Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- Die Juden in Baden
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 10 JPk$W: Nr. 50 wird ein ausführlicher Bericht im nichtamtlichen Theil des Verordnungsblattes des großherzoglichen Oberrcrthes der Israeliten gegeben werden. Eine jüdische Bauerncolonie befindet sich in der Nähe von U r a l s k in der Kirgifensteppe. Die Colonie wurde von acht jüdischen Soldaten gegründet. Diese dienten im Heere des Kaisers Nicolaus, und nach ihrer Entlastung beschlosten sie, sich dem Ackerbau zu widmen. Sic wollten lieber in ihrem Vaterlande verbleiben, als sich in eine Colonie der Hirsch- Stiftung nach Argentinien zu begeben, und erhielten vom Ministerium Boden angewiesen. Zum Unglücke wählten sie einen sehr ungünstigen Ort in der Steppe, wo sie sich 1895 ansiedelten. Drei Jahre hintereinander bauten sie an, arbeiteten im Schweiße des. Angesichtes, ohne das geringste zu ernten. Der „Saratowski Dniewnik" schildert die traurige Lage dieser Armen in sehr beredten Worten. Es sind 58 Seelen, die im größten Elend leben und dem Verhungern nahe sind. Da sie aus der Liste der Städter gestrichen und bis heute in die Liste der Dorfbewohner unbegreiflicherweise nicht ausgenommen sind, können sie weder einen anderen Beruf wählen, noch gleich den anderen Bauern von der Zemstwa Hilfe beanspruchen. Das genannte Blatt hat für die Armen eine Sammlung eingeleitet. 6. Der Lueger von Algier» Mar Rägis, ist wegen einer am 9. d. gehaltenen Rede, worin er den Generalgouverneur von Algier heftig angrist, durch den französischen Ministerpräsidenten Dupuy aus drei Monate seiner Function als Maire von Algier enthoben worden. Bomben für Dreyfus. Einige antisemitische Pariser Journale brachten am Sonntag die Schreckenspost von einem anarchistischen Attentate zugunsten des Dreyfus. Die revisionistischen Gruppen hätten die Absicht, die komische Oper am Tage der opiciellen Einweihung mittelst Bomben in die Lust zu sprengen. Die Polizei fiel auf diese Alarmnachrichten hinein und traf ihre Gegenmaßregeln. Es ließ sich aber nirgends eine dreyfusfreundliche Bombe blicken. Fra« Baronin Hirsch ist, wie aus Paris gemeldet wird, gefährlich erkrankt. Sie steht gegenwärtig im 60. Lebensjahre. Zola und die französische Akademie. Am 8. November wählte die stanzösische Akademie einen Nachfolger für Meilhac. Nach vier Wahlgängen wurde Henri Lavedan gewählt. Bei zwei Mahlgängen erhielt Zola je eine Stimme — von A n a t o l e France. Glaubenswechsel. Die soeben veröffentlichten Mittheilungen aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens berichten, dass im verflossenen Jahre 32 Juden zum Ehristenthume übergetreten sind. Zum Judenthume trat 1 Ehrist über. Ausschreitungen gegen die Juden fanden am 12. d. in Algier statt. Eine Volksmenge, die unter antisemitischen Rusen durch die Straßen zog, griff die Juden thätlich au. Die jüdischen Geschäftsleute schlossen Sic Kaufläden. Gendarmerie musste einschreiten. Enquete über die Lage der galizischen Juden. Die von der „Oesterreichisch - israelitischen Union" veranstaltete Enquete über die Lage der jüSischen Bevölkerung Galiziens ist nunmehr abgeschlossen. Es wurden, theils mündlich, theils schriftlich 43 Gutachten von folgenden Experten abgegeben: Den Reichsralhs- Abgeordneten Tr. Emil Byk (Lemberg), Ezecz von LinSenwald (Kozy), Ignaz Daszynski (Krakau), Dr. Peter von Eorski (Krakau), Dr. Heinrich Kolifcher (Czerlany), Dr. Witold R. v. Lewicki, (Lemberg), Jan Kozakiewicz (Lemberg), Professor Tr. Joseph R. v. Milewski (Krakau), Dr. Arnold Rappoport v. Porada (Wien), Dr. Moriz Rosenstock (Skalat), Dr. Thaddäus Rutowski (Lemberg), Dr. Benno Straucher (Ezernowitz); ferner den Herren Salomon Buber (Lemberg), Dr. Karl Dawid (Neu-Sandcc), Arthur Eibenschütz (Krakau), Dr. Gustav Bikeles (Lemberg), Kammerrath Joseph Falter (Krakau), Dr. Elias Goldhammer (Tarnow), Dr. Leo Goldfarb (Lemberg), Dr. Elias Fischler (Stanislau), Dr. Herzberg-Fraenkel (Teplitz), Sections-Ehef Eduard R. v. Gniewosz (Wien), Rachnil Kanarek (Skowierzyn), Bankdirector Moriz Lazarus (Lemberg), Dr. Oswald Kimelman (Uhrinkowce), Dr. Marcus Landau (Wien), Marcus Mahler (Neu-Sandec), Hofrath Professor Dr. Thaddäus Pilat (Lemberg), Professor "Dr. Joseph Rosenblatt (Krakau), Dr. I. Sadger (Wien), Dr. Adolph Ringelheim (Tarnow), Prof. Dr. Leo Sternbach (Krakau), Dr. Ignaz Steinhaus (Jaslo), Dr. Michael Schwarz (Przemysl), Alexander Schorr, (Drohobycz), N. Taubes (Neu-Sandec), Dr. Sigmund §ins (Wien), Dr. Joseph Zipser (Wien), Eommercialrath Ignaz ucker (Wien), Fräulein Dora Horowih (Stanislau), endlich ein Eollectiv-Gutachten der Herren Funkenstein, Dr. Milgrom, Dr. Zipser und M. Grün aus Kolomea, die daselbst eine Local- Enquete zur Beantwortung des Fragebogens abhielten. Als Gast war auch Reichsraths-Abgeordneter Dr. Minkowski bei den Verhandlungen erschienen. Prinzessin?lse. Der Eomyonist Paul Geisler hat der Schwester Heinrich Heines, Frau Eharlotte Embden in Hamburg, eine Oper „Prinzessin Ilse" gewidmet. In das Werk ist nicht nur die gleichnamige Dichtung Heines ausgenommen, sondern auch Gedanken aus denen „Elementargeistern" und Dämonen sind eingewoben. Unangenehme Namensvetter». Der Pariser „Courier" berichtet: Die ungarische Adelsfamilie Esterhazy soll sich dazu entschlossen haben, bei den französischen Gerichten einen ProcesS gegen die Mitglieder der angeblich gräflichen Familie Walsin- Esterhazy wegen unberechtigten Führens des Namens Esterhazy anzustrengen. Der Ursprung des Dreyfus-Syudicats. Die „Pall Mall Gazette“ lässt sich aus Paris über den Ursprung des „Syndicats" Folgendes schreiben: M. Ranc, der bekannte Senator, nahm sich als einer der ersten der Dreyfusaffaire in seinem Blatte, dem „Radical“, an, dessen Herausgeber M. Simon ist. Ein Bruder dieses Herrn Simon hat in der Redaction des „Echo de Paris“ Sitz und Stimme. Kommt da nach dem Erscheinen des ersten Dreyfusartikels in M. Ranc's Blatt der Echo-Simon zum Radical-Simon in die Redaction und bietet seine guten Dienste für die gute Sache an. Sein Vorschlag lief auf eine Theilung von Ruhm und Gewinn hinaus. „Da gibt's nichts zu theilen," setzt der Radical-Simon auseinander, „in der Campagne ist kein Geld zu verdienen." „Wie," ftagt darauf der Echo-Simon, „willst Du damit sagen, dass Ihr umsonst arbeitet?" „Genau das." „Du willst Deinem eigenen Bruder nicht die Wahrheit sagen?" „Ich habe Dir bereits die ganze Wahrheit gesagt. Es ist ja nicht mein, sondern Ranc's Geschäft." „Gut, dann bitte wenigstens Herrn Ranc, mir die Adresse des Syndicats anzugeben, ich werde mit den Leuten auf eigene Rechnung unterhandeln." Bei diesem Anlass wurde der Ausdruck „Syndicat" zum erstenmale in Beziehung zur Affaire Dreyfus gebraucht. Der Radical-Simon leugnete die Existenz eines Syndicats; mit welchem Erfolg, ist ja bekannt. Duell. Am 12. d. hat in Mähr.-Weißkirchen zwischen einem Hauptmann des dortigen Landwehr-Infanterieregimentes Nr. 35 namens Schneider und dem Regimentsarzte Dr. Siegmund Großmann ein blutiges Säbelduell stattgefunden. Ursache des Duells war eine beleidigende anttsemittsche Bemerkung Schneiders gegen Dr. Großmann, welcher Jude ist. Gleich beim ersten Gang erhielt Hauptmann Schneider einen wuchtigen Hieb auf die Brust, später noch einen tiefen Hieb auf die Hand, so" dass er.schwer verletzt ins Garnisonsspital überfuhrt werden musste. Dr. Großmann trug eine leichte Verletzung am Kopfe davon. Die Juden in China. General Tscheng-Ki-Tong schreibt in seinem Werke „China und die Chinesen": „Es ist eine unbestrittene Thatsache, dass ftemde Volker sich bei uns niedergelassen haben, und es existieren sogar noch heute Nachkommen der nomadischen StämkNe bei uns. Unter ihnen befanden sich Juden, welche zweihundert Jahre vor der christlichen Aera, unter der Dynastie der Hau, d. h. zu einer der blühendsten Epochen des Reiches, einwänderten. Der Entdecker dieser jüdischen Colonie ist ein Jesuit des achtzehnten Jahrhunderts, und in dem Bericht über diesen Gegenstand heißt es: Was diejenigen betrifft, welche man hier Thiao-Kin-Kiao nennt, so wollte ich sie vor zwei Jahren besuchen, in dem Glauben, dass sie Juden wären, und in der Hoffnung, das alte Testament bei ihnen zu finden! Ich bezeugte ihnen meine Freundschaft, worauf sie mir sogleich sehr freundlich entgegenkamen. Sie waren sogar so artig, mich zu besuchen. Ich erwiderte ihren Besuch in dem Li - pri - ße, ihrer «ynagoge, wo sie versammelt waren. Hier hatte ich eine längere Unterhaltung mit ihnen. Ich nahm ihre Schriften in Augenschein, von denen einzelne in chinesischer und andere in ihrer eigenen Sprache verfasst waren. Sie zeigten mir ihre heiligen Bücher und erlaubten mir sogar, bis in das Allerhelligste ihres Tempels vorzudringen, von dem das niedere Volk streng ausgeschlossen ist. In diesem befindet sich ein für den Obersten reservierter Platz, den derselbe nie anders als mit dem Zeichen der höchsten Ehrfurcht betritt. Sie erzählten mir, dass ihre Vorfahren aus einem Königreiche des Westens, Juda genannt, stammten, welches Josua erobert habe, als man Aegypten verlassen und das Rothe Meer und die Wüste durchschritten hatte, sowie, dass die Zahl der Juden, welche aus Aegypten auswanderten,sich auf sechshunderttausend belaufen habe. Sie versicherten mir, dass ihr Alphabet siebenunddreißig Buchstaben zähle, dass sie aber gewöhnlich nur zweiundzwanzig desselben gebrauchten, was mit dem Zeugnis des Helligen Hieronymus übereinstimmt, dass das Hebräische zweiundzwanzig Buchstaben hat, von denen zwei doppelt Vorkommen. Wenn sie in ihrer Synagoge die Bibel lesen, bedecken sie das Gesicht mit einem durchsichtigen Schleier,