Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 Sette 3 Tage die gesammte jüdische Bevöllerung mit Watte in den Ohren herumgeht. Herr Schmidt: Ja, um Gotteswillen, was haben denn Sie für ein furchtbar verschwollenes Gesicht? Herr K o h n (wimmernd): Dieser entsetzliche Rheumatismus — ich halt's nicht aus — ich werde mir noch eine Kugel durch den Kopf jagen! Herr Schmidt: Sie armer Mensch! Haben Sie hohle Zähne? Herr K o h n: Ach nein. — Bei uns war nur vorgestern abends Fackelzug. Dr. Lueger ist einer großen Bedrohnis entronnen. Er wäre bald auf seine alten Tage ein Judenstammling geworden — in effigie wenigstens. Die Wiener Stadtväter haben die Absicht, einen Dr. Lueger mit Oelfarben auf Leinwand Herstellen zu lassen, und für diese angenehme Arbeit war — wer weiß, wieso — ein jüdischer Maler ausersehen worden. Gegen diesen widernatürlichen Plan lehnten sich selbstverständlich die Rassenethiker des Wiener Gemeinderathes ganz energisch auf. Und mit Recht. So einem jüdischen Maler ist nicht zu trauen. Wie leicht ist es möglich, dass er dem antisemitischen Bürgermeister mit einem tückischen Pinselstriche eine Judennase ins Gesicht hineinschmuggelt oder sonstwie den Abgott der Wiener Frauen insgeheim im jüdischen Sinne verunstaltet! Das geht nicht! Der jüdische Maler wird also zur Leinwand nicht zugelassen werden, und Dr. Lueger entgeht der Gefahr, ln sILZis auch nur mit einem Tropfen jüdischen Oeles gesalbt' zu werden. Ein Tempelbau in Wien, der nicht aus den hartnäckigsten Widerstand der Antisemiten gestoßen ist, — das klingt märchenhaft. Die Sache wird etwas begreiflicher, wenn man erfährt, dass es sich nur um einen Tempel der Kunst handelt, und zwar um einen antisemitischen Tempel der Kunst. Jawohl, durch die Hallen des neuesten Wiener Theaters, welches man an der Schwelledes kommenden Jahrhunderts erbaut hat,säuselt es ganz vernehmlich : „Nieder mit den Juden!" — Ein bedeutsames Gebäude! Sein Grundstein soll das Grabmal aller bisherigen Dramaturgen, von Aristoteles bis zu seinen modernen Collegen, bedeuten. Die alten, pedantischen Kunstgesetze, die zur Abschätzung eines guten oder schlechten Stückes schon allzulange gedient haben, sind abgethan, und jenseits von Gut und Schlecht nimmt Schneider und Gregorig eine Umwertung der poetischen Werte vor. Dieselbe Vereinfachung der Grundsätze, die schon auf dem Gebiete der Politik sich so erfolgreich bewährt hat, wird auch auf dem Gebiete der Kunst durchgeführt werden — die Reduction aller langathmigen Forderungen auf das kurze Leitmotiv: „Nieder mit den Juden!" Es wird sich alles recht einfach gestalten. Die Katastrophen mit Dolch, Hutschnur, Limonade re. werden nur in den Lustspielen Vorkommen. Je mehr Juden durch Mord oder Selbstmord auf der Bühne enden werden, desto besser wird das Lustspiel sein, desto größer die Heiterkeit im Publicum. Wenn ein Held, der etwa den Namen Löwy führt, einen Haupttreffer macht, so wird das einen wirksamen Schluss für den o. Act einer Tragödie geben. Das Schicksal des Helden wird dem antisemitischen Publicum Thränen des Schmedes entlocken. Kurz, derjenige Dramatiker ist der Shakespeare der Zukunst, dessen Muse in jeder Hinsicht zur Präsidentin des christlichen Wiener Frauenbundes geeignet ist. Es scheint, dass sie in Frankreich wirklich kommt, die Wahrheit. Aber langsam, langsam. Lügen sollen kurze Beine haben. Die Wahrheit ist aber offenbar auch nicht mit besonders langen Extremitäten ausgestattet. Die Rückkehr des Dreyfus soll bevorstehen. 150 Dragoner werden ihn nach Paris escortieren. Diese Escorte versinnbildlicht so recht den krassen Gegensatz zwischen der leichtfertigen Berurtheilung und der schleppenden Rehabilitierung. Ein Uhlan genügte, um den Dreyfus nach der Teufelsinsel zu schaffen, und 150 Dragoner braucht man, um den Dreyfus zurückzubringen. Frankreich fühlt jetzt Theilnahme für den armen Dreyfus; es beginnt eben im Lande zu tagen. Früher hat kein Hahn nach Dreyfus gekräht, jetzt regt sich der gallische Hahn. — Stets krähen die Hähne, wenn es Tag wird. In mehreren Städten Frankreichs fanden wieder Ausschreitungen gegen die Juden statt. Damit hängt ein vielsagendes Ereignis zusammen, das sich in Paris zugetragen hat: In einem großen städtischen Bade war die Stelle eines Badewärters zu besetzen. Auf eine diesbezügliche Annonce hin meldeten sich 65 Reflectanten: 53 Katholiken, 11 Protestanten und 1 Jude. Letzterer ist ein kleines, schwaches Männchen. Der Verwalter des Bades beruft alle Reflectanten in sein Bureau, sieht die Zeugnisse flüchtig durch und acceptiert schließlich den Juden. Allgemeine Bestemdung. „Ja, meine Herren," erklärt achselzuckend der Verwalter, „bei uns in Frankreich muss immer der Jude das Bad ausgießen." E. R. V David Kern, ei« italienischer Dichtervetera«. (Schluss.) Im Sommer 1846 schien es, als sollte Italien das Heil erblühen. Graf Giovanni Mastai-Ferretti, welcher die strengen, reactionären Maßregeln Gregor's X VI. nicht gebilligt hatte, wurde am 16. Juni dieses Jahres auf den päpstlichen Stuhl erhoben. Da er bald nach seiner Thronbesteigung eine allgemeine Amnestie erließ nnd einige Reformen in liberalem Sinne in Angriff nahm, eroberte er sich die aura popularis im Sturme. Viva Pio Nono! hallte es von einem Ende der Halbinsel bis zum anderen. Wie es immerdar des wahren Dichters Aufgabe ist, sich zum Dolmetsch der die Volksseele bewegenden Gefühle zu machen, so stimmte Levi eine Ode an Pius IX. an, in der er den Erwartungen Ausdruck gibt, welche der Genius Italiens in ihn setzt. Er sei von der Vorsehung dazu berufen, dem Elend und der Schmach seines Vaterlandes ein Ende zu machen. Der Himmel habe ihn zum Retter und Besteier seines Volkes auserkoren. So möge er denn das große Werk vollbringen und Italiens Stämme zu einem Bunde vereinigen, in dem Freiheit und Recht herrschen und um Alle ein Band, der Liebe sich schlinge. Er möge aber auch derjenigen nicht vergessen, die, seit Jahrhunderten unterdrückt, bis jetzt kein Erbarmen fanden, und deren Klage bisher ungehört verhallte. Es lebe droben ein Gott, der jede ihrer Thränen zähle und sammle und ihre Klagen endlich erhören werde. Die Ooe schließt mit den ergreifenden Worten: „Zu ihnen wende dich, o Pius, reiche deine mächtige, ruhmreiche Hand, die schon so vielen Verwundeten Heilung brachte, auch diesen Unterdrückten. Nicht umsonst hat der Himmel sie inmitten so langer und schwerer Leiden erhalten; ihre glorreiche Vergangenheit und das Licht, das von ihnen ausgegangen ist, deutet darauf hin, dass sie auch für die Zukunft noch zu Großem bestimmt sind." Der also apostrophierte Papst nahm die Ode gnädig auf und ließ dem Verfasser seinen Dank und seinen apostolischen Segen entbieten. Er ließ auch kurz darauf die Mauern des Ghettos niederreißen. Durch die Reformen Pius IX. war die liberale Bewegung in Italien so mächtig geworden, dass auch die übrigen Fürsten sich ihr nicht entziehen konnten. Namentlich Carl Albert von Savoyen mochte hinter dem Papste nicht Zurückbleiben, und so entschloss er sich nach langem Hin- und Herschwanken endlich gegen Ende des Jahres 1847, einige der dringendsten und von der öffentlichen Meinung am lautesten geforderten Reformen zu gewähren. Zur vollständigen politischen Gleichstellung der Juden, raffte er sich erst in dem folgenden Jahre auf. Diese günstige Wendung der Dinge veranlasste unseren