Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- Die Juden in China
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 jpitfcvwe Seite 11 zur Erinnerung an Moses, welcher ebenfalls mit verhülltem Antlitz den Berg Herabstieg, um seinem Volke die zehn Gebote zu bringen. An allen Sabbathtagen lesen sie einen Abschnitt aus dem Pentateuch. Die Juden Chinas lesen also wie die Europas das Gesetz im Laufe eines Jahres. Sie sprachen in einer sehr sinnlosen Weise von dem Paradies und der Hölle. Der chinesische Gelehrte fügt diesen interepanten Mittheilungen hinzu: „Hier haben wir also ein authentisches, zweitausend Jahre altes Erinnerungszeichen. Nur im jüdischen Volke findet man eine solche Anhänglichkeit an die Nationalität." Ein deutscher Historiker über Nationaljudenthum und Assimilation. Bei dem heftigen Kampfe, der jetzt zwischen Nationalen und Assimilierten geführt wird, wird für unsere Leser folgende interessante Aeußerung eines deutschen Gelehrten, des Historikers M.Reymond in Berlin, gewiss von Interesse sein. Im ersten Bande seiner großen illustrierten Weltgeschichte (erschienen 1893 bei I. Neumann in Neudamm) finden wir auf S. 169 folgende Bemerkung über die nationale Grundlage des Judenthums: „Was den Bestand des jüdischen Volkes trotz der verhältnismäßig kurzen Dauer seiner staatlichen Selbstständigkeit und trotz seiner theils gewaltsamen, theils freiwilligen Zerstreuung über alle Länder des Erdenrundes bis auf den heutigen Tag erhalten hat, das war der nationale Gedanke, welcher der mosaischen Lehre zugrunde lag. Das Nationalbewusstsein des „auserwählten Volkes", nicht der Jehovaglaube, hat den Juden eine beispiellose Widerstandsfähigkeit gegen alle Gewaltthaten, Verfolgungen und Unterdrückungen verliehen, welche umso hartnäckiger, ja, man darf sagen, umso glorreicher zur Geltung kam, je heftiger die Verfolgungen waren, je schwerer der Druck auf diesem merkwürdigen Volke lastete. Das moderne Judenthum gibt sich zuweilen den Anschein, als wolle es seinen nationalen Standpunkt aufgeben, als fühle es sich eins mit den Böllern, unter denen es lebt, mit denen es seine bürgerlichen Rechte und Pflichten theilt. Sollte diese Neigung wirklich in größerem Umfange vorhanden und nicht etwa bloß ein aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit angenommener Schein sein, dann würde es, vorausgesetzt, dass sich nicht von der anderen Seite der Widerstand gegen die Vermischung mit dem bluts- und sittenfremden Elemente geltend machte, sehr bald keine Juden mehr geben. Denn der Mosaismus als Religion steht in so schroffem Widerspruche zu den Anschauungen und thatsächlichen Verhältnissen unserer Zeit, dass er ohne seine nationale Grundlage schon längst nicht mehr lebensfähig wäre; er ist nicht nur älter, sondern noch veralteter, als alle übrigen, zur Zeit noch bestehenden Religionssysteme der modernen Eulturvöller, und er stellt die Juden in einen Gegensatz zu diesen letzteren, der für diejenigen von ihnen, welche der modernen Denkrichtung folgen, geradezu unerträglich sein müsste, wenn nicht das Bewusstsein ihrer nationalen Eigenart und das Bedürfnis, diese zu erhalten, den Ausschlaa gäbe." — ff. P Die pouiWche Dewegung. Wien. Das Agitationscomits der Wiener Zionisten, an dessen Spitze die Herren Dr. L. Kahn, Architekt O. Marmorek und Dr. F. E. Weis! stehen, veranstaltet in allen Bezirken Wiens Versammlungen, um die Wiener Juden über den Zionismus aufzuklären. Am 5. December fand im V. Bezirke in Jellineks Restaurant eine solche Versammlung statt. Den Vorsitz führte Dr. Werner. Das Referat erstattete Architekt Marmorek. Die Versammlung, die überaus gut besucht war, folgte den Ausführungen des Referenten und der einzelnen Redner — Karp ati, Bernhardt, Groß, Tag und Kaiser — mit großer Aufmerksamkeit. Mit den anwesenden Socialdemokraten kam es zu lebhaften, sachlichen Auseinandersetzungen. Nach dem Schlusswort des Referenten nahm die Äersammlung mit allen gegen eine Stimme eine Sympathie-Kundgebung für den Zionismus an und beschloss die Gründung einer Ortsgruppe. Die zionistischen Statuten werden noch in dieser Woche der Statthalterei überreicht werden. Wie«. Die Ortsgruppe des „Zion", Mariahilf und Neubau, veranstaltet im Hotel Englischer Hof, Mariahilferstraße, am 17. December, 8 Uhr abends, eine Makkabäerfeier. Die Festrede wird Herr Dr. Leo So f er hallen. Wie«. Am 7. d. M. fand in Ottakring, Hubergasfe, Restaurant Müller, eine zahlreich besuchte Versammlung statt, in welcher Herr Architekt O. Marmorek über Wesen, Bestrebungen und Ziele des Zionismus referierte. Nach dem mit stürmischem Beifalle aufgenommenen Referate ergriff, mit Jubel begrüßt, Dr. Herz! das Wort. Der größte Theil seiner Ausführungen beschäftigte sich mit den Eindrücken, die er auf seiner Palästinareise erhalten hatte; er schllderte die Schönheit der jüdischen Colonien, die wahrhafte Oasen seien mitten in der Wüste. Nach diesem Flecken Erde geht die Sehnsucht des jüdischen Volles seit ältester Zeit. Dr. Herzl erzählle, er habe einmal einem Staatsmanne das Ziel des Zionismus auseinandergesetzt; darauf habe dieser folgendes gesagt: „Merkwürdig, Sie sind der erste Jude, der so zu mir spricht und doch wäre nichts natürlicher, als einen Abfluss zu schaffen für überschüssige Elemente." Mit dem Zionismus beschäftigen sich heute leitende Staatsmänner, er habe keine christlichen Gegner, diese recrutieren sich nur aus jüdischen Kreisen. Der Redner schloss mit den Worten: „Als einer englischen Dame der Zionismus erllärt wurde, sagte sie: „Ich verstehe; die Zionisten sind diejenigen Juden, welche hier bleiben sollten!" Der Erfolg der Versammlung war die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe in Ottakring. Grzymalow, 28. Nov. Der hiesige Verein „Dorsche Zion“ hielt am 26. v. M. eine zahlreich besuchte Versammlung ab, in welcher unter anderem Herr S. Brun dem Andenken des Rabbi Sch. Schreuer einen warmen Nachruf widmete. Redner schilderte den großen Verlust, den die zionistische Bewegung durch das Ableben des großen Rabbi erlitten und ermahnte die Anwesenden, den zionistischen Gedanken hochzuhalten und dem theuren Verblichenen ein treues Andenken zu bewahren. Wojnilow Am 27. November hielt der hiesige Rabbiner (Ehrenpräsident des hiesigen Vereines „Dorsche Zion“) im „Bethamidrasch“ vor einer großen jüdischen Versammlung dem verstorbenen Gaon, Rabbiner Feiwcl Schreier, eine Trauerrede. Koni«, Gouv. Kalisch. Hier wurde ein Zionistenverein mit circa zweihundert Mitgliedern gegründet. Leeds. Am letzten Freitagabend fand in den Räumlichkeiten der hiesigen Talmud-Thora eine zionistische Versammlung statt, in welcher der Delegierte Herr P. M. Raskin über den zweiten Baseler Eongress referierte. Der Bericht wurde beifällig ausgenommen, und der Referent musste dem Publicum versprechen, nächsten Freitag abends einen zweiten Bortrag über Zionismus zu halten. L. F. New Heave« Kong. Am 30. October fand hier eine zionistische Versammlung statt, in der Herr Cantor Fink eine gediegene Rede über Zionismus hielt und die Erfolge des zweiten Baseler Congresses besprach. Auch in Jotika, N. I. sprach Herr Rev. Jacob Hor.owitz am 21. und am 22. October über den Zionismus und als Erfolg seiner beiden Reden ist die Reorganisierung des dortigen Vereines „Zion" zu verzeichnen. Das Musterstatut für Einzelvereine kann wegen Raummangels erst in nächster Nummer veröffenüicht werden. V Comspmdeuftll. Oefterreich-Urrgar». Wien. Der israelitische Gemeindebund ist also wirklich gegründet. Der Bicepräsident der Wiener Cultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, wird als Obmann fungieren. Wir nehmen die Nachricht von dem endlichen Zustandekommen des Gemeindebundes mit Vergnügen zur Kenntnis. Merkwürdig ist es aber, dass die jetzigen Repräsentanten der Cultusgemeinden, viele wenigstens, sich von diesem Bunde Großes versprechen. Warum? Weil der Bund zu einer Organisation der Juden schuft führen werde. Die Herren merken da gar nicht, welche Jncvnsequenz sie zu begehen im Begriffe sind. Sie, die eine nationale Organisation des Judenthums, wie sie der Zionismus durchzuführen begonnen hat, mit solchem Schrecken und Abscheu erstehen sehen, finden selbst, wie noth eine Organisation den Juden thue. Sie meinen wohl, in diesem Bunde eine Festigung ihrer bedenklich ins Wanken gekommenen Stellung zu finden. Wir zweifeln daran. Je erfolgreicher der Gemeindebund die Organisation der Judenschaft durchführen wird, desto vernichtender wird die bisherige Thätigkeit der Gemeinden, Wien allen voran, beurtheilt werden, in desto hellerem Lichte wird die Verkehrtheit und Unzulänglichkeit d»r jetzigen Gemeindegewaltigen stehen. Anderseits ist es nicht mehr zu verkennen, dass dieses Bollwerk, welches die Gemeinden aufzurichten bemüht sind, unter Umständen zu einer bedeutsamen Festung werden kann, welche dem zionistischen Judenthume gute Dienste zu leisten vermag. Wider ihren Willen werden die Herren Dr. Stern und seine Genoffen unsere Quartiermacher sein; denn das wiffen diese Manuer so