Das'meint er wahrscheinlich nur so, weil er die Juden für unsterblich hält — er verwechselt sie mit dem Judenthum). Einer bittet D r u m o n t, den Reinach nicht mehr mit einem Pavian zu vergleichen, um diese Affenfamilie nicht zu kränken. Eine Dame oder ein Mädchen aus der Freigrafschaft gibt 50 Centimes und zeichnet: Une Comtoise antiyoupinette, ä bas les laches! Das ist echt französisch und anmuthsvoll. Als unser geehrter Gesinnungsgenoffe Ahron Markus sich unlängst iu Paris aufhielt, da ergötzte er sich an dem ungewohnten Wohlklang der Schimpfwörter, deren wir uns erfreuen. Das „Youpin!“ fand seine Ironie doch culturell höber, als das altmodische und rohe Hepp! Hepp! Wie hätte er vor „Antiyoupinette" philologisch geschwelgt! Psychologisch-französisch will das heißen: die Juden Haffe ich mehr oder weniger, ich bin mir darüber nicht klar; aber „fesch", wie eine Grafschäftlerin und ein nettes Mädel bin ich auch! — So ein duschen Französisch ist wunderschön! Es ließe sich ein ganzes Buch über den Seelenzustand aller dieser Menschen schreiben! Das arme Volk ist eigenttich bodenlos gut, bodenlos ignorant. Es mangelt ihm jede Vorbildung, auf welche man die elementarste Aufklärung stützen könnte. Lug und Trug durchziehen das ganze System der französischen Volkserziehung. Die Franzosen sind heute keiner Wahrheit mehr zugänglich, die nicht mit den wahnsinnigsten Legenden verzuckert wird. Wollten die Juden wieder das alte Ansehen erringen, so müssten sie die tollste Komödie der Aufopferung, der Entsagung, der Vaterlandsliebe spielen. Alles würde verfangen, nur Geradheit und Ernst nicht. Diese Wahrnehmungen erregen das Bedenken, ob Frankreich überhaupt imstande ist, das drastische Heilmittel der Affaire Dreyfus auszuhalten. Das bleibt mehr als je fraglich. Die Krisis dauert nicht ein, sondern schon vier Jahre, die Krankheit wüthet schon sett 200 Jahren, nämlich seit der Zeit, wo sich das Land für die freie Forschung oder den Autoritätsglauben endgittig entscheiden musste. Alle Staatseinrichtungen müssen jetzt umgestaltet werden, und da von jeher gerade der Staat alle geistigen Kräfte au sich gezogen hat und die wirkliche französische Industrie das Beamtenthum ist, so muss ein fürchterlicher Krieg zwischen den Beamten und dem noch nicht beamteten Volk ausbrechen. Felix F a u r e, das Ministerium, die Kammer, die Armee, die Verwaltung und die Justiz selbst, der die gründliche Säuberung anheimfällt — (daher der Zwiespalt zwischen denjenigen, die Avancement erwarten und denen des Caffationshofes, die am Gipfel stehen) — alle diese stehen am Rande des Abgrundes. Auch die Landesreligion steht in Frage. Hingegen haben die Socialisten weder Programm, noch Wissenschaft, noch Bewusstsein, noch Einigkeit, noch die geringste, politische Ehrlichkeit. Ein solches Pack schwülstiger Windbeutel, die den jahrhundertalten Rumpelkammerkram des „Amhorezismus" als eine Wissenschaft hochtönend und hochnäsig aufeinandergestapelt haben, ist jeglicher Reform und gar jedes Reformgedankens total unfähig. Die Clericalen werden nicht fügsam abdanken. Sie werden mit jeder Revolution oder selbst mit dem Krieg nach außen im Nothfalle vorliebnehmen. Schon hatten sie es mit England wegen Faschoda versucht, um der Revision zu entgehen. Jetzt sprechen sie von einer Versöhnung mit Deutschland und gar von einem deutschen Bündnis, um nur auf England losgehen zu können. Ich gönne es ihnen — und uns von ganzem Herzen, denn die sichere Enttäuschung wird Frankreich billiger zu stehen kommen und ersprießlicher sein, als der mit 8 Milliarden erkaufte russische Bund. Wird das Deutsche jemals hier populär, so werden die Antiyoupinots und die zierlichen Antivoupinettes auch ein Stück Jargon dazu mit in den Kauf nehmen. Ist eS mir doch schon passiert, dass ich in einem Kaffeehaus deutsch mit englischem Accent gesprochen — und richtig sofort von einer Nachbarin für einen Südamerikaner gehalten wurde! Me Woche. Wien, 21. December 18W. Ker der Here von Gndor. „Sie sind wirklich die Hexe von Endor?" ftagte ich ungläubig. — Das Mütterchen legte den Zeigefinger an den Mund und blickte sich scheu um: „Ich bitt' Sie, sprechen Sie nicht so laut. Wenn das die Polizei hört!-Ich habe schon einigemal Anstände gehabt. Sie warfen mir Bettug, Falschmeldung und ähnliche Dinge vor, der Richter schimpfte mich