Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- Die deutsche Thronrede
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Rr. 50 fahrt bedeutete. Und vielleich hat sich einiges in Constantinopel und Jerusalem ereignet, wovon die Thronrede gar nichts ermahnt und das doch für eine nahe Zukunft von großer Erheblichkeit sein wird. Die nüchternen politischen Redner, welche sich ziffermäßig vergegenwärtigen wollen, was die Besiegelung der Freundschaft zwischen Kaiser und Sultan dem Deutschen Reiche einträgt, ahnen freilich nicht, dass es politische und historische Thatsachen gibt, deren Größe sich in Zahlen nicht ausdrücken lässt. Die verstehen aber auch die Persönlichkeit Wilhelms II. nicht, und man kann sie getrost ihrem kümmerlichen Saldo üb erlaffen. Wenn so ausersehene Werkmeister, wie Wilhelm II.. den Dienst der Geschichte besorgen, rückt der Zeiger der Zeit unaufhaltsam vorwärts. Und mit ihm sind auch wir vorwärts gerückt — wir Zionisten, wohlverstanden —, ohne dass wir einer directen Schenkung uns zu erfreuen haben, wie die deutschen Katholiken. Wilhelm II. ist protestantischer Hohenzoller und Kaiser des paritätischen deutschen Reiches; er ist auch ein großer, echter, moderner Mensch. Als solcher hat er dem Zionismus sein „wohlwollendstes Interesse" verheißen und gezeigt. Davon ist selbstverständlich in der jüngsten Thronrede nichts gesagt; aber was seinen Platz nicht hatte und nicht haben konnte in einer Ansprache an die Vertretung des deutschen Volkes, in den gütigen Worten, die Wilhelm II. zu den Vertretern des Zionismus sprach, war es, Ermuthigung und Hoffnung weckend, enthalten und wir vertrauen darauf mit der ganzen Stärke der „Ehrfurcht vor dem Königthum," die ein nationales Vermächtnis unserer Väter ist. m Zwei Parabel«. Von S. Lublinski. I. Ahasver. Eine braunweiße Marmortreppe! Zusammengekauert und tiefeingebückt, mit gekrümmtem Rücken, sitzt auf ihrer drittuntersten Stufe ein uralter, dunkelbrauner Mann. Ein wirrer, greiser Bart und wirres, greises Haupthaar verhüllen, wie den steinernen Rücken des Gebirges der Urwald, seinen ganzen. Kopf, aus dem zwei schwarze, blöde Augen steinern herausstarren. Er sitzt und rührt sich nicht, zittert nicht einmal, bewegt sich nicht. Kein Glied, kein Finger hebt sich empor, der Rücken verharrt in immer gleicher Halbkreislinie, die sich nicht hebt und nicht senkt. Selbst das Haar, bewegungslos und wie erstarrt, versteinert, obwohl, leise schon, eine Brise, vom Meere her anfängt, über die Marmortreppe und über den Uralten hin- und herzuwehen. Aber er sitzt in den Gluten der Sonne regungslos auf der braunweißen Marmortreppe. In ihm ist die Fülle, die nicht sprechen kann, in ihm das grenzenlose Leben, welches der Tod' ist, weil es die Ewigkeiten in sich schließt, in welchen es kein Werden gibt uno kein Vergehen, und welche nicht kennen den Schmetterling Beweglichkeit, nur die Stille, nur jenes versteinerte Meer mit Wellenbergen und Wellenthälern — ein grenzenloser Ocean aus ewigem Marmor! Stein, Tod, Ewigkeit schwebt über diesem Uralten! Das ist Ahasver, der ewige Jude, der dort sitzt. Versteinert und tobt! Und muss wandeln unter denen, welche athmen, unter den Kindern der Sonne und der Zeit, die sich bewegen, und die da wissen vom Werden und vom Vergehen. Immer noch weht die leise, feine Brise über der Marmortreppe hin und her. Sie verfängt sich im starren greisen Haar, im starren greisen Bart, und sie schwillt an ob dieser Todenstille. Sie schnaubt und faucht und braust und zerrt mit Adlergriffen, Flügelschlägen an diesem versteinerten Gestrüpp, das sich nicht rührt und regt, wie auch nicht dieser starre Uralte selbst auf der braunweißen Marwortreppe. Ermattet lässt die Brise nach. Sie keucht und ächzt und stöhnt voll Schmerz und Scham, verhaltener Wuth. Es ringt sich langsam in ihr empor zum letzten, wildrasenden Kampfruf, zum alles niederwirbelnden Flügelschlag. Sie wird zum Sturm. Sie nimmt in ihre Arme den Erdball, den Himmel und das Meer und spielt mit ihnen Ball. Die Marmortreppe ist eingestürzt. Schäumende Meereswogen rollen über die Trümmer ihrer Stufen, schlagen zum tosenden Himmel den weißen Gischt empor. Das Antlitz beleuchtet von den fahlen Gluten gelber Blitze und unter den Füßen die wankende Erde, so wandelt gelassen ein dunkler und schlanker und schöner Mann mit wallendem schwarzen Bart, wallendem schwarzen Haupthaar, durch die Gewitternacht. Das ist Ahasver, der ewige Jude! Und er will nicht mehr sterben — leben, leben, leben .... II. Messias. Zwei Juden, ein junger und ein alter, wandelten die lange, graue Straße bis an das Ende der Welt. Sie suchten den Gesalbten, ihren verheißenen König, der sie nach Jerusalem führen und die Burg Zion wieder aufrichten sollte, den Tempel Salomonis. Siebzig Mal waren sie bis an das Ende der Welt und wieder zurückgegangen, um die ganze Erde herum, und hatten nichts gefunden. Da aber stieg von der langen, grauen Straße der Staub auf und legte sich schwer auf Brust und Glieder, dass sie ermattet niedersanken und vermeinten zu sterben. Und wie sie lagen und schier verschmachteten, kam auf einem weißen Esel ein Mann geritten, der vor ihnen anhlelt. „Trinkt", sagte er, und reichte ihnen einen ledernen Schlauch, in welchem Milch war. Sie tranken, und als sie dann wieder fest auf den Füßen standeu, sagte der Aeltere: „Du kommst auf einem weißen Esel. Bist Du der Gesalbte, unser verheißener König?" „Was wollt Ihr von ihm?" fragte der Unbekannte. „Er soll uns 'wieder nach Jerusalem führen und wieder aufrichten die Burg Zion und den Tempel Salomonis. Wir haben ihn gesucht bis an das Ende der Welt." „Das ist zu weit", sagte der Unbekannte. „Geht nicht bis an das Ende der Welt. Geht nach Jerusalem und errichtet dort die Burg Zion und den Tempel Salomonis." .. Damit ritt er von dannen und war den Augen der beiden Juden, die ihm nachschauten, alsbald entschwunden. P Die Woche. Wien, 14. December 1898. In Tarnow haben die Juden anlässlich des Kaiserjubiläurns bei offenen Fenstern geschlafen. In solch' rauher Jahreszeit! — Diese nächtliche Ventilation der Wohnräurne ist nicht so sehr auf hygienische Maßnahmen der Tarnower Juden, als auf die Bemühungen des Pöbels zurückzuführen, welcher sich's angelegen sein ließ, den Juden einige hundert Scheiben einzuschlagen, just wahrend des Zapfenstreichs. Wenn in irgendeiner Stadt ein Fest gefeiert wird, so kann man darauf schwören, dass am nächsten