Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- Unsere Palästinafahrt
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 Seite 15 jagten die kleinen griechischen Pferdchen über die classische Ebene Attikas; wir wirbelten mehr Staub auf, als die ganze Kretafrage. Wer beschreibt aber unseren Verdruss, als wir bei der Ankunft im Piräus bemerkten, dass unser Dampfer noch am Ausladen war. Noch 31fi Stunden lagen wir im Hafen, und die Schönheit des Blickes über die Bucht zur Insel Salamis, nach den sonnigen, spärlich mit Bäumen bepflanzten Bergen Megaras und dem marmorreichen Pentelikon wurde uns verbittert durch den Gedanken, dass wir das Mysterium griechischer Kunst, das Grabdenkmal des alten Griechenland, nicht länger bewundern konnten. UI. Ei« Tag in Rethymo. Wir fuhren direct auf Kreta zu, als ich erwachte. Spitz aufragende Gipfel, von der Morgensonne rosig beleuchtet, das war der erste Eindruck. Ein russischer SchiffSarzt, der zu dem Geschwader stoßen sollte, welches vor Rethymo das europäische Concert repräsentierte, war die Veranläsiung, dass wir diesen Hafen Kreta's anliefeu. Malerisch lagen die Häuser des Hafenstädtchens vor uns und kletterten am Berg zur Citadelle empor, welche mit mächtigen Mauern aufragte. Bier stattliche russische Kriegsschiffe lagen auf der Rhede. Schaluppen fuhren hin und her. Man erzählte sich, eine Gesellschaft russischer und französischer Correspondenten sei an Bord eines der Kriegsschiffe gefahren, um dasselbe zu besichtigen. Auch unser Capitän war verschwunden. Die Wolken zerstreuten sich und die Sonne brach siegreich durch. Das röthlich schimmernde Gebirge spiegelte' sich in der krystallenen Meeresflut. Russische Officiere in schmucken weißen Uniformröcken und breiten weißen Mützen kamen aus Deck. So war es V210 Uhr vormittags geworden, als ein kleiner liebenswürdiger Flagg-Officier an Bord kam. um uns mitzutheilen, Seine Excellenz Admiral Skrydlow habe gehört, dass sich eine deutsche Gesellschaft an Bord befinde; da das Schiff noch einige Zeit im Hafen bleibe, so lade er uns freundlichst ein, die herübergesandte Dampfschaluppe zu benützen, um an's Land zu gehen. (Fortsetzung folgt). P Dir Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (29. Fortsetzung.) Aber das war nun einmal nicht Dr. David's Sache, wenn es galt, der Wahrheit die Ehre zu geben. „Wer gab Dir ein Recht, meinen ehrlichen Namen für Deine nichtswürdigen Speculationen zu missbrauchen?" fuhr er in demselben wegwerfenden, ätzenden Tone zu forschen fort. Nun vergaß auch der Herausgeber des „Freien Blattes" jede Mäßigung. „Wieso habe ich Deinen Namen missbraucht?" rief er mit rollenden Augen. Ohne fich durch die großartige Pose seines Vorgesetzten einschüchtern zu laffen, entgegnete der Redacteur: „Der Artikel ist mit den Buchstaben „Gd" unterschrieben. So zeichne ich in Deinem Blatte." „Ganz recht," höhnte Kuno Müller, „das bedeutet Goldschild. Aber wer sagt Dir, dass jene Arbeit nicht von einem Goldschild stammt? Freilich von einem anderen — der es im Leben weiter gebracht als Du? Willst Du den Verfaffer kennen lernen — es ist Dein leiblicher Vetter Jsak!" „Das sieht dem Burschen ähnlich," stieß David rauh hervor. „Aber ich — ich habe keine Gemeinschaft mit ihm." Sich mühsam zur Ruhe zwingend, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu: „Jedermann kann seine Ansicht vertreteu, wie und wo er will. Höre mich an, Kuno — willst Du den Artikel morgen in Deinem Blatte widerrufen — ja — oder nein?" „Ich habe Dich immer hochgehalten," suchte dieser einzulenken, „und Deinen Schrullen wurde im „Freien Blatte" möglichst Rechnung getragen. Aber schließlich bin doch ich der Herr — mir gehört die Zeitung! Es steht mir daher frei, den Ton anzuschlagen — der mir beliebt!" . David schien nicht zu hören. „Willst Du widerrufen?" beharrte er unerbittlich. „Ja — oder nein?" „Nein — in des Teufels Namen!" donnerte der Herausgeber. Ohne ein Wort weiter über die Sache zu verlieren, erhob sich David und erklärte mit vor Erregung zitternder Stimme: „Dann habe ich heute zum letztenmale die Redaction betreten!" „Das wirst Du Dir wohl noch überlegen." „Nein — da ist nichts zu überlegen! Unter einem Schwindler — diene ich nicht!" „David — das Wort nimmst Du zurück — auf der Stelle!" Der Urgermane war auf den schmächtigen Doctor zugetreten und stand ihm mit drohend erhobener Faust gegenüber. Aber dieser blieb furchtlos stehen und blickte ihm ruhig entgegen. „Schlage nur zu," meinte er sarkastisch. „Du bist ja stark." Und plötzlich in wilde Leidenschaft ausbrechend, riss er den grünen Schirm von der Lampe und leuchtete seinem Gegner mit der grellen Flamme ins Gesicht. „Da — sieh mich an!" rief er mit bebender Stimme, „mich, den armen, verachteten Juden — mit dem Du auf den Barrikaden gestanden bist — der Dich hochgehalten hat, wie keinen anderen Menschen! Sieh mir ins Auge — mir, der ich an Dich geglaubt — und dann sage mir — dass Du noch ein ehrlicher Mensch bist!" - Einen Augenblick standen sie sich so gegenüber. Der Urgermane mit seinem wehenden Barte und seiner breitschultrigen Gestalt und der schmächtige Jude, dessen sehnige Hand noch immer das grelle Licht hochhielt. Dann wandte sich Kuno Müller ab und murmelte: „Mit Dir — will ich nicht streiten." Langsam stellte David Goldschild die Lampe auf den Tisch. Ec bückte sich und hob den grünen Schirm, der auf die Erde gefallen war, wieder auf. Sorgfältig befestigte er ihn auf dem Drathgeflecht. Dann verließ er schweigend das Zimmer. Schon am nächsten Morgen brachte die Post sein Entlassungsgesuch. Es war ein kurzer Brief. Aber Dr. David hatte die ganze Nacht für diese Arbeit verwendet. . XII. Dr. David Goldschild trug schwer an dieser Enttäuschung. Die ersten Wochen, die jenem verhängnisvollen Tage folgten, war er dermaßen gekränkt, erbittert und beschämt, dass er keines Menschen Gesicht sehen wollte. Gleich dem verwundeten Edelwild, das allein im Dickicht seine Wunden pflegt, verschanzte er sich in seiner Wohnung. Frau Karoline Sanstmuth hatte den strengen Befehl erhalten, keinen Besuch vorzulassen. Und das war eine keineswegs leicht zu befolgende Weisung. Denn so wie es ruchbar geworden, dass David Goldschild mit Kuno Müller gebrochen habe, entwickelte sich ein förmlicher Pilgerzug nach dem stillen Hause in der Alserstraße. . Ein publicistisches Unternehmen überbot das andere, um die berühmte Feder des Doctors zu gewinnen. Die Herausgeber der bedeutendsten Tagesblälter wurden nicht müde, immer und immer wieder sich von der Magistratsbeamtenswitwe abweisen zu laffen, unternehmungslustige Capitalisten, dem gefeierten Journalisten literarische Neugründungen vorzuschlagen. Aber David Goldschild hatte für all diese lockenden Rufe taube Ohren. Jenes unglückselige, leidenschaftliche Blut seiner Ahnen rollte in seinen Adern, das Glück und Freude, Schmerz und Leid doppelt heiß empfinden ließ. Die ärgsten Schmähungen der Feinde, die verwegensten Angriffe, die schimpflichsten Verdächtigungen hatten seinen stolzen Kampfesmuth nur gestählt. Aber dem Berrathe im eigenen Lager — dem war er nicht gewachsen. Was bisher dem eifrigsten Mühen der Gegner nicht gelungen, die Habgier des Ur-