Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite U Rr 50 „Harper's Weekly", eine? der angesehensten Wochenblätter Amerikas, veröffentlicht einen zweispaltigen Artikel über den zweiten Kongress aus der Feder unseres bewahrten Gesinnungsgenossen, Rev. Stephen S. Wise. Dem Artikel sind prächtige Illustrationen beigegeben. » VLcherwrll. „Türke, wehre dich." Von Dr. Hans Barth (Rom). Leipzig 1898. Renger'sche Buchhandlung. 376 Seiten. Preis 3 Mark. Eine muthige Schrift, die in flammender Wahrheitsbegeisterung sich ausbaumt gegen die falsche Beurtheilung, welche die Türken bei den europäischen Nationen ungerechterweise finden. Die mittelalterliche Auffassung von der Barbarei des Mohammedanismus — gegen welche anzukämpfen eine Culturthat sei —, jene Behauptung, welche erfunden wurde, um die Kreuzzüge plausibel zu machen, sie ist trotz der Widerlegung, die sie durch die ernste Geschichtsforschung gefunden hat, noch heute genährt und verbreitet. Auf Grund der christlichen Solidarität wurden die, wenn auch dem christlichen Glauben angehörenden, aber tief barbarischen Volker des Orients idealisiert, als Helden und Freiheitskämpfer gepriesen und gefördert. Verfasser zeigt, wie diese christlichen Bollerschaften — die Griechen und Armenier — in Wirklichkeit aussehen, und um wieviel höher diesen wahren Barbaren gegenüber-die Türken stehen. „Dieses Volk, das bei wenigen und menschlich verzeihlichen Fehlern so viele notorische Vorzüge besitzt: unbedingte Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit, angeborene und unbeschränkte Nächstenliebe — auch gegen Andersgläubige — religiöse und politische Toleranz, wie keine andereNation, Mäßigkeit, Würde und gastliche Höflichkeit, endlich peinlichste Reinlichkeit." In einer Zeit, wo das christliche Europa nicht nur Andersgläubige, sondern auch nicht unbedingt Gleichdenkende verfolgte, folterte, verbrannte, war die „barbarische" Türkei die Zufluchtsstätte der gehetzten Juden und gewährte allen Ehristen in ihrem Reiche volle Religionsfreiheit. Ein bleibendes Denkmal türkischer Großmuth und Toleranz bildet der Freibrief, den Muhammed 2. nach der Eroberung Konstantinopels den christlichen Bewohnern des Stadtviertels Galata ausstellte. Gar mancher „moderne" und constitutionelle Pole könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Auch an Bildung und Gesittung ist der Türke durchaus nicht auf tiefer Stufe stehend, jedenfalls allen christlichen Orientalen überlegen. Wie groß ist die Achtung vor dem Wissen bei den Türken, in welchem Ansehen stehen bei ihnen die Gelehrten! Bismarck hat über die Türken den Ausspruch gethan: „Sie sind die einzigen Gentlemen des Orients." Was den Türken mangelt, ist das Verwaltungs- und Finanztalent. Darum ist die Türkei genöthigt, ihre geborenen Feinde, die Armenier und Griechen, in dem Verwaltungsdienste zu verwenden. Diese saugen das Land aus und find die Hindernisse jeglicher Reform. Gelänge es der Türkei, andere, ehrlichere und treuere Beamte zu finden, so würde bei der Bravheit der Regierten bald eine Regeneration der Türkei Platz greifen und Sultan Abdul Hamids eifriges und weises Streben greifbare Resultate aufwersen. Jedenfalls aber sollten die Freunde der Wahrheit und Ehrlichkeit in Europa die Konsolidierung der Türkei der Herrschaft der verlotterten Griechen und verlogenen Armenier vorziehen. Zum Schluffe sei nur bemerkt, dass derVerfaffer dieses lesenswerten Büchleins ein Christ von unzweifelhaft arisch-germanischer Abstammung ist. O. ül. P F t u iM t o«. Unsere P ata stia afahrt. Von Dr. I. Bodeuheimer. (Fortsetzung.) Ein wunderbares Wetter begünstigt unsere Einfahrt in den Hafen von Piräus. Das Meer ist tiefblau und leicht gekräuselt, traubenfarben. Hoch ragt über die lange Reihe europäisch gebauter Häuser das Theater empor, ein Gebäude in antikisierendem Stil. Unser Führer, den wir rasch acquirierten, war der Typus eines modernen Alcibiades: classisches Profil mit tief schwarzem, wohl gepflegtem Vollbart. Bei seinen übrigen Landsleuten schien das Hellenenthum nicht so waschecht zu sein. Manches verlotterte Bagabundengesicht, das uns begegnete. konnte in jedem anderen Länderstrich Europas gerade so gut feine Heimstätte haben, als in der Geburtsstadt des Phidias und Perikles. Bei der Ankunft begrüßte uns derselbe Wettkampf und beinahe dasselbe Geschrei der Bootsleute wie in Smyrnas Nachdem wir die Straße den Quai entlang etwa 10 Minuten gegangen waren, mietheten wir zwei Droschken zur Fahrt nach Athen. Die Straßen sind gut makadamifiert; außer der Eisenbahn verkehrt auch noch eine Trambahn nach Athen. So hatten wir also den clässischen Boden betreten. Die Vergangenheit der Menschenwelt und unserer schönen Gymnafialzeit tauchte vor den erstaunten Blicken auf. Bon hier aus wurde ja der Welt die Schule des Schönen bescheert. Hier vereinigte sich Reichthum, Weltweisheit und Bürgertugend, um einen kleinen Musterstaat zu schaffen, der leider nur zu kurze Zeit geblüht hat. Rechts zog sich breit der waldige Rücken des Hymettos hin, der noch heute Athen mit köstlichem Honig versorgt. Gerade vor uns ragte der spitze Hügel des Lykabättos auf, und hoch oben strahlte im Lichte der Sonne wie eine verzauberte Prinzessin die Akropolis des alten Athen. Nachdem wir die schön gehaltene Chaussee mit vielen Wirtshäusern und Cognacbrennereien in einer halben Stunde passiert hatten, gieng's in Schlangenlinien auf die Höhe hinauf. Links unter uns sahen wir den wohlerhaltenen Theseustempel mit korinthischen Säulenhallen liegen. Die Halle der Propyläen eröffnete uns die wunderbare Schönheit und Klarheit des griechischen Stils. Wir denken uns diese zerstörten Marmorhallen wieder aufgebaut im Glanze der Sonne strahlend. Der Festzug des Dionysos bewegt sich um die Akropolis zu den weiten Tempeln, die für die Ewigkeit errichtet schernen. Der Areopag zeigt, dass mit starker Hand Recht geübt wird, und das Standbild der Athene auf mächtigem Marmorsockel zur Linken der Propyläen ist ein weithin sichtbares Zeichen, dass Weisheit und kriegerische Macht den Zugang zu dem griechischen Nationalheiligthum bewachen. Welch' schönbewegtes Bild entzückt da unsere Augen! Das Parthenon wie ein Symbol stiller Größe auf weitem, marmorgepflasterten Platze und zur Seite wie ein Idyll das Erechtheion mit dem lieblichen Anbau der Karyatiden. Eine Säule mehr, ein Standbild weniger, eine andere Bertheilung der Massen musste dies Bild stören, von dem man glauben konnte, dass es nirgends in der Welt so bestrickend wirke, als unter diesem milden Himmel Griechenlands. Wir genossen einen herrlichen Blick auf die moderne Stadt, die sich in geraden, rechtwinklig durchschnittenen Linien vor uns ausdehnte. Bon der Kapelle des Aeolus zieht sich weit hinaus die Aeolusstraße mit vielen Läden. Rechts das königliche Palais, ein massiger Steinbau. Einen graziösen Eindruck macht das Observatorium, ein Kuppelbau mit zwei Flügeln. Zertrümmert ist aber nicht nur das Werk des Griechenvolkes, auch der mächtige Bau des römischen Amphitheaters liegt in Trümmern, gleich neben dem Dionysostheater mit hübschen Mosaikfließeu. Schweren Herzens trennten wir uns von der herrlichen Stätte, nachdem wir noch einige Aufnahmen, gemacht hatten, um den Augenblick festzuhalten. In Schlangenwindungen gieng es zur Stadt zurück, reinliche Häuschen in hellen Farben und geraden Linien rechts und links. Das Schliemann-Denkmal leuchtete als ein breiter Marmorblock aus der Ferne zu uns herüber, und so gieng es rasch zum Verfassungsplatz und dem königlichen Palais. Ich brauche kaum zu sagen, dass die Straßen und das Lcken einen durchaus europäischen Eindruck machen. Erstaunt war ich aber doch, im „Hotel d’Angleterre“ einen Comfort zu finden, wie man ihn in dem Hotel einer europäischen Großstadt nicht bedeutender erwarten kann. Wir nahmen ein ausgezeichnetes Diner ein, gewürzt von Sedlmayers Bier und feurigem Weine von Marathon. Unter mancherlei Gesprächen verflog die Zeit und mit großem Bedauern constatierten wir die Thatsache, dass wir kaum noch Zeit zur Rückkehr aus unser Schiff hatten, das um zwei Uhr den Hafen verlassen sollte. Mit größter