Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- Wien
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315793--09628-3365067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Nr. 50 gut wie wir: Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Gemeinden in nicht allzu langer Zeit zionistisch sein werden. Sind doch die Zionisten fast die Einzigen, die noch Interesse für die jüdischen Institutionen bethätigen! In diesem Sinne begrüßen wir die Constituierung des Gemeindebundes aufs wärmste. Es sollte uns freuen, wenn gerade diese Einrichtung zu einem Bindemittel würde zwischen den Zionisten und ihren Gegnern. Besonderes können wir unter den jetzigen Berhältnissen allerdings vom Gemeindebunde nicht erwarten. Wenn aber damit auch nur eine neue Position geschaffen wird, die ja doch schließlich wir Zionisten beziehen werden, so ist auch das schon erfreulich. Den Gründern des israelitischen Gemeiudebundes gebürt deshalb unser verbindlichster Dank. Deutschland. Berlin, 5. December. So ist denn die Frucht langer Mühen endlich gereift, der national-jüdische Turnverein „Bar Kochba" hat soeben seine erste Stunde hinter sich. Wir haben sie an uns vorbeimarschieren sehen, diese kräftigen jungen Leute, die ja noch nicht immer tadellos Richtung und Linie halten konnten, aber sich mit überraschender Leichtigkeit und zugleich begeistertem Schwung in die so nothwendige Disciplin zu fügen wussten. Und turnen können sie — o, das ist keine Frage. Bon den siebzig Mitgliedern waren über fünfzig erschienen, und es entwickelte sich aus dieser Schar eine überraschend große Turnerelite, der sich alle anderen willig fiigten. Es war ein schöner Anblick, wie anerkannte Führer des Berliner Zionismus sich als einfache Turner in Reih und Glied stellten und im Schweiße ihres Angesichtes sich am Barren schwangen und über den Bock sprangen. Unter ihnen befand sich auch der Vorsitzende des Turnvereines, zugleich auch Vorsitzender der Berliner zionistischen Bereinigung, Dr. Julius Katz. Wir zweifeln nicht, dass bei solcher Begeisterung und unter solcher Führung der erste zionistische und überhaupt jüdische Turnverein zur Blüte gelangen wird. Das mögen seine beiden Schutzgeister gewähren: Bar Kochba und Juda Makkabi. Frankreich. Paris. (Französische Richter sprach e.) In der Nummer vom 21. August d. I. hatte das Journal ..Antijuit" eine Liste der Juden veröffentlicht, welche in Paris Grundstücke besitzen. Dieser Liste giena eine Einleitung folgenden Inhaltes voraus: „Die Juden behaupten, dass die Antisemiten übertreiben, wenn sie von dem jüdischen Eigenthume inFrankreich sprechen. Wir werden also unter der Specialrubrik "„Jüdisches Eigenthum" das bewegliche und unbewegliche Vermögen aufzählen, dessen sich die Juden zum Schaden der Franzosen bemächtigt haben. Wenn die Juden nur unvollständig den Wert dessen kennen sollten, was sie uns genommen haben, so werden wir ihnen zu einer genauen Rechnunglegung verhelfen." Mr. Cohen, dessen Name in der Liste der angeführten Grundbesitzer war, belangte hierauf G uerin, den Director des ..Antijuik', wegen Verleumdung vor Gericht. In der vorigen Woche erst kam die Sache zur Verhandlung. Nach den Plaidoyers des Klageanwaltes und des Vertheidigers erklärte der Gerichtshof, er könne in der Vorrede zur Liste wohl eine heftige Polemik erblicken, doch gehe daraus nicht hervor, dass Cohen des Diebstahls seines Besitzes bezichtigt worden sei. Das Delict der Verleumdung liege also nicht vor. Somit sei die Klage abzuweisen. Ein zweiter Fall. Das Haus Edouard Pernot & Co. hatte als Repräsentanten für Algerien einen Juden, Herrn Leon T a b e t. Am 12. März 1898 theilte man ihm mit, dass er seine Stellung zu verlassen habe, well bei der stark ausgesprochenen Strömung in Algerien Herrn Tabet unmöglich länger die Interessen des Hanfes Pernot & Co. zur Vertretung anvertraut werden könnten. Tabet protestierte gegen diesen Vertragsbruch und klagte das Haus Pernot vor dem zuständigen Gerüchte in Montbeliard auf einen Schadenersatz von 50.000 Francs. Der Gerichtshof wies Tabet mit seiner Klage ab und begründete das Urtheil folgendermaßen: „In Anbetracht, dass im Beginne des Jahres 1898 die antisemitische Agitation in heftiger Weise sich über Algier und die wichtigsten Centren von Algerien und Tunis verbreitete; dass diese Bewegung hauptsächlich einen öconomischen Charakter zeigte; dass sie als richtigen Grund die Rolle bezeichnete, welche die eingeborenen Juden Algeriens im Handel und der Geldwirtschast gegenüber der europäischen und moslemitischen Bevölkerung spielten; in Anbetracht endlich, dass sie als unmittelbare Consequenz die Plünderung und Schließung der jüdischen Warenhäuser nach sich zog, ebenso die Boycottierung der Handelsleute dieser Rasse; dass man überall die Parole ausgab: „Kauft nicht bei Juden, macht keine wie immer gearteten Geschäfte mit ihnen"; dass ferner die Entlassung erfolgte, diesem allgemeinen Empfinden entsprechend, wie dieses ja auch durch die letzten Wahlen im Mai bestätigt worden sei; dass also kein französisches Haus in Algerien durch einen Juden seine Waren an den Mann bringen könne, müsse zugegeben werden, dass Pernot & Co. einer Nothwendigkeit sich fügten, als sie Tabet entließen, dass hier also ein Fall von koree majeure vorliege." Und noch ein dritter Fall, der sich vor wenigen Tagen vor dem algierischen Kriegsgerichte abspielte, wie G. Lhermitte in der „Aurore" berichtet. Ein jüdischer Soldat, namens Litty, der in Aumale in Garnison stand, war des Diebstahls angeklagt worden. Er hatte einem seiner Lazarethnachbarn fünf Francs gestohlen. Das Delict schien unleugbar. Man hatte das Geld wohlverwahrt in seinem Strohsacke gefunden. Trotzdem er seine Unschuld betheuerte, wurde der Mann verurtheilt. Da meldete sich vor dem Kriegsgerichte ein Zuave, den die Doctrinen der schwarzen Internationale noch nicht verführt hatten, zu einer formellen Aussage. Cr hatte gehört, wie die zwei antisemitischen Soldaten, welche bei.der Verhandlung als Belastungszeugen fungierten, sich rühmten, einen Juden vor das Kriegsgericht gebracht zu haben. Da sie endlich aufhören mussten, Litty weiter zu misshandeln, denn sie konnten ihn nicht umbringeu, ohne zweifellos einer schweren Strafe zu verfallen, hatten sie den Plan gefasst, ihn zu beseitigen, indem sie in seinem Strohsacke die Früchte seines angeblichen Diebstahls versteckten. Und jetzt kommt ein unerhörtes Detail. Der Qfficier, der die Untersuchung führte, wusste darum und hatte, ohne eine Untersuchung darüber anzustellen, Litty vor das Kriegsgericht gestellt. Nach der formellen Erklärung des Zuaven ordnete erst das Kriegsgericht eine weitere Untersuchung an. Paris. Pascal Groussets Interpellation in der Kammer über die verbrecherischen Beziehungen ehemaliger und gegenwärtiger Beamten des Kriegsministeriums zu royalistischen und nationalistischen Blättern hatte ebne der stürmischesten Kammersitzungen zur Folge. Grousset grip den Militärgouverneur Zurlinden auf» Heftigste an und besprach die plumpen Fälschungen der angeblichen'Briefe des deutschen Kaisers und fremder Militärattaches. Er wies darauf hin, wie man nach und nach fast alle Großmächte des Continentes beschuldigt habe, an den unsauberen Manipulationen, welche im Generalstab stattgefunden haben, betheiligt zu sein. Die antisemittschen und zum Theil auch die clericalen Deputierten suchten durch Scandalscenen die Interpellation zu verhindern. Insbesondere war es auch der Kriegsminister Freycinet, den sie beschimpften, weil er die Armee ungestraft verunglimpfen lasse. Freycinet stellte diese Behauptungen richtig, und schließlich wurde die von der Regierung verlangte Motion mit überwälttgender Stimmenmehrheit acceptiert. Paris. In der letzten -Woche haben in Paris und einer Anzahl anderer Städte Versammlungen zugunsten Picquarts und der Revision stattgesunden. Trotzdem die Antirevisionisten alles ausboten, um diese Versammlungen zu stören, wurden Resolutionen angenommen, welche die Freilassung Picquarts und den ungestörten 'Fortgang der Revision verlangten. In Paris hatten Derouldde und Hadert vergebens versucht, eine revisionssreundliche Versammlung zu ihren Ansichten zu bekehren. Unterdessen sind die Untersuchungen so weit gediehen, dass die Freilassung Picquarts unmittelbar bevorstehen soll und die Abfahrt Dreysus von Cayenne für den 9. Jänner angesetzt ist. Italien. Rom, 27. November. Der Abschluss des französischitalienischen Handelsvertrages erfüllt alle Parteien des Landes mit großer Befriedigung. Signor L u z z a t t i, dessen Thätigkeit der Verttag zu danken ist, erhält aus allen Lagern Gratulattonen, seine Popularität steigt von Tag zu Tag. England. London. Die Gruppe junger Zionisten, die unter dem Namen „Young Zion Institute“ bekannt ist, hielt vor einigen Tagen ihre dritte Jahresversammlung ab. Die zu diesem Zwecke bereitwillig zur Verfügung gestellte Halle der Synagoge in der Cannon Street Iioad war mit Fahnen und Wimpeln in weiß und blau geschmackvoll decoriert. Der Vorsitzende Mr. Greenberg sagte, sein Glaube an die Zukunft der zionistischen Bewegung beruhe zu nicht geringem Theile darauf, dass er die jüdische Jugend im nationalen Fahrwasser sehe. Im übrigen könne er in dem mit Zionismus förmlich getränkten East End nichts Neues über die Bewegung Vorbringen. Redner